Unerforscht: Die Rolle der katholischen Presse unter Hitler

„Als Kind habe ich in der lieben Heimat niemals schlechte Beispiele und Verführungen zur Sünde gesehen, sondern nur Vorbilder unerschütterlich festen Glaubens, treuen katholischen Lebens, festen Gottvertrauens, aufrichtiger Frömmigkeit und inniger Liebe zur Kirche“, schrieb 1933 der neue Bischof von Münster, Clemens August von Galen, in einem Brief nach Dinklage, seinen Geburtsort.

12 844 Einwohner, davon 4 344 Jugendliche unter 25 Jahren, zählt heute das Städtchen im Oldenburger Münsterland. Diese katholische Ecke in Niedersachsen, die die Landkreise Vechta und Cloppenburg umfasst, verzeichnet die höchste Geburtenrate in ganz Deutschland. Zugleich meldete die wirtschaftlich blühende Gegend bei der jüngsten Bundestagswahl das beste Ergebnis für die Unionsparteien, sogar recht deutlich vor den Hochburgen der CDU in Baden-Württemberg oder der CSU in Bayern.

Professor Joachim Kuropka versammelte jetzt in dem, wie er sagt, „schwärzesten Wahlkreis“ der Republik renommierte Wissenschaftler auch aus Israel, Polen und den USA, um die Stabilität katholischer Milieus in der Endphase der Weimarer Demokratie und in der Hitlerzeit zu analysieren. Wie widerstandsfähig, wie resistent blieben die konfessionell geprägten Lebenswelten gegenüber dem Aufstieg des Nationalsozialismus? Historiker, Theologen, Ökonomen und Politologen verglichen ein Dutzend Regionen und Städte miteinander: vom Emsland über das thüringische Eichsfeld bis zum Ermland im alten Ostpreußen, von der linksrheinischen Pfalz über Passau bis ins heutige Polen, nach Gleiwitz in Oberschlesien und zur Grafschaft Glatz, an der einstigen Grenze des Reichs zur Tschechoslowakei.

Kuropka, aus Schlesien gebürtig und mittlerweile emeritiert, hat an der kleinen Universität Vechta die Arbeitsstelle für Katholizismus- und Widerstandsforschung geleitet. Er kennzeichnete das Oldenburger Münsterland als eine der dichtesten konfessionellen Lebenswelten und daraus folgend als eine Hochburg des politischen Katholizismus, also der 1933 untergegangenen Deutschen Zentrumspartei. Zwar sei bereits in der Weimarer Phase eine gewisse Erosion festzustellen, doch auch die NS-Gleichschaltung habe den „Milieuzusammenhang“ letztlich nicht gefährden können.

Für die Identität der unterschiedlichen Regionen spielte übrigens die damals außerordentlich vielfältige katholische Presse eine Hauptrolle, die noch näher zu erforschen wäre. Einen Band mit allen Beiträgen der dreitägigen Konferenz unter dem Titel „Die Grenzen des Milieus“ will Kuropka im kommenden Jahr herausgeben.

Oldenburger Kreuzstreit: Auch für Lutherbilder gekämpft

Derweil erinnert im Oldenburger Münsterland noch viel an Bischof Galen, der die Lehre des Christentums als wirkungsvollsten Damm gegen die Unmenschlichkeit des Nationalsozialismus vertrat. Weit über Westfalen hinaus wurden 1941 seine mutigen Predigten gegen die Ermordung von Geisteskranken bekannt. Die Burg Dinklage, wo er 1878 zur Welt kam, ist seit 1949 ein Kloster. Vor dem Eingang stehen noch zwei Linden, die Clemens August und sein Bruder Franz am Tag ihrer Kommunion gemeinsam mit dem Vater gepflanzt haben. Die Benediktinerinnen im Kloster pflegen das Erbe, betreiben in der ruhigen Waldlage auch einen Klosterladen mit Café. Bald wollen sie ein anderes Nebengebäude zu einer Gedenkstätte für den 2005 seliggesprochenen Oberhirten umgestalten.

Mitten im Milieu lernte der spätere „Löwe von Münster“ das Laufen. Sein Vater war Reichstagsabgeordneter der Zentrumspartei, und vom Großonkel Wilhelm Emanuel von Ketteler, dem berühmten Mainzer Bischof, bewahrte er ein kostbares Buch als Geschenk auf, das heute in einer Vitrine in der Pfarrkirche Sankt Catharina ausgestellt ist.

Clemens August von Galen, kurz vor seinem Tod 1946 zum Kardinal erhoben, kehrte zeitlebens immer wieder nach Dinklage zurück und sprach einmal davon, dass ihn das „Verlangen nach katholischer Luft“ in die alte Heimat seiner Familie ziehe. Seinerzeit 1934, als sich der konservative Kirchenfürst bereits gegen das NS-Regime wandte, scholl bei seinem Besuch ein Lied aus der Epoche des Kulturkampfes mächtig durch die Reihen: „Fest soll mein Taufbund immer stehen.“ Das alte Kampflied war nun wieder als Bekenntnis gegen den unchristlichen Zeitgeist zu verstehen.

Zwei Jahre später, 1936, tobte der Oldenburger Kreuzkampf, an den ein eigenes Denkmal in Dinklage erinnert. Das Kirchenvolk, von Galen unterstützt, setzte sich gegen das Hitlerregime erfolgreich für den Verbleib der Kreuze – und Lutherbilder – in den Schulen ein. Das Motto des Bischofs lautete: Nec laudibus, nec timore (Weder durch Lob noch durch Drohung weiche ich von Gottes Wegen ab). Nicht nur für das Oldenburger Münsterland scheint Galen heute noch oder heute wieder als eine Identifikationsfigur zu taugen.

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