„Unsere Entscheidung heißt: Freiheit!“

Der von Papst Franziskus zum Kirchenlehrer ernannte Gregor von Narek über die „Würde von uns allen“, die wir in der Hand des Himmels sind. Von Herbert Maurer

„Unsere Entscheidung heißt: Freiheit!“ Dieser Satz des Gregor von Narek, den Papst Franziskus im April 2015 zum Kirchenlehrer ernannt hat, ist so etwas wie die emotionale Bilanz des dreitätigen pontifikalen Besuches in Armenien. Das Gedenken und das Bekenntnis zum Völkermord war einmal mehr ein Signal des Papstes an die Weltgemeinschaft, an jene Welt, in der Religion immer wieder zum Garanten des zivilen Gewissens werden sollte. Die Reaktion der Türkei war reflexartig und wenig originell: Schon im vergangenen Jahr ließ der türkische Präsiden Erdogan verlauten: „Der geehrte Papst wird diese Art von Fehler höchstwahrscheinlich nicht wieder begehen.“ Er wolle ihn dafür „rügen und warnen“.

Franziskus hat diesen „Fehler“ wieder begangen und klare Worte gesprochen, nochmals das Wort „Genozid“ ohne Pathos und im Sinn der Menschenwürde in den Mund genommen. Franziskus wäre nicht er selbst, als Theologe der Freiheit, wenn er nicht auch aktuelle gesellschaftspolitische Themen angesprochen hätte, in dem Sinn, dass Armenien im Focus ein Abbild der Weltgemeinschaft ist. Er warnte vor der Rückwärtsgewandtheit, er warnte vor der Verliebtheit in die Traditionen. Man sei stets in der Gefahr, den Glauben auf etwas aus der Vergangenheit zu reduzieren, als sei er „ein schönes Buch mit Miniaturen, das in einem Museum aufbewahrt werden muss“.

Die Miniaturen in den armenischen Bibelhandschriften sind unvergleichlich schön, der Buchmaler Roslin ist der Star der Buchmalerei des 11. Jahrhunderts. Aber, so der Papst: „Wenn der Glaube in die Archive der Geschichte eingeschlossen wird, verliert er seine verwandelnde Kraft, seine lebendige Schönheit und seine positive Offenheit allen gegenüber. Der Glaube ist Hoffnung für die Zukunft.“ Damit werden zwei Erzählungen der armenischen Geschichte weitererzählt, allgemein gültig und weit über die Grenzen Armeniens hin-aus: Der armenische Autor Hrant Matevossian hat in seiner international gefeierten Erzählung „Metsamor“ darauf hingewiesen, dass kein Land zu einem Museum werden darf – im uralten Kulturland Armenien ist diese Gefahr besonders groß –, dass sich keine Religion und keine religiöse Kultur in die Vergangenheit flüchten darf. 1 000 Jahre zuvor hat jener Gregor von Narek, dessen Heimatkloster längst von den Türken dem Erdboden gleichgemacht wurde, folgendes geschrieben, durch und durch seelenverwandt mit dem Papst – man könnte den Kirchenlehrer wohl auch als Schutzpatron oder Inspirator dieser Pontifikalreise bezeichnen. Dieser uralte Text ist wie der „Soundtrack“ des Papstbesuches in Armenien. Es geht um Inspiration im besten Sinn des Wortes:

So will ich von der Würde von uns allen reden

und von unsrer Größe, ja, von uns, den kleinen Kindern

den falschen großen Menschen

voller Angst

und mit viel Stolz

nicht nur mit Demut und zum Dank für das Geschenk das Lebens …

allein um der Lebendigkeit

und um des Atemholens willen …

für den Atem

und im Namen dieses Atems

ohne den es kein Lebendigsein mehr gibt.

nicht um die Gabe geht es

sondern nur um den, der gibt, in jedem Augenblick …

der, der gibt, der lebt und atmet mit uns allen …

ich lebe deshalb, weil mir jemand leben gibt, mich atmen lässt

nicht wichtig ist der Lärm der Feier

wichtig ist das Schlagen jener Herzen, die noch feiern

das Leben und den Tod und … überle- ben

wir suchen Schutz in unsren Händen

denn die Hände sind der Himmel

in der Umarmung überleben wir den Tod

ob groß ist, klein oder unendlich …

vergessen wir die Schwerkraft,

die Nacht in unsrem Kopf

träumen ist fliegen und denken ist gut

und: wenn wir hoffen sind wir Könige

des Lebens.

heilen ist etwas …

zwischen Himmel und Erde

heilen ist etwas …

zwischen einander, zwischen dem Tod und dem Leben

zwischen dem Gestern und unserem Morgen …

unsere Entscheidung heißt: Freiheit … !

(Übersetzung aus dem Altarmenischen von Herbert Maurer)

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