Würzburg

Unsere Gesellschaft ist bevölkert von Narzissten

Das Phänomen des Narzissmus ist im Zeitalter der digitalen Medien weit verbreitet. Dabei war schon der Maler Albrecht Dürer vor 500 Jahren ein Meister der Selbstinszenierung. Der Selbsterhöhung aber folgt nicht selten der Sturz in den Abgrund.
Selbstdarstellung in Sozialen Netzen
Foto: Jens Kalaene (dpa-Zentralbild) | Eitle Selbstbespiegelungen, wie wir sie aus den Sozialen Medien kennen, sind kein neues Phänomen, meint Ute Cohen.

Die Publizistin Ute Cohen beschäftigt sich in einem Essay in der „Tagespost“ mit dem Phänomen des Narzissmus: „Eitle Selbstbespiegelungen, wie wir sie aus den Sozialen Medien kennen, sind kein neues Phänomen. Die Malerei strotzt vor Selbstinszenierungen. Ganz vorn im gezielten Eindruck schinden, auch „Impression Management" genannt, lag der fränkische Maler Albrecht Dürer. Dessen "Selbstbildnis im Pelzrock" aus dem Jahre 1500 ist eine christusgleiche Inszenierung, die so manch Instagrammer langweilig und uninspiriert wirken lässt.

Die Bibel bietet das beste Beispiel für Hybris

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Selbsterhöhung aber folgt nicht selten der Sturz in den Abgrund. Die Bibel bietet das beste Exempel für Hybris: Luzifer, der schöne Jüngling, war nichts anderes als ein Narziss, dessen Arroganz ihn zu Fall brachte. Im Vergleich zu Ovids Narziss hatte er jedoch Glück. Luzifer wurde als Satan das Reich des Bösen zuteil. Narziss hingegen löste sich auf.“

Heute dagegen, so Cohen, betrachte man das Phänomen des Narzissmus wie auch des Bösen weniger poetisch. „Im psychoanalytischen Zeitalter versucht man die Handlungen zu verstehen und als Pathologie zu klassifizieren, um Heilung in Aussicht zu stellen. Die französische Psychiaterin Marie-France Hirigoyen lässt keinen Zweifel daran, dass wir uns in einer narzisstischen Epoche befinden. Begründet sieht sie die Sucht nach Anerkennung und Bewunderung im kapitalistischen System, das Gier befördere und mit seiner Devise "Schneller, höher, weiter!" die Menschen zu Getriebenen mache.

Wir ertragen keinerlei Beschneidungen von Freiheit mehr

Unsere Gesellschaft sieht sie bevölkert von eitlen grandiosen Narzissten wie Trump, manipulativen perversen Narzissten wie Putin und verletzlichen Narzissten, die sich beständig als Opfer gerieren, um Bestätigung zu erhalten und Vorteile abzuschöpfen. Die narzisstische Übermacht rührt nach Hirigoyen daher, dass wir durch das erfolgreiche Streben nach Freiheit an einem Punkt angelangt sind, an dem wir keinerlei Beschneidungen von Freiheit mehr ertragen. Kritikunfähigkeit und Überempfindlichkeit gehen mit der steten Angst vor Verletzung Hand in Hand.“ 

DT/mee

Zwischen Kunst und Psychiatrie: Ute Cohen über das Phänomen des Narzissmus. Lesen Sie den ganzen Text in der kommenden Ausgabe der Tagespost. Holen Sie sich das ePaper dieser Ausgabe kostenlos

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