Unsere tägliche Manipulation geben wir uns heute

Wie im Fernsehen gegen die Kirche agitiert wird – Ein Erlebnisbericht

In diesen Tagen findet man, selbst in bürgerlichen Redaktionen, auf gut einsehbaren Flächen, vielfach Kopien von Witzen über Priester und Kirche. Zum Beispiel die Kopie eines Achtung-Schildes, ähnlich einem Wildwechsel. Auf ihm laufen im roten Dreieck zwei Kinder vor einem Priester davon, der sie zu greifen sucht. Alles natürlich im Schattenriss. Damit wird suggeriert: Es geht um eine öffentliche Gefahr für Kinder, die Gefahr lauert an jeder Ecke, sie kommt aus dem Dunkeln. Das Verbrechen einiger weniger wird auf alle Priester und Geistlichen projiziert. Und nach diesem Muster agitieren auch etliche Journalisten. Einzelne Fälle werden verallgemeinert, vor allem im Fernsehen. Wenn diese Art zur Methode wird, dann handelt es sich um Manipulation. Das ist Missbrauch mit dem Missbrauch. Die Opfer werden erneut instrumentalisiert. Aber so wie der Missbrauch offenkundig gemacht werden muss, um ihn zu ächten, so sollte auch die Manipulation aufgedeckt werden – auch mit Fakten und Namen. Und das sei deutlich gesagt: Nicht um die Verbrechen an den Kindern und Jugendlichen zu verharmlosen oder zu relativieren, sondern um den zweiten Missbrauch ebenso aufzudecken und damit die Verhöhnung der Opfer zu verhindern.

Einen solchen Manipulationsfall hat der Autor selbst erlebt. Es handelt sich um eine Talkshow im Südwestrundfunk namens Nachtcafe, moderiert von Wieland Backes. Die Sendung läuft seit 23 Jahren und ist eine Art Aushängeschild des Senders, denn im Nachtcafe wird in der Regel normal und sachlich diskutiert. Allerdings nicht (mehr), wenn es um Kirche geht. Die Vorbereitung zur Sendung am Freitag den 18. März lief ganz gewöhnlich. Im ersten Vorgespräch schilderte man mir, dass es anlässlich der Missbrauchsskandale in der Runde mit Herrn Backes um ein sachliches Gespräch über Zölibat, Ehe und Sexualmoral gehen soll. Eigentlich wollte ich mich an solchen Runden nicht beteiligen. Meine Fachgebiete seien die Außenpolitik und seit einigen Jahren auch die Familienpolitik. Ich habe deshalb auch eine Einladung von „Hart aber fair“ zunächst abgelehnt, nachdem die Redaktion von Herrn Plasberg so ehrlich war, mir die Absichten und Ziele der Sendung zu erläutern. Dort suchte man einen „Prügelknaben“, der sich nach Möglichkeit auch wehren sollte, das sei unterhaltsamer. Die Dame aus der Redaktion von Nachtcafé zeigt sich empört und versichert, das sei bei Backes alles ganz anders, sachlich und gediegen eben, für ein Publikum aus der bürgerlichen Mitte der Gesellschaft. Dann ruft Herr Backes selber an, fragt nach meiner Meinung über die Unauflöslichkeit der Ehe, über Homosexualität und Zölibat und tut so, als seien das die Themen, vor allem die Unauflöslichkeit der Ehe. Der Autor lässt sich im guten Glauben auf diese Thematik auf die Talkshow ein.

Erste Zweifel kommen auf, als er am Morgen der Sendung im Internet die Ankündigung und auch Sätze liest, zum Teil als Zitat, die er in den Vorgesprächen nie gesagt hatte. Zum Beispiel, dass er gegen „jedwede Form der Verhütung“ sei. Die Unterscheidung zwischen künstlicher Verhütung und natürlicher Familienplanung war schlicht unter den Teppich der Ideologen gekehrt worden. Auch hatte er nicht jenen so weltfremden Satz gesagt, noch wäre er ihm je eingefallen:„Wenn man im Sinne einer moralischen und lebendigen Familie denkt, wird Verhütung absolut überflüssig“. Wer soll so etwas verstehen? Dagegen hatte er argumentiert, dass er auf dem Boden der Enzyklika Humanae vitae stehe, in der die Ehe wunderbar beschrieben werde, als sublimer Ausdruck personaler Freundschaft und in der aufgrund der zum Leben offenen Liebe zwischen Mann und Frau sich eine Empfängnisverhütung mit künstlichen Mitteln ausschließe, weil man damit auch Gott als Schöpfer der Natur von der Liebe ausschließe. Eine natürliche Verhütung werde deshalb von der Kirche als konform mit dem Willen des Schöpfers betrachtet und als Mittel gesehen, um einer schwierigen Lebenssituation steuern zu können. Darüber wurde vorher gesprochen und das könne der Autor in der Diskussion auch zum Ausdruck bringen. Nun diese Ankündigung.

Vor der Sendung so besprochen, doch dann kam es anders

Der Moderator, vom Autor vor Beginn der Sendung darauf angesprochen, bittet darum, nicht gleich zu Anfang in eine Kontroverse zu starten. Das müsse aber richtiggestellt werden, meint der Autor. Backes bittet, davon abzusehen, solche kleinen Fehler kämen schon mal vor, er werde es in einer Frage korrigieren.

Auch hier überwog noch der gute Glaube an eine sachliche Diskussion. Zwar fügte Backes bei der Vorstellung der Gäste das Wort „künstliche“ vor Verhütung ein, die Frage aber kommt nicht. Sie ist nicht vorgesehen, so wie es auch nicht vorgesehen ist, auf grundsätzliche Überzeugungen des Autors oder auch Lehren der Kirche einzugehen. Mit anderen Worten: Obwohl der Moderator des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eine durchaus aggressive Sendung im Sinn hatte, wollte er die ehrliche Kontroverse vermeiden, die durch eine Richtigstellung entstanden wäre. Da wäre von Anfang an viel Luft aus dem emotionalen Heißluftballon abgelassen worden. Es ging ihm um die Aggression gegen die Kirche und die Zerstörung ihrer Glaubwürdigkeit.

Auch von Treue und Unauflöslichkeit der Ehe war entgegen der Absprache in der Sendung überhaupt nicht mehr die Rede. Sollte es auch nicht sein. Das geht aus dem Skript hervor, das der Autor sich unmittelbar nach der Sendung aus einem der Papierkörbe gefischt hat. Aus diesem Skript geht auch klar hervor, dass die Sendung darauf angelegt war, mit Extremfällen, die verallgemeinert werden sollten, die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche ins Lächerliche zu ziehen, natürlich auf Kosten der „angeklagten“ Gäste. Dazu sollte gleich zu Beginn einer der Gäste, ein bekennender Atheist, einen Angriff gegen die Kirche und alle Katholiken reiten. Dieser Gast, Beda Stadler, der mit dem Charme des schweizer Dialekts gröbste Beleidigungen gegen die Kirche und alle Katholiken ausstieß (Stil: Sie onanieren doch alle; Sie sind alle Lügner und Heuchler), entpuppte sich als Verbündeter des Moderators. Der schritt auch nicht ein, dagegen schnitt er sowohl dem Moraltheologen Eberhard Schockenhoff als auch dem Autor fast regelmäßig das Wort ab, sobald einer von beiden mit Argumenten die Diskussion versachlichen wollte.

Zu den Gästen gehörte ein schwuler evangelischer Pfarrer, eine Pfarrangestellte, die jahrelang mit dem katholischen Priester der Gemeinde ein Verhältnis hatte und ihn schließlich heiratete, als sie ein Kind von ihm erwartete. Sie alle wurden vom ausgesuchten Publikum mit viel Applaus gefeiert. Ein Mitglied der Redaktion saß in einer Ecke und feuerte jeweils bei Äußerungen gegen die Kirche mit Applaus die Zuschauer an. Auch eine Schwester, die in Afrika jahrelang tätig war, durfte lange ihre Geschichte erzählen. Dazu gehörte am Ende, dass sie ihren Orden verließ, weil sie Kondome an Prostituierte in Afrika verteilt hatte, was die Glaubenskongregation nicht gutheißen konnte und die ihre Erfahrungen in einem Buch („Was Gott verhüten möge“) rechtfertigte. Backes ließ sie erst von den anderen Gästen hochleben und fragte dann die Katholiken: Was sagen Sie dazu?

Ein unbekannter Zuschauer mailte dem Sender: „Ihre Sendung erinnerte gestern an ein Tribunal. Damit beginnen Medien eine neue PC-Inquisition zu begründen und treten die gesellschaftliche Nachfolge der katholischen Kirche an, der sie genau solche Vorgänge vorwerfen. Die Absicht, die zwei Vertreter der katholischen Kirche vorzuführen und dem Diktat der politischen Korrektheit zu unterwerfen, war klar erkennbar. Als Diskussionsleiter agierten Sie ungewohnt einseitig und unterbrachen die beiden Herren, wenn Ihnen die Meinung nicht passte. Medienwirksame Individualfälle waren vorbereitet (schwuler evangelischer Pfarrer, arme, ausgeschlossene Ordensschwester) um die beiden Herren vorzuführen. Dabei ließen sie denen wenig Chance, Gedanken zu entwickeln. Eine Überzahl Kirchengegner saßen den zwei ,Angeklagten‘ gegenüber. Auf die Situation der ehemaligen Nonne einzugehen, wäre selbst dann schwer möglich gewesen, wenn es berechtigte Gründe für das ,Ausscheiden‘ aus dem Orden gegeben hätte. In einer solchen Situation dem Opus Dei Mann die journalistische Pistole an die Brust zu halten und zu fragen ,Was sagen Sie dazu?‘ halte ich für unredlich.“ Die Sendung sei ein „Medientribunal“ gewesen und habe ihn an Johannes B. Kerner und Eva Herman erinnert. Aber „Religionsfreiheit ist ein Grundrecht. Mit den Verbrechen Einzelner, die Religionsfreiheit für die katholischen Kirche aushebeln zu wollen, ist Missbrauch“.

Die klassische Sündenbock-Methode

Es ist in der Tat Manipulation (auch des Publikums), wenn man Gäste zu einer angeblich offenen Diskussion einlädt und vormacht, es gehe um einen sachlichen Austausch von Argumenten. In Wirklichkeit ging es um die klassische Sündenbock-Methode: Den Bock töten, ohne Lösungen zu suchen und dann so weitermachen wie bisher. Wollten Herr Backes und sein Team damit von Pädophilengruppen außerhalb der Kirchen ablenken? Als der Autor nach der Sendung den Moderator Backes darauf ansprach, dass er in den vielen Jahren journalistischer Tätigkeit noch nie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk eine so unfaire Sendung erlebt hätte, meinte er nur: „Da stehen Sie allein mit Ihrer Meinung“. Er war an einem Gespräch nicht interessiert, sein Plan war aufgegangen. Er folgte dem derzeitigen Motto, das in puncto Kirche offenbar lautet: Unsere tägliche Manipulation geben wir uns heute.

Was lernt man daraus? Zumindest, dass man sich als Vertreter der Kirche in welcher Funktion auch immer derzeit gut überlegen sollte, sich auf das Fernsehen einzulassen. Sicher gibt es auch Redaktionsleiter, die um Fairness bemüht sind. Aber auch das ist keine Garantie. Es gibt den Binnendruck in Redaktionen. Überhaupt ist Fernsehen für Diskussionen ungeeignet, in denen emotional hoch beladene Themen sachlich diskutiert werden sollen. Es gibt immer ein, zwei Gäste, die nur wegen ihrer Quotenträchtigkeit eingeladen sind und von der Sache keine wirkliche Ahnung haben. Was beim Fernsehen zählt ist die Wirkung, nicht das Argument.

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