Unsterblichkeit führt zu Unmenschlichkeit

Die Netflix-Serie „Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm“ beschäftigt sich mit diesem Menschheitstraum – mit ernüchterndem Fazit. Von José García
Filmszene aus  „Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm"
Foto: Netflix | Takeshi Kovacs (Joel Kinnaman) bekommt einen neuen „Sleeve“ (Körper), als er im 24. Jahrhundert aus dem Tiefschlaf geweckt wird.

Auch wenn das Klonen von Langschwanzmakaken gezeigt habe, dass „im Prinzip auch Menschen geklont werden könnten“, blieben Menschenklone „technisch gesehen“ vorerst eine Utopie, stellte unlängst Stefan Rehder in dieser Zeitung fest (DT vom 8. Februar).

Was für die Wissenschaft in (unerwünschter?) ferner Zukunft liegt, ist in der Science-Fiction-Branche jedoch längst zum Gedankenspiel geworden. Darin liegt denn auch der gesellschaftsethische Gehalt dieses Literatur- und Filmzweigs: Auf dem Papier oder der Leinwand können Entwicklungen „erprobt“ werden, die sich unter heutigen Laborbedingungen als unmöglich ausnehmen. In Spielfilm weisen seit etwa geraumer Zeit immer wieder Regisseure – von Nick Hamm („Godsend“, 2003) über Michael Bay („Die Insel“, 2005) bis Benedek Fliegauf („Womb“, 2011) und Mark Romanek („Alles, was wir geben mussten“, 2011) – auf die Folgen eines solchen Eingriffs hin, der letztlich den Traum von der Unsterblichkeit zum Ziel hat.

Die neue, nach dem gleichnamigen Roman von Richard K. Morgan von Laeta Kalogridis entwickelte Netflix-Serie „Altered Carbon – Das Unsterblichkeitsprogramm“ handelt von einer Welt, in der der Tod nicht mehr unausweichlich ist. Im 21. Jahrhundert gelang es, den menschlichen Geist als DHF (digitale humane Fracht) zu codieren und in einen kortikalen „Stack“ – eine kleine Scheibe – zu speichern, die dann in verschiedene „Sleeves“ genannte Körper übertragen werden können. Im 24. Jahrhundert hat diese Technik dazu geführt, dass sich die Superreichen zu in Anlehnung an Methusalem genannten „Meths“ geworden sind. Sie leben im „Aerium“ in ewigem Sonnenschein hoch über den Wolken. Ihr Bewusstsein wird alle 48 Stunden gespeichert und kann in „Designer“-Sleeves oder Klone ihrer früheren Körper heruntergeladen werden. Der Traum der Unsterblichkeit ist erreicht – doch nur, wenn man das nötige Geld dazu hat.

Die meisten Menschen hingegen fristen ihr Dasein in ärmlichen Verhältnissen unter Dauerregen in gefährlichen Städten – das Produktionsdesign erinnert an Ridley Scotts „Blade Runner“. Das Bewusstsein mancher wird wieder zum Leben erweckt, nur um sich in einem vom für das interplanetare Recht verantwortlichen UN-Protektorat zugeteilten Sleeve wiederzufinden. Als Ausnahme gelten „Neo-Katholiken“, gläubige Menschen, die sich mit einem „religiösen Code“ registrieren lassen. Ohne diesen Code hätten sie keinen Zugang zu den Sakramenten. Es ist wieder einmal bezeichnend, dass in einem fiktionalen Werk „gläubige Menschen“ mit (Neo)-Katholiken gleichgesetzt werden, obwohl es etwa von einem Polizisten heißt, er sei Muslim. Jedenfalls sind Gläubige die einzigen, die sich weigern, „den Körper von den Toten zu holen“.

Die Handlung von „Altered Carbon“ beginnt, als der reichste Mann der Erde, Laurens Bancroft (James Purefoy), dafür sorgt, dass der als Terrorist eingestufte Takeshi Kovacs (Joel Kinnaman) nach 250 Jahren aus dem Tiefschlaf geweckt wird, um den Mord an sich selbst aufzuklären. Zwar wurde Bancrofts „Ich“ nach dem Mord wieder in dessen Klon transferiert, aber dabei wurden 48 Stunden seiner Erinnerungen gelöscht. Kovacs war „ins Eis“ gelegt worden, weil er (nun gespielt von Will Yun Lee) im 21. Jahrhundert zu einer Gruppe Freiheitskämpfern, den Envoys, gehörte. Deren Führerin Quellcrist Falconer (Renee Elise Goldsberry) lehnte sich gegen die totalitäre Herrschaft der Meths und des Protektorats, letztendlich aber gegen die Unsterblichkeit auf.

Zwischen den zwei Zeitebenen springt „Altered Carbon“ immer wieder hin und her. Bei der Aufklärung des Mordes an Bancroft in der „Jetzt-Zeit“ des 24. Jahrhunderts stellt sich Kovacs im von Gewalt geprägten „Bay City“ (dem ehemaligen San Francisco) allerlei Fragen: In wessen Körper wurde er transferiert? Was ist aus Quellcrist geworden? Warum engagiert sich Lieutenant Kristin Ortega (Martha Higareda) so für ihn? Kann er dem ehemaligen Offizier Elliott (Ato Essandoh) und der KI (Künstlichen Intelligenz) namens Poe (Chris Conner) trauen? In einer Welt der wechselnden Körper kann nicht nur alles gekauft und verkauft werden. Die Schlussfolgerung: „Dein Körper ist nicht Dein Ich“ führt außerdem dazu, dass der menschliche Leib entwürdigt wird – was seinen Niederschlag in einem Übermaß an Sex- und noch mehr Gewaltszenen findet. Die Grenze zwischen richtig und falsch verschwimmt vollkommen. James Purefoy, der Darsteller von Laurens Bancroft, nennt als eines der Themen der Serie „die korrumpierende Wirkung der Unsterblichkeit“. Denn das Unsterblichkeitsprogramm – so heißt es ausdrücklich – brachte keine Befreiung. Stattdessen „hungert es uns nach Dingen, die die Realität nicht mehr bieten kann“.

Wie in den eingangs erwähnten Spielfilmen fällt die Schlussfolgerung vernichtend aus: „Wir kämpfen gegen die Unsterblichkeit. Die Erfindung von ,Stacks‘ war ein Wunder – und der Anfang der Zerstörung unserer Spezies.“ Was daraus würde, „ist nicht menschlich“. Denn: „Der Tod war der letzte Schutz vor den finsteren Engeln der menschlichen Natur.“

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