Unsicher über Kunst und Welt

Internationalität, aber auch Skepsis: Die documenta 13 in Kassel entdeckt Kunst in fast Allem – Ein höchst subjektiver Rundgang. Von Werner Häussner
Foto: Häußner | Was ist das Leben? Was ist der Mensch? Alexander Tarakhovskys Installation fragt provokant: Erschöpft er sich in den 80 000 Plastikröhrchen zu je 60 000 Genen seiner Installation?
Foto: Häußner | Was ist das Leben? Was ist der Mensch? Alexander Tarakhovskys Installation fragt provokant: Erschöpft er sich in den 80 000 Plastikröhrchen zu je 60 000 Genen seiner Installation?

Wer sich auf die documenta13 in Kassel begibt, sollte erst einmal alle gängigen Kunstbegriffe fahren lassen. Es wird ihm so gehen wie dem Flaneur, der unversehens in Tino Sehgals Performance im Bode-Saal des Hotels Hessenland gerät. Angelockt von rhythmischen Geräuschen und Singen betritt er zögernd den dunklen Saal, sieht erst einmal gar nichts, hört den vielstimmigen Singsang – und realisiert allmählich, dass sich in der Dunkelheit Körper bewegen, Köpfe rhythmisch zucken; dass die Stimmen nicht aus irgendwelchen Lautsprechern kommen, sondern ihre Träger durch die Finsternis schweifen. Wer seine Position verändert, verändert den Klang. Und wer stehen bleibt, hört, wie sich die Elemente des Klangs verschieben, weil sich ihre Erzeuger im Raum bewegen. Das ist faszinierend, etwas unheimlich auch, unbehaglich, aber Neugier fördernd. Man berührt etwas oder jemanden, man wird berührt. Und manchmal flackert ein düsteres Licht auf und zeigt eine Momentaufnahme der Menschen im Raum, wie sie sich verteilen, was sie gerade tun. Der Augenblick wird zum Ausgangspunkt der Orientierung – aber die Bewegung im Raum bleibt offen, unkontrollierbar, unvorhersehbar.

Dem 1976 geborenen, in Berlin lebenden Sehgal, ist sein Plan, den Besucher zum Bestandteil eines Konzepts zu machen, hier noch besser gelungen als bei seiner viel bespöttelten „Contemporary“-Performance bei der Biennale in Venedig 2005. Aber seine Arbeit in Kassel könnte exemplarisch stehen für das Nicht-Konzept dieser documenta. „Ich würde mir als bekennende Skeptikerin wünschen, dass Besucher sich ein wenig unsicherer fühlen, wenn sie die documenta gesehen haben: in Bezug auf das, was sie zu wissen meinen über die Kunst und ihr Verhältnis zur Welt“, sagte Carolyn Christov-Bakargiev der Kunstzeitschrift „art“. Sehgal verunsichert in seiner Performance zutiefst. Und mancher wird erleichtert sein, die Gruft der zischenden, knurrenden, heulenden und singenden Stimmen wieder verlassen zu haben.

Sehgals Werk zu besuchen lohnt eben nicht, wenn man sich nicht einlassen will. Man könnte das erweitern: Der Besuch der documenta lohnt nicht, wenn man sich nicht einlassen will. Das ist zwar eine hanebüchene Weisheit; sie gilt für zeitgenössische Kunst überhaupt, weil der Betrachter seine emanzipierte Rolle ausfüllen sollte, um sich die Werke zu erschließen. Aber Christov-Bakargiev radikalisiert diesen Ansatz. Am liebsten wäre ihr der Besucher, der alles, was er weiß, durcheinanderwirbeln lässt, um noch einmal von vorne anzufangen. Wer die skeptische Grundhaltung der Kuratorin ernst nimmt und sie nicht auf die zugegeben seltsamen und esoterischen Ideen von einer De-Anthropologisierung der Welt oder dem Stellenwert von Hunden reduziert, wird auch auf Installationen wie die wandernde Zypressen-Schwadron der Polin Maria Loboda in der Karlsaue oder den bewachsenen Müll-Hügel des Chinesen Song Dong mit Erkenntnis-Neugier reagieren. Oder auf die Mangold-Pflanzungen des Schweizers Christian Philipp Müller – der übrigens eine viel beachtete Pflanzen-Skulptur, „Die neue Welt“, für den Barockgarten der Abtei Melk geschaffen hat. Der Sinn für das Langsame, für den langen Atem der Schöpfung, für die allmähliche Verwandlung, für die Durchsetzungskraft des Lebens wird auch entdecken, wer mit Natur-Mystizismus oder einem schlichtweg alles abdeckenden Kunstbegriff nichts anfangen kann.

Freilich gibt es auf der documenta auch die Kunst, die sich in den klassischen Formen äußert, als Malerei, als Skulptur, als Film oder Fotografie. Um zu entdecken, lohnt es sich auch für diese Bereiche, die Herzstücke der Ausstellung zu verlassen. Nie zuvor hat es bei einer Documenta so viele Orte außerhalb von Fridericianum oder Kunsthalle gegeben, die lohnen, aufgesucht zu werden. Zum Beispiel das Gloria-Kino, ein Filmpalast der fünfziger Jahre, in dem auch das Filmprogramm der documenta gezeigt wird. Tagsüber stehen auf der Leinwand Videos der 1974 geborenen US-amerikanischen Konzeptkünstlerin Trisha Donnelly: ein Bild, im goldenen Schnitt vertikal durch eine Linie gegliedert, mit der größeren statischen Fläche und der kleineren, in der sich ein feiner Schleier in imaginärem Wind bewegt. Oder ein Gebäude, über dessen Linien stetig ein goldener Lichtstreifen wandert, der sie in abstrakte Muster und skulpturale Körper zu verwandeln scheint.

In der Documenta-Halle dominieren vier Großformate der in New York und Berlin lebenden Äthiopierin Julia Mehretu den ersten Raum. 2012 für die documenta entstanden, vereinen sie Chaos und Ordnung: Fallen zunächst farbige Flächen, Linien und Graphe, an japanische Tuschezeichnungen erinnernde Flecke und Farbverreibungen ins Auge, erschließt der Betrachter allmählich ein Gewirr feinster geometrischer Linien, die sich als Bruchstücke von Architekturzeichnungen und Plänen erschließen. Dass es sich um öffentliche Räume handelt, in denen sich im vergangenen Jahr 2011 Menschen versammelt hatten, um für politische Veränderungen zu demonstrieren, erfährt man aus dem Begleitbuch – das, nebenbei bemerkt, viele unverzichtbare Informationen enthält. Mehretu schafft nicht nur souverän entworfene und das Auge sättigende Kunst; sie macht die Spannung zwischen der unbeherrschbaren Vielfalt, den chaotischen Überwürfen und den inneren konstruktiven Prinzipien von Systemen sinnenfällig.

Ein Kennzeichen dieser Documenta ist ihr räumlicher und ihr zeitlicher Ausgriff: Sie überzieht die Stadt Kassel wie nie zuvor mit Ausstellungsorten; sie findet gleichzeitig in Kabul und dem Ort der zerstörerischen Schändung der Buddha-Statuen durch die Taliban in Bamiyan, in Kairo und Alexandria und in Banff in Kanada statt. Tief in der Zeit grabend, zeigt sie von den fast 5 000 Jahre alten „baktrischen Prinzessinnen aus Nordafghanistan bis hin zu Alltagskram aus Hitlers Münchner Wohnung Gegenstände, in denen sich Erinnerung verdichtet. Da ist „Kunst“ nicht mehr – wie in den durch Kriegseinwirkung zu Klumpen verschmolzenen Artefakten aus dem Museum Beirut – oder nie gewesen – wie in dem Handtuch mit den Initialen A.H., das die amerikanische Kriegsberichterstatterin Lee Miller 1945 als Souvenir mitgenommen hat.

Ein anderes Leitthema, das sich durch die Ausstellungen zieht, ist die Frage nach Gewalt, Krieg, Traumatisierung. Da wird ein Apfelbäumchen in der Karlsaue gepflanzt: ein „Korbiniansapfel“, benannt nach Pfarrer Korbinian Aigner. Der Bauernsohn aus Hohenpolding war Priester und Zeichenlehrer am Knabenseminar in Scheyern – also niemand, der im Sinne eines orthodoxen Kunstbegriffs für eine Documenta ausgewählt würde.

Dennoch hängen einige seiner 900 Zeichnungen von Äpfeln und Birnen im zentralen „Brain“ der documenta 13. Aigner wurde im Dritten Reich denunziert und in Dachau inhaftiert. Dort züchtete er die damals als „KZ-3“ bezeichnete, bis heute angebaute Apfelsorte. Bis 1966 hat er sich als „Apfelpfarrer“ der Verbreitung von Obstsorten gewidmet. Aigner verkörpert exemplarisch, was die documenta 13 mit ihren vier „Positionen“ beschreibt: (unfreiwilliger) Rückzug, Beobachtung durch Andere (in der Form lebensbedrohlicher Überwachung), Hoffnung und Optimismus und das Einnehmen einer Rolle. Was die Position Aigners mit seiner christlichen Überzeugung zu tun hat, wird auf der Documenta allerdings nicht thematisiert.

Eine andere, allein durch ihr Werk tief beeindruckende Persönlichkeit ist Charlotte Salomon. Die deutsch-jüdische Künstlerin, im Alter von 26 Jahren in Auschwitz ermordet, schuf 1941/42 eine Serie von 1 325 Gouachen, von denen sie 769 zu einem Werk mit dem Titel „Leben? oder Theater? Ein Singspiel“ zusammenfasste. Es ist dezidiert Kunst im autobiografischen Kontext, aber mit einer Eindringlichkeit, der sich der Betrachter nicht entziehen kann. Die Gouachen thematisieren traumatische Erinnerungen und Erlebnisse: die Serie von Selbstmorden weiblicher Familienmitglieder, der Aufstieg der Nazis, Emigration, sexueller Missbrauch, aber auch die Frage nach der eigenen künstlerischen Identität und Berufung. „Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn“ – dieser Satz aus dem 32. Kapitel des Buches Genesis beschäftigt Salomon immer wieder. Die Rollen-Definition, die in der Frage nach Leben oder Sterben gipfelt, wird in dem sich jeder Zuordnung entziehenden Bild-Theater Salomons existenziell zugespitzt gestellt.

Über die Erweiterung des Kunstbegriffs ist viel debattiert worden – und viele Ergebnisse müssen sich den Vorwurf des schieren Subjektivismus gefallen lassen. Dass die documenta 13 physikalische und genetische Forschung einbezieht, ist aus der Perspektive ihres universalistischen Ansatzes nur konsequent. Angesichts der revolutionären Erkenntnisse der Physik könnte man fragen, ob Gott, der Würfler, Gott, der Konstrukteur oder Gott, der Ingenieur nicht durch Gott, den Künstler zu „ersetzen“ wäre. Die Debatte über das, was Realität ist, bewegt sich jedenfalls von allen bisher festgefügten rationalistischen Weltbildern weg; die materialistischen sind ja bereits vor Jahrzehnten entkräftet worden.

Anton Zeilinger, österreichischer Quantenphysiker, zeigt auf der Documenta seine Experimente zur Quantenverschränkung, bei der es um gegenseitige Wechselwirkung von Teilchen über unbegrenzte Räume hinaus geht. Ein Thema mit Brisanz, dessen theologische Tragweite noch lange nicht ausdiskutiert ist.

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