Und so wurde Gott schließlich sesshaft

Der wichtigste Ort jüdischer Gottesverehrung: Zur Bedeutung des Jerusalemer Tempels und seiner Westmauer für das Judentum. Von Wolfgang Sotill
Foto: KNA | Für gläubige Juden seit der Zerstörung des Tempels der wichtigste Ort der Gottesbegegnung: die Westmauer.
Foto: KNA | Für gläubige Juden seit der Zerstörung des Tempels der wichtigste Ort der Gottesbegegnung: die Westmauer.

Am Montag hat der Heilige Vater die Westmauer besucht. Damit hat er den dafür besten Tag gewählt. Und doch sah er nicht, was andere christliche Pilger jeweils montags und auch an Donnerstagen an diesem heiligsten Ort des Judentums erleben: Die Feier einer Bar Mitzwa. Während wir Katholiken drei Stufen – die Taufe, die Erstkommunion und die Firmung – durchlaufen, um als religiös großjährig zu gelten, unterziehen sich männliche Juden im Alter von 13 Jahren nur einem einzigen Initiationsritus: der Bar Mitzwa. Danach können sie in der Synagoge zum Minjan gezählt werden, zu jener Zehnzahl, die notwendig ist, um einen offiziellen Gottesdienst abhalten zu können.

Diese Zehnzahl geht ursprünglich auf Abraham zurück, der mit Gott über die Anzahl der Gerechten in Sodom und Gomorra verhandelt hat. „Mein Herr, zürne nicht, wenn ich nur noch einmal das Wort ergreife. Vielleicht finden sich dort nur zehn. Und wiederum sprach er: Ich werde sie um der zehn willen nicht vernichten.“ Wie wir aus dem Buch Genesis (18,16–33) wissen, waren es aber keine zehn Gerechten und deswegen wurden die Städte auch zerstört.

Sind es nun junge Juden aus dem arabischen Raum, die an der Westmauer zu „Söhnen der Worte Gottes“, eben Bar Mitzwot werden, dann ist dies eine besonders fröhliche Feier. Unter Trommelwirbel und den lauten Rufen „David Melek Israel“, „David, König Israels“ werden sie vom Misttor im Süden der Altstadt durch die Sicherheitsschleusen hin zur Westmauer geleitet. Dort lesen Sie ein Stück aus der Tora und interpretieren dieses. So wie es der zwölfjährige Jesus von Nazareth unter der Bewunderung der Tempelpriester auch schon getan hat (vgl. Lukas 2,41 ff).

Der Mutter, den Schwestern und auch allen anderen weiblichen Verwandten des jungen Mannes ist der Zugang zu der Feier auf der Männerseite streng untersagt. Sie müssen sich damit begnügen, auf wackeligen Sesseln stehend von der Frauenabteilung aus über eine Balustrade zu den Männern hinüberzuschauen. Wenn es sich um sephardische Juden handelt, dann machen sich die Frauen zweifach bemerkbar: durch Überschlagen der Zunge, was sehr laute Obertöne produziert, und durch das Werfen von Süßigkeiten auf die Männerseite.

Dies alles hat Papst Franziskus nicht erlebt, denn an diesem Montag war die Mauer von gläubigen Juden frei und nur für ihn allein reserviert. Aber Pilger können dieses bunte, freudige religiöse Fest an jedem zweiten und fünften Tag der Woche beobachten. Und sie werden angesichts der Freude verstehen: der im Deutschen verwendete Ausdruck Klagemauer ist völlig widersinnig. Zwar klagen fromme Juden tatsächlich über die Zerstörung des Tempels am neunten Av des Jahres 70 nach Christus durch die Römer, aber sie tun dies eben nur an einem Tag des Jahres.

An allen anderen Tagen ist die Mauer ein besonderer Gebetsort. Einer, an dem man sich Gott am nächsten wähnt. Denn in dieser westlichen Begrenzungsmauer des Tempels, die die Römer in ihrer Zerstörungswut aus ungeklärten Gründen nicht niedergerissen haben, hat Gott „Schechina“ genommen. Er hat dort seine „Wohnung“ bezogen, nachdem sein Haus, der von Herodes dem Großen errichtete Tempel, zerstört war. Weil die frommen Juden glauben, ihrem Gott hier räumlich ganz nahe zu sein, stecken sie kleine Bitt- und Gebetszettel in die Ritzen der Mauer. Johannes Paul II. hat dies bei seinem Besuch im Jahr 2000 auch getan. Nur wurde sein „Zettel“ – anders als die übrigen – später nicht in der Erde Jerusalems begraben, sondern archiviert.

Will man die Bedeutung der Mauer, beziehungsweise des Tempels für das Judentum verstehen, muss man in der Geschichte Israels etwa 3 000 Jahre zurückgehen. Und zwar bis zu König David, der um die Hilfe wusste, die Gott ihm in den Kämpfen gegen die Philister hatte zuteil werden lassen. Ein wenig beschämt sagte der König Israels deshalb zum Propheten Nathan:„Ich wohne in einem Haus aus Zedernholz, die Lade Gottes aber wohnt in einem Zelt.“ (2 Samuel 7,2). Im Buch 1 Chronik (21,18–30) wird dann beschrieben, wie David zum Jebusiter Arauna geht, um von ihm am höchsten Platz der damals bewohnten Stadt Jerusalem – dort, wo heute der Felsendom steht – ein Grundstück zu erwerben. Dort wollte David seinem Gott einen Tempel errichten, was ihm dieser – so der biblische Bericht – aber verwehrt hat, denn David hatte zuvor die schöne Batseba verführt und geschwängert, während deren Mann Urija bei der Eroberung von Rabba (heute Amman) kämpfte.

Es war schließlich Davids Sohn Salomon, der um das Jahr 970 den ersten Tempel in Jerusalem errichtete. Damit war dieser Gott Israels, der sein durch die Wüste Sinai wanderndes Volk bei Nacht in einer wegweisenden Feuersäule, und bei Tag in Form einer Schatten spendenden Wolke begleitet hatte, plötzlich ein sesshafter Gott geworden. Und das passte zu Israel, denn auch dieses war nicht mehr ein Volk nomadisierender Stämme. Seit der Landnahme unter Josua im 13. und 12. Jahrhundert siedelten die zwölf Stämme fest in dem ihnen von Gott verheißenen Land.

Vom salomonischen Tempel gibt es keine archäologischen Spuren. Aber immerhin definierte dieses erste Gotteshaus bis heute den Ort jüdischer Gottesverehrung in Jerusalem. Wie groß war das Entsetzen im Jahr 586 vor Christus, als die heilige Stadt von den Babyloniern zerstört und das Volk ins Exil geführt wurde. Damals wurde erstmals die Kehrseite des salomonischen Tempelbaus sichtbar: Der Gott Israels war nämlich nicht mehr länger – wie seinerzeit bei der Wüstenwanderung – ein mobiler Gott, der sein Volk hätte begleiten können, sondern er saß in seinem Tempel fest. JHWH war in Jerusalem verblieben, während seine Verehrer ohne ihn und außerhalb seiner Einflusssphäre hunderte Kilometer weiter östlich im Gebiet des heutigen Irak lebten. Der Psalm 137 bringt das zum Ausdruck: „An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten.“ Zion ist gleichzusetzen mit dem Land Israel, in dessen gedachter Mitte der Tempel liegt.

Aus dieser verzweifelnden Gottesferne entwickelt das Volk Israel einen großartigen Gedanken: Man kann Gott nicht nur mit Opfern verehren, so wie dies im alten Orient üblich war, sondern auch unblutig im Gebet. Das waren die Anfänge der Synagoge, wo man zusammenkam, um zu lernen und zu beten. Diese Institution sollte bestehen bleiben, auch nachdem König Kyros es Israel im Jahre 538 gestattet hatte, aus der Babylonischen Gefangenschaft nach Jerusalem heimzukehren und den zerstörten Tempel wieder zu errichten. Dieser war ein sehr bescheidenes Gebäude, so bescheiden, dass Herodes der Große (73 bis 4 vor Christus) beschloss, diesen Bau zu erneuern.

Dazu hatte Herodes gute Gründe. Zwar war er der König der Juden, aber er selbst war kein Jude – zumindest nicht nach der von den Rabbinern festgelegten Definition. Das wiederum erzürnte viele seine Untertanen, die fromm der Tora folgten, in der es hieß: „Nur aus der Mitte deiner Brüder darfst du einen König über dich einsetzen.“ (Deuteronomium 17,15). Zudem hatte Herodes durch die Machtübernahme im Jahre 37 vor Christus dem jüdischen Herrschergeschlecht der Hasmonäer ein Ende bereitet. Diese waren aber im Volk überaus beliebt, hatten sie es doch geschafft, nach dem Makkabäeraufstand im Jahre 165 einen eigenständigen jüdischen Staat zu gründen. Und einen dritten Grund gab es für Herodes noch, den Tempel zu bauen. Er, der dem griechisch-römischen Lebensstil frönte und seinen Luxus in der von ihm gegründeten Stadt Caesarea Maritima auslebte, musste seine frommen Untertanen beruhigen. Und das tat er mit dem Bau des Zweiten Tempels, dessen Baubeginn mit dem Jahr 18 vor Christus festzusetzen ist.

Als Herodes seinen Untertanen seinen Plan mitteilte, waren diese zunächst gar nicht begeistert. Zu sehr fürchteten sie, der König könnte den alten Tempel abreißen und keinen neuen errichten. Erst als er begann, 1 000 Priester zu Steinmetzen auszubilden – denn nur sie sollten das Allerheiligste, in dem Gott wohnt, errichten dürfen –, legte sich der Argwohn der Juden. Bis zu 18 000 Menschen haben zeitgleich an diesem Tempel gearbeitet, der mit 143 000 Quadratmetern Fläche das größte Einzelbauwerk der Antike war. So gigantisch der Unterbau des Tempels auch war – es wurden bis zu 600 Tonnen schwere Steine verbaut –, so wunderbar war der Aufbau, der in zwei Etappen errichtet wurde. Das Allerheiligste und der Opferaltar waren bereits nach 18 Monaten Bauzeit fertiggestellt – zu ihrer Einweihung wurden 300 Ochsen geschlachtet. Bis zur völligen Fertigstellung der Anlage dauerte es aber bis in die Mitte der sechziger Jahre nach Christus.

Dieser Tempel war, was die Ausmaße und die Ausstattung mit Mosaiken, weißem Marmor und Goldverzierungen anlangte, so gigantisch, dass es später im Talmud hieß: „Wer den Tempel des Herodes nicht gesehen hat, der hat sein Leben lang nichts Schönes gesehen.“ Dieses Gotteshaus war aber vor allem in seiner Bedeutung kaum zu übertreffen: Es war die Wohnung Gottes, in deren Innerstes nur eine Person an einem Tag im Jahr, nämlich der Hohepriester am großen Versöhnungstag Yom Kippur, eintreten und den Namen des unaussprechlichen Gottes aussprechen durfte. Wenn Jesus später seine Jünger das Vaterunser lehrt, dann überbrückt dies auch die ungeheure Distanz zwischen dem Schöpfergott und seinen Geschöpfen, was für die Juden ein großes Ärgernis war.

Der Tempel ist im alten Israel aber nicht nur Gebetsstätte, er ist theologische Hochschule, und er ist auch oberster Gerichtshof. Diese Autonomie wurde nur durch die Präsenz der Römer beeinträchtigt, die sogar die Insignien des Hohepriesters in ihrem Gewahrsam hatten. Wollte er den Brustschild mit den zwölf Edelsteinen für die Zeremonien im Tempel verwenden, musste er zunächst einmal bei den Römern in der Burg Antonia vorstellig werden. Welch eine Schmach.

Der Tempel war für die religiöse Führungsschicht aber auch eine gute Einnahmequelle. Denn die Hohepriester kontrollierten die Geldwechsler, die die rituell nicht reinen römischen Münzen in religiös verwendbare Währung umtauschten. Dass die koscheren Münzen auch menschliche Porträts gezeigt haben, nämlich jene der Herrscher aus Tyrus, hat die Tempelleitung geflissentlich übersehen. Der Grund dafür: die tyrenischen Münzen wiesen einen höheren Silbergehalt auf als die römischen. Eine Tatsache, die Jesus sehr aufgebracht hat.

Die Katastrophe war unvorstellbar groß, als die Juden im Jahre 70 nach Christus den Tempel verloren. Sie büßten die Möglichkeit ein, Gott Opfer darzubringen, was sie seit tausend Jahren – abgesehen von der babylonischen Gefangenschaft – ununterbrochen getan hatten. Zudem brach ihr gesellschaftliches und politisches Zentrum weg. Nicht wenige Historiker glauben, die Erschütterung, die der Tempelverlust mit sich brachte, sei durchaus mit jener der Shoa zu vergleichen.

Aber Israel ging nicht unter, sondern es reorganisierte sich neu. Dabei war es behilflich, dass die Institution der Synagoge bereits da war – man hatte zumindest eine Minimalstruktur, auf die man sich verlassen konnte. Und der Tempel? Was geblieben ist, ist die Westmauer. Sie ist ganzjährig und ganztägig von betenden Juden besetzt, egal, ob es in Jerusalem schneit oder hochsommerliche Temperaturen hat. Diese Mauer ist nie ohne Gläubige, die dort Gott verehren und dafür beten, dass der Messias bald kommen möge. Dabei haben sie Geduld. Sie sagen: Auch auf die Rückkehr ins Land unserer Väter haben wir 2 000 Jahre warten müssen.

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