Überheblichkeit fordert Rache

„Die Geburt der Geschichte“: Unterschiedliche Welten bei Herodot und Thukydides. Von Clemens Schlip

„Herodot von Halikarnassos gibt hier eine Darlegung seiner Forschungen, damit bei der Nachwelt nicht in Vergessenheit gerate, was unter Menschen einst geschehen ist.“ Mit diesen Worten beginnt das erste Geschichtswerk der europäischen Literatur. Das griechische Wort für „Forschungen“ im Originaltext ist „historia“. Und daher ist jeder, der sich wissenschaftlich mit der Vergangenheit befasst, bis heute ein „Historiker“.

Man nannte den Verfasser dieses Werkes schon in der Antike den „Vater der Geschichte“: den Schriftsteller Herodot (490/480–424 vor Christus) aus der kleinasiatischen Stadt Halikarnassos, der zahlreiche Länder bereiste und daran ging, die „Perserkriege“ zu beschreiben, in denen die vereinten griechischen Staaten die Invasion der asiatischen Großmacht des Perserreiches hatten abwehren können. Herodot legte sein später in neun Bücher aufgeteiltes Werk inhaltlich breit an: Er stellte zum Beispiel auch die Vorgeschichte der großen Auseinandersetzung und die innere Geschichte des Perserreiches dar, sodass sein Werk mehrere Jahrhunderte umfasst und viele verschiedene Regionen in den Blick nimmt. Seine eigenen Reiseerfahrungen ließ der Historiker dabei reichlich einfließen. Deshalb finden sich in seinem Werk etwa auch Exkurse zu den ägyptischen Krokodilen, den von ihm beobachteten Methoden der Mumienherstellung oder dem, was man ihm in Ägypten über die alten Pharaonen erzählt hatte. Sein Werk stellt mit seinen vielen Nebenhandlungen, eindrücklichen Szenen und teilweise sehr amüsanten Anekdoten eine der großen Schatzkammern der Weltliteratur dar, aus dessen reichen Fundus sich Schriftsteller und bildende Künstler bis in die Gegenwart gerne bedienen.

Nach Herodot und dessen Vorbild vor Augen arbeitet ein Athener an der Abfassung eines Geschichtswerks, das einen ganz anderen Charakter hat. Thukydides (454–399/396 vor Christus) beschrieb den Krieg zwischen Athen und Sparta (den „Peloponnesischen Krieg“), in dem er selbst eine Zeit lang als General mitwirkte. Er war schon zu Kriegsbeginn überzeugt, dass dieser Krieg der bedeutendste war, den es jemals gegeben hatte und begann sogleich damit, die Ereignisse schriftlich festzuhalten. Nachdem er von den Athenern ungerechterweise in die Verbannung geschickt worden war, setzte er seine Arbeit an diesem Geschichtswerk über den „Peloponnesischen Krieg“ bis zu seinem Tod fort. Von dem Erzählstil seines Vorgängers distanziert sich Thukydides schon zu Beginn seines Werkes, ohne Herodot direkt zu nennen: er wolle kein „Glanzstück für das einmalige Hören“ liefern, sondern einen „Besitz für immer“. Mit seinem komplizierten Stil stellt er mitunter sehr hohe Herausforderungen an den Leser. Der liebenswürdige Plauderton Herodots ist ihm fremd. An analytischer Schärfe wurde das Werk des Thukydides in der ganzen Antike nicht übertroffen.

Mit diesen beiden Geschichtswerken beschäftigt sich eine neue Monographie des als Privatdozent an der Universität Bonn tätigen Althistorikers Wolfgang Will. Das, worin die Werke der beiden antiken Historiker sich unterscheiden, kommt in seinem auf breiter Kenntnis der Forschung basierendem Buch ebenso in den Blick wie das, was sie trennt. Neben der schon erwähnten unterschiedlichen Erzählweise gibt es weitere signifikante Differenzen. Das Welt- und Menschenbild unterscheiden sich deutlich.

So spielen bei Herodot die Götter eine wichtige Rolle. Jede Überheblichkeit (Hybris) eines Menschen über das Menschengemäße hinaus fordert die Rache (Nemesis) der Götter heraus. Kein Verbrechen bleibt am Ende ohne Sühne. Hinter den scheinbar zufälligen Wechselfällen der Geschichte ist eine gerechte Weltordnung am Werk.

Diese Gedanken kommen besonders auch in dem Bericht über das Geschick des lydischen Königs Kroisos zum Ausdruck. Diesen, einen der mächtigsten Männer seiner Zeit, weist der weise Athener Solon in einem Gespräch darauf hin, dass man keinen Menschen vor seinem Tode glücklich nennen dürfe, da die Zukunft immer ungewiss sei. Kroisos, der sich von Solon das Eingeständnis gewünscht hatte, dass er selbst der Glücklichste der Sterblichen sei, fühlt sich durch diese Belehrung schwer beleidigt. Kurz darauf verliert er durch einen tragischen Unglücksfall seinen ältesten Sohn und wird so für seine Hybris, sich selbst für den glücklichsten Menschen gehalten zu haben, bestraft. Einige Jahre später wird er zudem von den Persern vernichtend geschlagen und verliert sein Reich. Vom Orakel in Delphi erfährt er, dass dies die Strafe für eine Untat war, die sein Vorfahre Gyges, der Begründer seiner Dynastie, fünf Generationen vor ihm begangen hatte. Am Schicksal des Kroisos zeigt sich so eindrücklich die schicksalshafte Ordnung, nach der jeder Frevel einmal bestraft werden wird, sei es früher – wie die Hybris des Kroisos selbst – oder später – wie der Frevel seines Vorfahren Gyges. Zudem muss Kroisos erkennen, dass sein athenischer Gast Solon mit seiner Warnung vor der Unbeständigkeit der irdischen Glücks recht gehabt hatte.

Bei Thukydides gibt es keine einen gerechten Ausgleich verbürgende Ordnung. Schon in der Antike nannte man ihn einen „stillen Atheisten“. Daraus resultiert auch ein wesentlich pessimistischerer Ausblick auf Welt und Menschen: es gibt keine göttliche Gerechtigkeit, Unrecht bleibt ungesühnt, und das Leiden ist sinnlos. An vielen Stellen bringt Thukydides sein Menschenbild zum Ausdruck. Für Thukydides sind der Einzelne wie die Staaten bestimmt vom „Mehrhabenwollen“ (pleonexia). Für Großmächte gibt es daher nur die Wahl zwischen gewaltsamer Expansion oder vollständigem Zusammenbruch. Dieser Mechanismus ist bestimmt von der „menschlichen Natur“ (anthropeía Phýsis), die keiner moralischen Wertung zugänglich ist.

Wie sehr die Mechanismen der Macht Thukydides beschäftigten, zeigt besonders gut der seinem Werk eingefügte „Melier-Dialog“, der den Wortwechsel zwischen den Bewohnern der kleinen Insel Melos und den soeben auf der Insel militärisch gelandeten Athenern wiedergibt: Obwohl gerade offiziell Frieden herrscht, wollen die Athener die Insel auf ihre Seite zwingen und drohen anderenfalls mit der völligen Vernichtung. Verzweifelt versuchen die Melier, den Athenern stattdessen eine wohlwollende Neutralität anzubieten. Die Athener reagieren darauf unter anderem mit der zynischen Feststellung, dass die Definition dessen, was gerecht sei, nur dem Stärkeren zustehe.

Will macht anhand dieser und zahlreicher anderer Fragen deutlich, warum es sich auch heute noch lohnt, sich mit diesen antiken Geschichtsschreibern zu beschäftigen. „Herodot und Thukydides. Die Geburt der Geschichte“ ist eine solide gearbeitete Monographie, vielleicht kein Werk „für immer“ im thukydideischen Sinne, aber doch als Einführung in die Schriften der beiden Geschichtsschreiber sicher ein Standardwerk für die nächsten Jahre.

Wolfgang Will: Herodot und Thukydides. Die Geburt der Geschichte.

C.H. Beck, München 2015, Hardcover, 280 Seiten, ISBN 978-3-406-68217-9,

EUR 24,95

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