Und jetzt einmal recht leidenschaftslos bitte!

Tristan und Isolde in Bayreuth – Gefasster Liebestod – Christoph Marthalers Inszenierung lässt kaum Raum für Gefühle

Holdes Schmachten, lindes Sehnen: Keine Frage, Wagners Tristan und Isolde kann sehr leicht verkitscht und damit verkürzt werden. Doch ganz ohne Expression und Emotion geht es dann aber auch wieder nicht. Es scheint das Prinzip der diesjährigen Festspiele in Bayreuth zu sein, musikalische Könnerschaft mit schwacher Personenregie und zurückhaltender bis nicht vorhandener Inszenierung zu paaren. So auch am Montag Abend wieder im Tristan. Bayreuth-Veteran Peter Schneider steht am Pult. Dicht, von innen heraus leuchtend, hebt das Vorspiel an. Eros und Thanatos, Begehren und Tod, die beiden Themenkreise des Werkes, klingen an. Die Dichotomie von Sehnsucht und Verlöschen, die die Mitte des Stücks ausmacht, schwebt fein schneidend durch den Raum. Tod und Begehren: So gegensätzlich beider Wirkungen, so gleichlautend doch ihr Motiv, die Befreiung vom Ich.

Das Christentum hinter sich gelassen

Nicht von ungefähr fand Wagner diesen Gedanken bei Schopenhauer wieder, der seinerseits stark vom Buddhismus beeinflusst war. Das Christentum, das Liebe und ewiges Leben zusammendenkt, ja ewiges Leben sich nur als Lieben vorstellen kann, hatte Wagner längst hinter sich gelassen. „O sink hernieder, Nacht der Liebe, gib Vergessen, dass ich lebe; nimm mich auf in deinen Schoß, löse von der Welt mich los.“ Starke, urwüchsige Motive also, die sich einer Inszenierung förmlich aufdrängen.

Christoph Marthaler aber offensichtlich nicht. Die Inszenierung des Schweizer Regisseurs, die nach 2005 und 2006 dieses Jahr zum dritten Mal aufgeführt wird, lässt wie schon Tankred Dorsts Ring, Personenregie sehr vermissen. Einem Singen auf der Rampe gleicht das Stück häufig.

Statisch stehen die Figuren über weite Strecken des zugegebenermaßen handlungsarmen und textlastigen Dramas stieren Blickes umher. Postmoderne Vereinzelung und Unfähigkeit zu echten Gefühlen will Marthaler damit aussagen. Kein Weg führt zum Anderen. Schade nur, dass er sich für seine Deutung ausgerechnet den Tristan ausgesucht hat. Denn es gibt wohl kaum ein Stück, das weniger zu dieser Inszenierung passt als dieses. Da das deutschsprachige Regietheater bekanntlich aber die Stücke der Inszenierung anpasst und nicht umgekehrt, wird sich Marthaler kaum beunruhigt haben. Was nicht passt, wird eben passend gemacht.

Die Kulissen und Kostüme der Bühnenbildnerin Anna Viebrock führten diesen Ansatz konsequent raumbildnerisch aus. Im hellgelben Kostümchen sitzt Isolde dann behandschuht da, Tristan im reichlich engen goldbeknöpften Collegejackett sanft umfangend. Bürgerlichen Muff und Konvention – verortet natürlich in den Fünfzigern – sollen die Kostüme wohl ausdrücken, gegen die ihre Liebe ankämpfen muss. Aus dem – laut Wagners Regieanweisung – Garten mit hohen Bäumen wird ein bedrückend trister gelbfahler Raum. Darin leiden und lieben Tristan und Isolde – nur sieht man es ihnen nicht an. Und hört es nur bei Tristan, der von dem amerikanischen Tenor Robert Dean Smith gesungen wurde.

Weitgehende Textunverständlichkeit Isoldes

Zur Hochform lief der aber dann während des dritten Aufzugs auf, als er im Fieber sterbend Isolde herbeisehnt. Wirklich innig und überzeugend litt er da. Dabei verstand Smith es, große Textverständlichkeit mit gleichzeitiger Expressivität zu verbinden. Die schwedische Sopranistin Iréne Theorin hingegen vokalisiert als Isolde – wie auch Michelle Breedt als Brangäne – vor allem während des ersten Aufzugs derart, dass man ganz auf sein Gedächtnis zurückgeworfen war und das, was es von der Reclam-Lektüre zurückbehalten hat. Beherzte Buhrufe waren deshalb nach dem ersten Aufzug die Folge. Am Schluss aber gab sich das Publikum dann doch versöhnt. Besonders bejubelt schließlich wurde das Dirigat Schneiders. Denn dass keine Gefühle aufgekommen waren, lag nun wirklich nicht an ihm: Klangraum hatte er genug geboten.

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