Über allem liegt die Scham

Der Roman „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell zeigt das Grauen des Dritten Reichs

Berlin im Mai 1941. Bei einem Abendessen im Horcher präsentiert der Freund das neueste Gerücht über Russland: „,Wir greifen an. Nächsten Monat.‘ Er machte eine Pause, um die Neuigkeit wirken zu lassen. ,Mein Gott‘ war alles, was ich schließlich herausbrachte. ,Es gibt keinen Gott. Es gibt nur Adolf Hitler, unseren Führer, und die unbesiegbare Macht des Großdeutschen Reichs. Wir sind dabei, das größte Heer der Menschheitsgeschichte aufmarschieren zu lassen. In ein paar Wochen haben wir sie vernichtet‘.“ Getragen von einem grenzenlosen Könnensbewusstsein – alles ist gelungen seit 1933 und die militärischen Erfolge seit '39 sind glänzend – triumphiert eine pseudoreligiöse Hybris, als stünde man im Bündnis mit dem Schicksal. Im Gang durch die Verbrechen im besetzen Russland und Polen erzählt der Roman Karriere und Absturz des SS-Offiziers Max Aue. Das Werk entfaltet die These, dass der Genozid eine Bürokratie voraussetzt, die ihn organisiert und dass es „gewöhnliche Menschen“ sind, die ihn exekutieren; dass es aber der Krieg ist, der den Genozid erst ermöglicht.

Der Jurist Dr. Max Aue arbeitet im Rahmen der Einsatzgruppe C, die in Kooperation mit der 6. Armee für den Südabschnitt zuständig ist, zunächst für die Ukraine, später für den Kaukasus und Stalingrad. Als Offizier des Sicherheitsdienstes ist Aue für die Sammlung von Nachrichten verantwortlich. Er sichtet aufgefundenes Aktenmaterial sowjetischer Dienststellen, wertet die Verhöre von Gefangenen aus, recherchiert die Situation der Bevölkerung vor Ort und schreibt seine Berichte. Die Arbeit dient der Sicherung der Nachschubwege, zugleich der planerischen Vorbereitung der Vernichtung der Juden. Sie werden an Sammelpunkten konzentriert und in Wäldern erschossen. Gelegentlich nimmt Aue an solchen Erschießungen als Beobachter teil.

Schrittweise erkennt Aue die Dimension des Führerbefehls, was es bedeutet, die europäischen Juden in ihrer Gesamtheit zu vernichten. Als Augenzeuge erlebt er – in der Schlucht von Babi Jar wird die jüdische Bevölkerung von Kiew erschossen, dreißigtausend Menschen – wie die Männer des Polizeibataillons moralisch zusammenbrechen. Später ist von elf Millionen Juden die Rede; eine Zahl, die Heydrich als Zielgröße der Wannseekonferenz vorgelegt hatte. Die Anlage von Auschwitz – Gaskammern in unmittelbarer Nähe der ankommenden Bahnwaggons und damit ein Minimum an Kontakt zwischen Tätern und Opfern, vor allem auch bei der Tötung selbst –, er-scheint als die konsequente Logik eines Kalküls, das davon ausgeht, dass die Täter Menschen sind, keine Monster.

Das Generalthema ist der Sozialdarwinismus

Der Roman macht rasch klar, dass sein Protagonist, der in der Rückschau sein Leben erzählt, keine Reue empfindet. Die Figuren erörtern ihre Verantwortung nicht in den Kategorien von Schuld und Sühne. Die Bühne des Romans ist utopiefrei, ohne Erlösung. Auschwitz ist ohne Gott. Ein ironischer Subtext beschwört zwar Bilder des Alten und Neuen Testaments: „,Der Vernichtungsbefehl des Führers ist eine schreckliche Sache. Paradoxerweise hört er sich fast wie ein Befehl Gottes aus der Bibel der Juden an, nicht wahr? So zieh nun hin und schlage Amalek und vollstrecke den Bann an ihm und an allem, was er hat, verschone sie nicht, sondern töte Mann und Frau, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel.‘“ Und die Überwindung eigener Skrupel wird als die Überbietung des großen Beispiels diskutiert, „wir müssen Abrahams Opfer vollenden“. Doch die Frage in höheren SS-Kreisen, ,sind wir etwa wie sie‘, eröffnet keinen metaphysischen Horizont. Die Enttheologisierung des Holocaust ist nicht nur das erklärte Interesse des Autors, der Roman ist auch entsprechend komponiert. Es dominiert unangefochten die pure Faktizität des Historischen.

Umso schwerer wiegt die Last der Taten. Sie sind nicht korrigierbar. Und umso sinnfälliger der Titel. Die euphemistisch als die Wohlgesinnten (Eumeniden) bezeichneten Erinnyen sind präsent bis zur letzten Seite. Sie verfolgen den Protagonisten, der sich schuldig gemacht hat, gnadenlos. Nicht auf der Ebene der Schuld, sondern auf der der Scham. Dass zwei Kripobeamte ihn wie Spürhunde verfolgen, um ihm den Mord an seiner Mutter nachzuweisen, dass sie ihn gar im untergehenden Berlin hinrichten wollen, ist nur die Satire- , die Krimivariante. Es sind komisierte Figuren, als Erinnyen eher von leichterem Gewicht – sie sind sterblich. Deutbar ist deren gewaltsamer Tod als die erfolgreiche Abwehr einer Bedrohung der bürgerlichen Existenz Max Aues. Ganz anders dagegen die Peinigung durch die Scham, die dem Helden bleibt. Sie ist das eigentliche Drama des Romans. Behutsam dosiert, aber doch wie ein Leitmotiv in regelmäßigen Abständen wiederkehrend, begleitet das Wortfeld Scham in seinen Varianten das Voranschreiten der Handlung. Schärfer profiliert sind Aues somatische Reaktionen auf die Zumutungen seines Berufs. Den Schamwunsch, sich selbst zum Verschwinden zu bringen, rationalisiert Max noch in der antiken Klage, das größte Unglück des Menschen sei, geboren zu werden. In Tagträumen beschwört er die Kindheit, gar die Rückkehr ins Uterale. Seine ständigen heißen Bäder sind wie Ersatzhandlungen einer permanenten Regression. Die Selbstverachtung in der autoaggressiven Schamwut agiert Max aus in obszönen Fäkalphantasien, obsessiv gesteigert in Orgien sexualisierter Selbstbe-schmutzung bis hin zur Koprophagie, in die er seine Schwester hineinzieht. Sie hatte sich ihm als Liebespartner entzogen mit dem Tadel, er solle erwachsen werden und die Inzestspiele als vergangenes Glück und jugendlichen Exzess der Erinnerung überlassen.

Wie in dem Modell der Genesis wird die Scham ausgelöst durch das Erkanntwerden im Blick. Exemplarisch hier eine Exekutionsszene in Charkow. Bevor die Partisanin gehängt wird, treten Zuschauer heran, Militärs, unter ihnen der Protagonist, und küssen sie (deutbar der Judaskuss als eine der zahlreichen Imaginationen; die junge Frau erinnert Max an seine Schwester): „Als ich an der Reihe war, sah sie mich an, mit einem klaren, leuchtenden Blick, vollkommen reingewaschen, sie verstand alles, wusste alles, und dieses reine Wissen setzte mich in Flammen.“ Die Scham, die der Blick auslöst, verbrennt ihn buchstäblich: „Ich verkohlte, und die Reste von mir verwandelten sich in eine Salzsäule. [...] Schließlich fiel ich gänzlich zu ihren Füßen zusammen, der Wind erfasste dieses Salzhäufchen und zerstreute es.“ Szenen solcher Blickkontakte zwischen Opfer und Täter forcieren die Dekomposition des Helden. Versuche einer Schamabwehr in der Selbstkonditionierung zu seelischer Härte scheitern. Der Sturmbannführer, der Wert legt auf die tägliche Rasur, die Sauberkeit der Wäsche und einen tadellosen Sitz der Uniform, verkommt von innen. Schließlich setzt die Verwüstung elementare Triebstrukturen frei, Aue wird zum Killer. Im Chaos des Kriegs lebt er im besetzten Frankreich den Hass auf seine Mutter aus (er tötet den Stiefvater, erwürgt die Mutter. Am Schluss erschlägt Aue den Freund, stiehlt dem Toten dessen gefälschte Papiere, um sich nach Kriegsende eine neue Identität zuzulegen.) Aber halten wir fest, Aue wird nicht engagierter Nationalsozialist aufgrund einer perversen Triebstruktur; umgekehrt, zum Psychopathen machen ihn Krieg und SS: „Ich hatte für Volk und Vaterland höchst unangenehme, grauenhafte Dinge getan, die mir vollkommen wesensfremd waren.“

Stellen wie die oben zitierte Exekutionsszene werden angeführt, um Littell Kitsch vorzuwerfen. So erscheint dem Protagonisten die Partisanin im Schnee „unsagbar schön, im Tode zu Hause wie eine Madonnenstatue, Notre-Dame-des Neiges.“ Die Ästhetisierung mag hier für den Versuch stehen, den Schrecken der Tötung abzuwehren. Aber der Erzähler ist ein Ich-Erzähler, alles ist die Rollenprosa eines SS-Offiziers, der als Schüler eines französischen Internats in einer katholischen Bildwelt aufwächst. Sein Kitsch gehört zur Figur, zur „realistischen“ Ausstattung der Innenwelt dieses Helden. Insofern stellt der Roman die Frage nach dem Realkitsch der SS.

Generalthema des Romans ist der rassische, sozialdarwinistisch begründete und an Hygienekonzepten orientierte Antisemitismus. Prägnant wird er gegen traditionelle Formen des Antijudentums abgesetzt: „,Junger Mann‘, erwiderte von Üxküll kalt, ,versuchen Sie nicht, mich den Antisemitismus zu lehren. Ich war schon antisemitisch, da waren Sie noch gar nicht geboren, trotzdem bin ich altmodisch genug, um zu glauben, dass das Sakrament der Taufe in der Lage ist, vom Makel des Judentums reinzuwaschen.‘“ Der moderne, wissenschaftlich fundierte Antisemitismus dagegen sei rational, sachlich, effektiv. Inmitten des Mordens kann es Max empören, wenn sich Judenhass Bahn bricht, wenn ein SS-Mann einen Juden im Affekt mit dem Spaten erschlägt, anstatt ihn zu erschießen. Auch das Militär, das das Programm der physischen Eliminierung faktisch ermöglicht, führt gelegentlich den Ehrenstandpunkt ins Feld. Endlich versucht Aue, sich nach Frankreich versetzen zu lassen; aber vergeblich.

Die Struktur des Protagonisten ist weit gespannt. Manchmal betritt er den Friedhof einer eroberten Stadt, sucht nach dem Grab eines berühmten Dichters und öffnet sich dem Gedanken, dass für die Juden keiner da sein wird, der einen Stein setzt, keine Eltern oder Großeltern, die trauern. Sie töten sie ja alle. Antigones' Frage, wer bestattet den Erschlagenen, findet keinen Adressaten. Doch das Antigonemotiv begleitet wie ein Grundton die Handlung. Einmal gräbt Aue sogar selbst das Grab für einen Juden. „Für die Toten“ lautet die Widmung des Romans.

Mit der Anrede „Ihr Menschenbrüder“ setzt der Erzähler ein. Ist der Appell an die Brüderlichkeit zynisch, angesichts der Lebensbeichte, die folgt? Doch sie erscheint wie die Entäußerung einer gewaltigen Schamlast.

Themen & Autoren

Kirche