Trotzig gegen den Schöpfer

Der Atheist Hitchens über sein Sterben. Von Alexander Riebel
Foto: dpa | Der Atheist Christopher Hitchens.
Foto: dpa | Der Atheist Christopher Hitchens.

Bei der Lektüre von erklärten Atheisten beschleicht den Leser immer der Eindruck, an der völlig falschen Adresse zu sein. Denn was Atheisten wie Richard Dawkins oder Christopher Hitchens in Richtung Religion von sich geben, daraus machen sie ein Geschäft; es sind dennoch billige Argumente, bei denen es in der Regel schon reicht, die Missverständnisse zu zeigen, die sie mit der Religion haben. Oft sind es auch nur Kleinigkeiten, die Atheisten an der Religion vermissen – manchmal genügt schon ein wenig mehr Brucknersches Gefühl, um sofort dabei zu sein. Viel grundsätzlicher sind die Ignoranten des Glaubens, die gar nicht mehr auf den Gedanken kommen, sich Atheisten zu nennen, denen die Religion längst gleichgültig ist und die es sich in ihren wissenschaftlichen Theorien bequem gemacht haben. So einer war Christopher Hitchens nicht.

Hitchens hatte gerade sein letztes Buch geschrieben, bevor er am 15. Dezember 2011 dem Speiseröhrenkrebs erlag. Er schrieb über sein Sterben unter dem Titel „Endlich“. Doch seine essayistischen Erzählungen über sein Leiden sind nur der Anlass, um noch einmal gegen die Religion auszuholen. Und auch sonst noch einige Rechnungen zu begleichen, etwa die gegen die Folter in Guantanamo.

Hitchens war es immer gewohnt, im Mittelpunkt zu stehen. Das wird im Vorwort des Buchs ausführlich beschrieben. Er hatte seine Auftritte in New York bei Bücherlesungen, schrieb regelmäßig in der „New York Times“, in „Slate“ , „Vanity Fair“ oder im „Wall Street Journal“. Und so schreibt Hitchens auch, als sei er der Mittelpunkt der Welt. Alles dreht sich um ihn, so hat er wohl seine Welt verstanden. Und verweist stolz auf den „Betet-alle-für-Hitchens-Tag“, den einige Christen für ihn am 20. September 2010 ausgerufen haben. Aber schon hiermit hat er in Wirklichkeit selbst ein Problem. Denn er hat nie daran geglaubt, dass das Beten für andere hilft. Er konnte das nicht verstehen, weil er nie eine persönliche Beziehung zu Gott hatte. Sein bekanntestes Buch hieß ja „Der Herr ist kein Hirte“ (2007). Immer wieder nimmt er im vorliegenden Büchlein das Thema des Betens auf. „Beten wofür?“, fragt er, als eine Gemeinde in Alabama angekündigt hatte, dies für ihn tun zu wollen.

Am Lebensende noch Sympathie mit Voltaire

Er war ein verbohrter Atheist, wusste genau, dass es um „Errettung“ gehe, was er auch schrieb. Er glaubte, es keinem mehr gerecht machen zu können. Die „Anhänger Roms“ würden kaum glauben, meinte er dass seine Seele in größerer Sicherheit sei, wenn er sich einer evangelikalen Gruppe angeschlossen hätte. Lieber machte er sich mit Voltaire gemein: „Wieder einmal sympathisiere ich mit dem großen Voltaire, der auf dem Totenbett, als man ihn bedrängte, dem Teufel zu widersagen, murmelte, das sei jetzt nicht der Augenblick, sich Feinde zu machen.“

Aber ist das Leben im Angesicht des Todes wirklich der Augenblick für Spielereien? Boethius hat die Zeit in seiner Kerkerhaft vor dem Todesurteil besser genutzt und den „Trost der Philosophie“ geschrieben. Hitchens dagegen bringt es nur zu dem Gedanken, dass die für ihn Betenden doch letztlich nur wollen, „dass die Anstrengungen unseres selbstlosen christlichen Arztes vergeblich sein sollen. Wer ist denn Dr. Collins, dass er sich dem göttlichen Plan in den Weg stellen will?“ Auch hier versteht Hitchens doch etwas falsch, denn sein Arzt wollte sich gewiss nicht gegen den Plan Gottes stellen. Sonst wäre die Heilkunde schlechthin zu verurteilen. Auch Pascals Wette wollte Hitchens nicht verstehen, denn er unterstellt ihm die Annahme eines zynischen Gottes und eines opportunistischen Menschen, wenn dieser auf die Wette eingehe, an Gott zu glauben, um alles zu gewinnen. Hitchens ist verbittert, spricht von einer rächenden Gottheit, der nichts anderes einfiele, als ihn unter Krebs leiden zu lassen. Aber der Atheist hat die Prüfung nicht angenommen und stellt sich trotzig gegen den Schöpfer: „Und selbst wenn meine Stimme von mir dahingeht, werde ich weiterhin Polemiken gegen religiöse Wahnvorstellungen schreiben, zumindest, bis es heißt: Hello darkness my old friend...“

Verzweifelt in seinen Unglauben verstrickt

Hitchens hat sich sein eigenes Weltbild zusammengebaut. Zu seinem Atheismus hatte er auch die entsprechende Theorie: „War immer stolz auf meine Vernunft und meinen stoischen Materialismus. Ich habe keinen Körper, ich bin ein Körper.“ Mit dieser Perspektive gibt es kaum noch einen Ausweg. Zu diesem Körpersein passt gar nicht, seine Krankheit als Alien zu bezeichnen, als einen „vulgären kleinen Tumor“.

Gibt es denn gar kein Licht bei Hitchens? An einer Stelle spricht er über embryonale Stammzellen und teilt seine Bedenken mit, diese zu Forschungszwecken zu gebrauchen. Aber nur, um dann gegen die „Klagen religiöser Fanatiker“ zu polemisieren, die ein gerichtliches Verbot des embryonalen Stammzellmissbrauchs fordern. Warum kann er hier keine Allianzen sehen? Weil er auch die Bedeutung der embryonalen Stammzellen nicht verstanden hat, die er als „fühllose Zellklumpen“ und „ungeformte Embryos“ bezeichnet.

Was Hitchens auch sagt, er schreibt alles aus einer selbst gewählten Ferne zu Gott heraus. Es gehe nicht an, dass der Mensch Gott beraten könne. Darum sei das Rühmen und Danken Gottes im Gebet überflüssig. Der Autor vermag in Religion nur einen Ort des Schreckens zu sehen, und selbst beim Anblick von alltäglichen Hospitälern und Arztpraxen sieht er Bilder der Inquisition. Das spricht für tiefe psychische Konflikte und darüber hinaus erinnert es an Kierkegaards Lehre von der Krankheit zum Tode, des am Glauben Verzweifelns aus Selbstsucht, was ein Krankheitsbild offenbart, das jede wirkliche Krankheit weit in den Schatten stellt. Hitchens' Ehefrau schreibt im Nachwort, dass ihr Mann Nietzsche und Chesterton auf dem Tisch liegen hatte. Aber ist eine essayistische Bildung notwendig schon Bildung, die von der eigenen Kultur getragen ist? Hitchens' Buch, so flott es auch geschrieben ist, offenbart ein geistiges Chaos, Missverständnisse und den Trotz, sich auf die Wahrheit nicht einlassen zu wollen. Er wollte dem „Reich der Illusionen“ entfliehen und hat sich doch nur in Fehldeutungen verstrickt.

Christopher Hitchens: Endlich. Mein Sterben. Pantheon Verlag 2013,

128 Seiten, ISBN 978-3-570-55218-6,

EUR 12,99

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