„Überall taten Menschen Buße, überall vergaben sie ihren Feinden“

Ein tiefer Blick in die Kunst der Gotik: In ihrem neuen Meisterwerk schreibt Anita Albus über Käuze und Kathedralen. Von Susanne Kessling

Man sieht nur das, was man weiß. Und es gibt nur wenige, die die Augen in einer so poetisch-anmutenden Sprache zu öffnen vermögen, wie Anita Albus. Bereits im knappen Titel offenbart sich die Richtung, in die sie den Leser führt und zugleich verführt. Ihre Vielseitigkeit stellt sie als Schriftstellerin und Malerin unter Beweis. Mit großer Leidenschaft ist sie aber auch, ganz in der Tradition einer Maria Sibylla Merian (1647–1717), Naturforscherin, daher die Käuze. Dann wiederum schreibt sie so kenntnisreich und fundiert über die Kathedrale von Chartres, womit wir dem Titel wiederum ein bisschen näher gekommen sind. Abseits des Mainstream publiziert Anita Albus ihre Artikel und Essays in bibliophilen Ausgaben, wie in „Die Kunst der Künste“, 1997 im Eichborn Verlag erschienen. Es ist ein wunderbar vielseitiger Kosmos, in den der Leser bei der Lektüre eintauchen kann. Und damit eröffnet sich ihm eine ganz eigene Welt. Die Essays von „Käuze und Kathedralen“ wurden ursprünglich in der FAZ veröffentlicht. Sie werden unter anderem durch die Laudatio zum Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa auf Josef H. Reichholf oder die Vorstellungsrede der Autorin vor der Akademie für Sprache und Dichtung, deren Mitglied sie seit 2004 ist, ergänzt.

Welcher heutige Betrachter, der die vornehmlich in der Ile de France beheimateten prächtigen gotischen Kathedralen besucht, blickt nicht voller Bewunderung und Staunen auf die Leistung, die hier von Menschenhand erbracht wurde. Hans Jantzen, stellte in seiner Abhandlung über die „Kunst der Gotik“ dar, wie schwer sich der moderne Mensch tut, die Kirchenräume des 12. und 13. Jahrhunderts zu verstehen. „Selbst wenn sie nach ihrem materiellen Dasein erhalten blieben, scheinen ihre geistigen Dimensionen weithin verborgen.“ Er stellt die damals herrschende Baugesinnung unserer Zeit gegenüber und zitiert Robert von Torigni (um 1110–1186), einen bedeutenden Abt des Klosters von Mont-Saint-Michel und normannischen Chronisten, um die Anstrengungen sichtbar zu machen, die es zum Bau im Jahre 1144 bedurfte. „In diesem Jahre zum ersten Mal sah man zu Chartres die Gläubigen vor Karren spannen, die mit Steinen, Holz, Getreide und wessen man sonst bei den Arbeiten an der Kathedrale bedurfte, beladen waren. Wie durch Zaubermacht wuchsen ihre Türme in die Höhe. So geschah es nicht nur hier, sondern fast allenthalben in Françien und der Normandie und anderorts. Überall demütigten sich die Menschen, überall taten sie Buße, überall vergaben sie ihren Feinden, Männer und Frauen sah man schwere Lasten mitten durch Sümpfe schleppen und unter Gesängen die Wunder Gottes preisen, die er vor ihren Augen verrichtete.“

Im Bann der Pracht der Kathedrale von Chartres

Die prachtvolle Kathedrale Notre-Dame von Chartres wurde aber dann am 11. Juni 1194 von einem verheerenden Feuer heimgesucht. Es war ungewiss, ob die kostbare Reliquie, die Heilige Tunika, die die Jungfrau Maria bei der Verkündigung getragen hatte, den Flammen zum Opfer gefallen war. Wie durch ein Wunder blieb sie aber unversehrt, ebenso wie die berühmten Königsportale der Kathedrale mit ihrer Westfassade und ihren zwei Türmen. Die Gläubigen feierten diese wundervolle Rettung indem sie Buße taten und die zerstörte Stätte wieder aufbauten.

Anita Albus hatte ausführlich über Marcel Proust in „Im Licht der Finsternis“ geschrieben. Sein Hauptwerk „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist dicht und nicht linear erzählt. Er habe seinen siebenteiligen Romanzyklus, der sich auf über mehr als 3 000 Seiten erstreckt und in dem hundert Personen agieren, wie ein Kleid zusammengeheftet. Die Autorin weist darauf hin, dass Proust das Wort „batir“ verwendet. Das Errichten eines Gebäudes wird ebenso mit diesem Verb umschrieben wie es für das Zusammenstecken eines Kleides verwendet wird. „Proust hat seine ,Kathedrale‘ mit der gleichen Opferbereitschaft, Gewissenhaftigkeit und Liebe erbaut wie die Gläubigen des Mittelalters die ihren, und er hat, wie der letzte Satz der Wiedergefundenen Zeit uns lehrt, seine ,Figuren‘ in die gleiche Dimension der Ewigkeit gestellt.“ Nicht zuletzt hier spürt man beim Lesen das hohe Einfühlungsvermögen und und die Sensibilität, mit der Anita Albus ihre Themen aufbereitet. Nicht umsonst wurde ihr 2001 in Paris das Bundesverdienstkreuz für ihre Verdienste der deutschen Kultur in Frankreich verliehen. Noch einmal sei der Blick auf Proust gelenkt. Er hatte 1899 das grundlegende Werk zur gotischen Kathedrale von Émile Male „Lárt religieux au XIIIe siecle en France“, gelesen. Im August 1904 erschien von ihm im Figaro ein mit „Die ermordeten Kathedralen“ überschriebener Artikel, in dem er sich gegen die von der französischen Regierung beschlossene Zweckentfremdung von Kirchen in Speicher und Fabrikhallen wandte.

Anita Albus übt die Malerei mit größter Sorgfalt aus

Hierin schrieb er: „Es gibt heute keinen Sozialisten von Geschmack, der die Verstümmelungen all der Statuen, die Zertrümmerung all der Glasfenster, die die Revolution unseren Kathedralen zugefügt hat, nicht beklagte. Ach, es ist immer noch besser, eine Kirche zu verwüsten, als sie ihrem Zweck zu entfremden. Solange man in ihr noch die Messe zelebriert, bewahrt sie, so verstümmelt sie auch sein mag, wenigstens noch ein bisschen Leben. Am Tag ihrer Zweckentfremdung ist sie tot, und selbst wenn man sie als ein historisches Denkmal vor anstößigen Zwecken schützt, ist sie nichts weiter als ein Museum.“ Auch in ihrem Essay greift Anita Albus in Anlehnung an Proust dessen Überschrift auf.

Und dann gilt es noch einen Blick auf die Bilder und die Künstlerin Anita Albus zu werfen. Es sollte ein langsames und genaues Betrachten sein, kein flüchtiges Einschätzen ihrer Kunst. Denn auch ihre Arbeiten sind so sorgfältig und mit Hingabe umgesetzt, und sie pflegt einen so immensen Aufwand, um ihre sich nah an der Wirklichkeit anlehnenden und detailgetreuen Motive darzustellen. Es sind nur die Eckdaten, dass sie von 1960 bis 1964 Grafik an der Folkwangschule in Essen studierte. Ihr Metier ist das Mischen und eigene Anrühren von Farben, deren Pigmente wie Bleiweiß oder Grünspan sie selbst herstellt. Sie hat es aus der schönen Familientradtion gelernt. Ihr Vater, vorher der Großvater, ja bereits der Urgroßvater waren Chemiker. Wer den großartigen Film über den englischen Maler William Turner, mit Thimothy Spall in der Hauptrolle, gesehen hat, wird sich an die Szenen erinnern, in denen die Farben gemischt werden. In dem bereits erwähnten, bei Eichborn erschienenen, Band „Die Kunst der Künste. Erinnerungen an die Malerei“, widmet sich Anita Albus im dritten Teil ausführlich den Farbpigmenten. In ihm wird deutlich, wie sich die Malerin mit den alten Meistern auseinandersetzte und ihr Auge an deren Werken schulte. Die Illustrationen von Anita Albus findet man in Büchern, beispielsweise in dem Kinderbuch von 1973 „Der Himmel ist mein Hut, die Erde ist mein Schuh“ oder die zauberhaft umgesetzte Gestaltung der einzelnen Kapitel der ebenfalls bei Eichborn erschienenen Ausgabe von Christoph Ransmayrs „ Die letzte Welt“ von 1988. Mit der gleichen Hingabe, mit der Anita Albus sich in ihre Sujets in der Theorie vertieft, widmet sie sich ihnen auch in der Praxis. 2005 war ihr Buch „Von seltenen Vögeln“ erschienen. Von ihren Erfahrungen mit Findelvögeln berichtet sie jetzt in ihrem neuesten Band „Käuze und Kathedralen“. Sie ist vom Frühling bis zum Herbst in ihrem Domizil in Burgund zu Hause. Ohne Berührungsängste päppelt sie hier Kohlmeisen, Blaumeisen oder Schleiereulen auf.

Anita Albus: Käuze und Kathedralen. Geschichten, Essays und Marginalien. S. Fischer 978-3-10-000634-9, EUR 16,99

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