„Und alles Sein ist flammend Leid“

Tierschicksale – Menschenschicksale: Vor einhundert Jahren ist der Maler Franz Marc bei Verdun gefallen. Von Natalie Nordio
Foto: IN | „Der Turm der blauen Pferde“ (1912/1913), von Franz Marc. Deckfarbe und Tusche auf Papier.
Foto: IN | „Der Turm der blauen Pferde“ (1912/1913), von Franz Marc. Deckfarbe und Tusche auf Papier.

Wenn auf einem Gemälde eine gelbe Kuh über eine rot-braune Weide streift oder drei blaue Pferde in einer Phantasielandschaft rasten, erkennen nicht nur Kunstkenner sofort die Hand des Malers, der diese Werke schuf. Die Rede ist von Franz Marc, dessen bunte Tiere es vor allem in der Neuzeit als Poster und Kunstdrucke in viele heimische Wohnzimmer geschafft haben.

Seine Tiermotive machten ihn berühmt und bis heute unvergessen. Doch ist die Malerei Franz Marcs um einiges tiefgründiger, als man zunächst beim Anblick der bunten Tiere vermuten würde. Maler zu werden war nicht der erste Berufswunsch des jungen Franz Marc. Altphilologie und Theologie wollte er, wie sein großer Bruder Paul, studieren. Zeitweise trug er sich sogar mit dem Gedanken, Pastor zu werden. Obwohl der Vater Wilhelm Marc katholisch gewesen war und beide seine Söhne auch katholisch getauft waren, wurden die Kinder auf Wunsch der Mutter Sophie protestantisch erzogen. Sophie Marc war gebürtig aus dem Elsass, hatte ihre Kindheit in der französischen Schweiz verbracht und dort ein calvinistisches Internat besucht. Als Franz fünf Jahre alt war, konvertierte der Vater zum protestantischen Glauben.

Mit Kandinsky wollte Marc die Bibel illustrieren

Schon als Schüler las Franz mit Begeisterung die Werke Friedrich Nietzsches und entschied sich nach dem Abitur 1899 am Münchner Luitpold-Gymnasium zunächst für ein Studium der Philologie an der Ludwig-Maximilians-Universität. Hätte Franz Marc nicht vor Studienbeginn noch seinen Militärdienst ableisten müssen, wer weiß, vielleicht wäre er nie Maler geworden. Denn während seiner Zeit beim Militär wuchs in ihm der Wunsch, in die Fußstapfen des Vaters zu treten und Maler zu werden. Wilhelm Marc war Landschafts- und Genremaler. Wie sein Vater schrieb auch Franz sich an der Münchner Kunstakademie ein. Doch er merkte schnell, dass er hier nicht glücklich werden würde. An der Hochschule herrschten strenge Regeln, nach denen es zu malen galt. Ein eigener Stil war weder erwünscht noch wurde er gefördert.

Nach einem längeren Frankreichaufenthalt während der Semesterferien war für Franz klar, dass er, an das feste Regelwerk der Akademie gebunden, nie seine eigenen Ideen verwirklichen werde können. Noch ganz dem an der Hochschule gelehrten akademischen Stil ist das Gemälde „Moorhütten im Dachauer Moos“ von 1902 zuzuordnen. Marcs Malerei ist naturalistisch. Die Landschaft, die Hütten und Bäume sind in akribischer Genauigkeit auf die Leinwand gebracht. Im Herbst 1903 verließ er enttäuscht vom Lehrbetrieb endgültig die Kunstakademie und bezog im darauffolgenden Jahr sein erstes Atelier im bei Künstlern beliebten Münchner Stadtviertel Schwabing. Die Begegnung mit dem Tiermaler Jean-Bloé Niestlé war für Marc prägend. Er entdeckte das Tier als Darstellungsmotiv. Eine Vorliebe, von der er nie wieder abließ, die er pflegte und weiterentwickelte. Hierbei interessierte ihn aber nicht die bloße Abbildung des Tiers als zoologische Gattung. Vielmehr sind seine Tiere Sinnbild für Reinheit und Unschuld.

In den darauffolgenden Jahren ist Marc auf der Suche nach seinem eigenen Stil. Er studierte die Werke der Impressionisten und befasste sich mit der Malerei Van Goghs. In Berlin sah er auf einer Ausstellung Werke von Henri Matisse. Die kubistischen Formen, wie sie Picasso und George Braque in ihren Bildern zeigten, beeindruckten Marc sehr. Das Jahr 1910 ist für seine Karriere entscheidend. Im Februar hatte er seine erste Einzelausstellung, auf der neben rund dreißig Gemälden auch viele seiner Lithografien gezeigt wurden. Zu Anfang des Jahres hatte er seinen Malerkollegen August Macke kennengelernt. Beide vertraten die gleichen Ansichten und zum ersten Mal fühlte sich Marc verstanden. Die Freundschaft der beiden Maler hielt zeitlebens.

„Ich suche einen guten, reinen und lichten Stil, in dem wenigstens ein Teil dessen, was mir moderne Maler zu sagen haben werden, restlos aufgehen kann“, schrieb Franz Marc in einem Brief im April 1910 an den Verleger Reinhard Piper kurz vor Erscheinen des gemeinsamen Buchs „Das Tier in der Kunst“. Das von Marc angestrebte Ziel der „Animalisierung der Kunst“, wie er es selbst formulierte, zeigte sich in seinen Bildern zunächst für mehrere Jahre in rhythmisch angeordneten Pferden auf der Weide. Immer stand für Marc die Harmonie von Tier und Natur im Vordergrund. Doch Marc wollte nicht etwa die Welt der Tiere zeigen, sondern die Welt mit den Augen der Tiere betrachtet auf die Leinwand bringen. Er versuchte, sich in das Tier und in die Natur hineinzuversetzen, sich einzufühlen „in das Zittern und Rinnen des Blutes in der Natur, in den Bäumen, in den Tieren, in der Luft“.

Er setzte sich mit der Farbenlehre Goethes und der Farbsymbolik Runges auseinander und entwickelte auf dieser Grundlage seine ganz eigenen Farbengesetze. In einem Brief an seinen Freund August Macke formulierte Franz Marc seine Farbenlehre: „Blau ist das männliche Prinzip, herb und geistig. Gelb das weibliche Prinzip, sanft, heiter und sinnlich. Rot die Materie, brutal und schwer und stets die Farbe, die von den anderen beiden bekämpft und überwunden werden muss!“ Mit Wassily Kandinsky gründete Franz Marc 1911 die Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“, nachdem beide der „Neuen Künstlervereinigung München“ wegen Meinungsverschiedenheiten den Rücken gekehrt hatten. Im Dezember eröffnete die erste Ausstellung der Redaktion „Der Blaue Reiter“. Nur wenige Monate später folgte im Februar 1912 eine zweite Ausstellung, auf der neben anderen Werken Bilder von Paul Klee gezeigt wurden. Zwischen Klee und Marc entstand eine enge Freundschaft.

Franz Marcs Malerei wurde in diesen Jahren zunehmend abstrakter. Naturalistische Formen sucht man nun vergebens. Die Tierkörper setzen sich aus geometrischen Farb-Formen zusammen. Die Hintergrundlandschaften sind nur noch als abstrakte Form- und Farbflächen dargestellt. Zur geplanten Herausgabe einer illustrierten Bibel von Kandinskys und Marc kam es nicht mehr. Die Verhandlungen scheiterten am Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Nur ein Holzschnitt Marcs von der geplanten Bibelillustration hat sich erhalten. Ganz im Einklang mit seinen Tiermotiven hatte Marc sich für die Illustration der Schöpfungsgesichte entschieden. In schwarze und weiße Farbflächen mischen sich vereinzelt Gelb und Grün. Schemenhaft sind einzelne Tierformen in dem Holzschnitt zu erkennen.

Der Erste Weltkrieg sollte nicht nur Europa in ein Blutbad verwandeln, sondern auch einen Keil zwischen die Freunde Kandinsky und Klee einerseits, Marc und Macke andererseits treiben. Kandinsky und Klee verurteilten den Krieg und konnten ihm nichts Gutes abgewinnen. Anders Franz Marc und August Macke. Sie meldeten sich im August 1914 als Kriegsfreiwillige. Beide sahen im Ausbruch des Krieges etwas Positives und dies hatten sie mit vielen anderen Künstlern und Intellektuellen ihrer Zeit gemeinsam. Franz Marc sah im Krieg die zwar grausame, doch einzige Möglichkeit der Heilung und Reinigung eines „kranken Europas“. Von der französischen Front schrieb Marc an seine Frau Maria anfangs noch: „Ich fühl mich so wohl dabei, wie wenn ich immer Soldat gewesen wäre.“ Tief getroffen ist er vom Tod des Freundes August Macke, dennoch aber nach wie vor von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt. Macke war nach gerade einmal zwei Monaten Ende September in der französischen Champagne gefallen. Doch die Stimmung kippte; nach über einem Jahr an der Front urteilte Marc in einem Brief an Lisbeth Macke über den Krieg als „gemeinsten Menschenfang, dem wir uns ergeben haben“. An Maria schrieb er in einem Brief vom 2. März 1916, „seit Tagen sehe ich nichts als das Entsetzlichste, was sich Menschenhirne ausmalen können“. Zwei Tage nachdem er diese Zeilen verfasst hatte, befand sich Leutnant Franz Marc auf einem Erkundungsritt im Umland von Verdun. Doch der Ausritt sollte tödlich enden, als unweit von ihm eine französische Granate einschlägt. Von unzähligen Granatsplittern schwer verwundet erlag Franz Marc seinen Verletzungen.

Gut drei Jahre vor seinem Tod entstand das Gemälde „Tierschicksale“. Es scheint fast so, als habe er in dem von roten scharfen Zacken dominierten Gemälde, in dessen Zentrum ein blau-weißes Reh den Kopf klagend in die Höhe streckt, nicht nur die verheerenden Folgen des Krieges, sondern zudem sein eigenes Ende vorhergesehen. „Und alles Sein ist flammend Leid“, hatte der Künstler auf der Rückseite des Werkes vermerkt. Den Anblick des Gemäldes auf einer Postkarte, die ihm sein Freund, der Kunstsammler Bernhard Koehler, geschickt hatte, formulierte er in einem erneuten Brief an seine Frau: „Es ist wie eine Vorahnung dieses Krieges, schauerlich und ergreifend; ich kann mir kaum vorstellen, dass ich das gemalt habe!“ Ende 1916 wurde das Gemälde im Rahmen der Franz-Marc-Gedächtnisausstellung in Berlin gezeigt. Als es in der Galerie brannte, wurde das Gemälde schwer beschädigt. Paul Klee restaurierte später auf Wunsch Maria Marcs das Gemälde. Er ließ sich nicht lange bitten, seinem guten Freund diesen letzten Dienst zu erweisen.

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