Umstritten über den Tod hinaus

Erstmals überhaupt wird König Herodes eine eigene Ausstellung gewidmet – Das Israel-Museum in Jerusalem präsentiert nie Gezeigtes. Von Oliver Maksan
Foto: dpa | Gebete an der Klagemauer – sie ist ein Überbleibsel des einst von Herodes gebauten Tempels.
Foto: dpa | Gebete an der Klagemauer – sie ist ein Überbleibsel des einst von Herodes gebauten Tempels.

Die Freunde König Herodes' des Großen (73 bis 4 vor Chr.) sind nach ihrer Zahl überschaubar. Octavian Augustus gehörte allen voran dazu. Er bestätigte Herodes' Herrschaft über Judäa nicht nur, sondern erweiterte sie sogar, und dies, obwohl Herodes ein Verbündeter seines schließlich unterlegenen Rivalen Marc Anton war. Echte Freundschaft wohl, wenigstens aber Bewunderung bestimmte das Verhältnis beider Männer fortan. Herodes' Feinde hingegen sind Legion. Die christliche Welt sieht in ihm zuerst den Bethlehemitischen Kindsmörder, den neuen Pharao, der dem neuen Mose Jesus nach dem Leben trachtete. „Bei seinem Charakter“, schrieb Papst Benedikt deshalb auch in seiner Jesus-Trilogie, „war klar, dass er vor nichts zurückschrecken würde“. Und tatsächlich musste sich er, der Idumäer, einer erst mit dem Vater judaisierten Familie entsprungen, zeit seines Lebens behaupten. Die jüdische Dynastie der Hasmonäer machte ihm keinesfalls freiwillig Platz. Daran änderte auch eine Heirat mit Mariamne, einer hasmonäischen Prinzessin, nichts. Sie fiel schließlich seinem berüchtigten Misstrauen ebenso zum Opfer wie die mit ihr gezeugten Söhne Aristobul und Alexander, die in Rom erzogen wurden und sich ihrem Vater durch höhere Bildung wie königliches Blut stets überlegen fühlten. Der jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet ausführlich über die familiären Kabalen und prägt damit bis heute das Bild des Königs, der den Makel nie vergessen machen konnte, nur ein Halbjude zu sein. Die Jerusalemer Aristokratie ließ ihn stets ihre Verachtung spüren. Und auch das Volk verzieh ihm nie, Herrscher von Roms Gnaden zu sein.

Die in der Ausstellung „Herodes der Große: Die letzte Reise des Königs“ im Israel Museum in Jerusalem, dem National-Museum des Landes, derzeit zu sehenden architektonischen Fragmente seiner Herrschaft lassen sich deshalb mit Recht als Ausdruck des Bemühens lesen, fehlende dynastische Legitimität durch eine Bautätigkeit sondergleichen wettzumachen. 30 Tonnen an Stein und Stuck wurden in das Museum gekarrt, das im Ausstellungsareal eigens die Fundamente verstärken musste, um mit der antiken Last klarzukommen. Bis heute sind die Spuren dieses nach Großartigkeit strebenden Unterfangens überall im Heiligen Land zu sehen. Am bedeutendsten wohl ist die Erneuerung des Jerusalemer Tempels und des ihn umgebenden Areals, dessen äußere Westmauer den Juden bis heute als heiligste Stätte ihres Glaubens gilt. Aber auch Caesarea wäre zu nennen, der seinerzeit größte, künstlich angelegte Seehafen des Römischen Reiches, Augustus zu Ehren benannt. Die Paläste in Masada, Jericho, wo er starb, und das Herodium gehören ebenfalls dazu. Hier ließ er sich zu Füßen einer Palastfestung ein Grabmal errichten, das in seiner Rekonstruktion den Höhepunkt der Ausstellung bildet. 2007, nach 35 Jahren Ausgrabungen, stieß der israelische Archäologe Ehud Netzer am Hang des nahe Bethlehem gelegenen, künstlich aufgeschütteten Hügels auf Fragmente des einst turmhohen mehrstöckigen Mausoleums und dreier Sarkophage. Einer davon, aus rötlichem Stein, gilt als der Herodes' selbst, die beiden anderen werden Familienmitgliedern zugeordnet. Der Eifer der Zeloten gegen den Römerfreund Herodes hieb seinen Sarkophag einst in Stücke. Die Rekonstruktion hat ihn wieder zusammengesetzt und nimmt mit gutem Recht an, dass Herodes einst tatsächlich darin lag. Eine Inschrift, die letzte Sicherheit geben könnte, fehlt indes.

Diese findet sich derweil in lateinischer Sprache auf einer aus Italien eingeführten Weinamphore: Tatsächlich war „Herodes, König von Judäa“, ein Bewunderer der römischen Lebensart. Seine Paläste mit ihren Bädern und Theatern zeugen davon. Mosaikleger aus Pompeji schmückten deren Räume. Die königliche Loge seines Theaters im Herodium ist samt erhaltenen Stucks und Wandfresken ebenso zu bewundern wie zahlreiche gläserne und tönerne Artefakte, die vom verfeinerten römischen Lebensstil des Herrschers über die Juden zeugen.

Als Herodes schließlich 4 vor Christi Geburt in seinem Palast in Jericho starb, lagen Jahre der Einsamkeit und Paranoia hinter ihm. Seine Söhne – nach zehn Ehen gab es deren viele – stritten um seine Nachfolge und das Volk feierte seinen Tod. Seinem angeblichen Befehl, im Hippodrom von Jericho festgesetzte Notabeln bei seinem Ableben töten zu lassen, um dem Volk einen Grund zu Trauer und Tränen zu geben, wurde nicht mehr entsprochen.

So angefeindet Herodes zu Lebzeiten war, so kontrovers bleiben auch die Umstände seines archäologischen Weiterlebens. Weil das Herodium im Westjordanland und damit in den von Israel besetzten Gebieten liegt, hat die Palästinensische Autonomiebehörde Protest eingelegt gegen den Transport dortiger Funde nach Jerusalem. Das sei eine Verletzung internationaler Verträge. Das Israel-Museum konterte, die Funde würden nach dem Ende der Ausstellung im Oktober wieder zurückgegeben. Was dort allerdings mit ihnen geschehen soll, ist noch unklar. Von einer Rekonstruktion des Mausoleums am Originalort war die Rede. Herodes bleibt auch zweitausend Jahre nach seinem Tod ein umstrittener Herrscher.

Herode the Great: The King's final journey, bis 5. Oktober 2013 im Israel-Museum in Jerusalem, www.english.imjnet.org.il/home. Englischsprachiger Katalog für ca. 40 Euro

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