Trotz Katastrophen zuversichtlich in die Zukunft

As die Atheisten ihre Stunde gekommen sahen: Das Erdbeben von Lissabon und die Geburt der modernen Seismologie. Von Marie-Thérese Knöbl

Vor 260 Jahren ereignete sich in Europa etwas Ungeheuerliches, bis dato ganz und gar Unvorstellbares und Undenkbares. Das Erdbeben von Lissabon 1755 zerstörte die stolze, hochmoderne europäische See- und Handelsstadt und portugiesische Hauptstadt Lissabon – in den Worten der Zeitgenossen: „wie es ohnlängst noch im schönsten Flor gestanden“ – fast vollständig. Das Erdbeben erreichte heutigen Einschätzungen zufolge eine Stärke von etwa 8,5 bis 9 auf der Richterskala. Es forderte wohl zwischen 60 000 und 100 000 Todesopfer und hatte maßgebliche Auswirkungen auf die Diskurse der nachfolgenden Jahrzehnte und Jahrhunderte. Berühmt sind die erschütterten Augenzeugenberichte deutscher und englischer Kaufleute, deren Schilderungen meist den Schrecken bereits im Titel tragen wie Ruffiers „Umständliche und zuverläßige Nachricht von dem entsetzlichen und unerhörten Erdbeben, welches den 1sten Novembris dieses 1755sten Jahrs die welt-berühmte Stadt Lissabon und andere vornehme Orte betroffen: in sicheren Briefen, welche Tit. Herr Rathherr Ruffier, vornehmer Handelsmann alhier, von daher erhalten; zur Erweckung einer wahren Furcht Gottes und christlichen Mitleidens mitgetheilet“. (Straßburg 1755)

Die Vernichtung war gigantisch. Die Stadt Lissabon wurde zu achtzig Prozent zerstört, unter den vollkommen zerstörten Gebäuden waren so gut wie alle katholischen Kirchenbauten. Auch die portugiesische Staatsbibliothek und mit ihr kostbare Originale von Rubens, Tizian und Correggio sowie über 70 000 Bände – darunter die Aufzeichnungen Vasco da Gamas und anderer Expeditionen in die Neue Welt – wurden unwiederbringlich zerstört. Auch Goethe erinnerte sich Zeit seines Lebens an das Erdbeben. Denn, wie er in „Dichtung und Wahrheit“ im Hinblick auf das Erdbeben von Lissabon selbststilisierend schreibt: „Durch ein außerordentliches Weltereigniß wurde […] die Gemütsruhe des Knaben zum ersten Mal im Tiefsten erschüttert. Am ersten November 1755 ereignete sich das Erdbeben von Lissabon, und verbreitete über die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken.“ Goethe war zum Zeitpunkt des Erdbebens ein sechsjähriges Kind, die meisten Details für die nachfolgende plastische Schilderung der Verwüstungen hatte er dem Büchlein Beschreibung des Erdbebens, welches die Hauptstadt Lissabon und viele andere Städte in Portugal und Spanien teils umgeworfen, teils sehr beschädigt hat entnommen, das er im Mai 1811 in der Weimarer Bibliothek entliehen hatte. Dem literarischen Zeugnis Goethes und weiteren, vor allem auf Voltaire und andere anti-kirchliche Quellen zurück gehenden Texten ist es zu zuzuschreiben, dass im Zusammenhang mit dem Erdbeben von Lissabon bis auf den heutigen Tag nicht nur ein Katastrophendiskurs der besonderen Art geführt, sondern auch eine vermeintlich radikal veränderte Wahrnehmung in nahezu allen Bereichen des europäischen Denkens und Lebens als Folge des Ereignisses proklamiert wird. Goethes Selbstdarstellung wurde erstmals 1811 publiziert, also erst 56 Jahre nach dem Ereignis. Voltaire hat da schneller reagiert. Noch im November 1755 verfasst er – bequem im Schweizerischen weilend – das berühmte Gedicht auf das Desaster von Lissabon und das Axiom „Alles ist gut“. Bis heute unvergessen und aufgrund seiner Griffigkeit immer wieder zitierte Satz Voltaires „Wenn das die beste aller Welten ist, wie sehen dann erst die anderen aus?“

Doch Voltaire hatte auch Gegenspieler. Der katholische Denker Louis de Beausobre beispielsweise veröffentlichte nahezu zeitgleich mit Voltaire 1758 aller Katastrophenstimmungsmache zum Trotz sein „Essay über das Gute“, das von einer durchaus vital zu nennenden Lebenslust, Liebe zur Welt und heiteren Lebensbejahung zeugt. Auch der Musikdirektor der Freien Hansestadt Hamburg, Georg Philipp Telemann, ließ sich durch die Ereignisse von 1755 zu durchaus Positivem, ja zu Lobgesängen Gottes inspirieren und komponierte auf Texte des 8. und 29. Psalms die so genannte Donnerode (TWV 6.3), die mit dem Bass-Duett „Er donnert, daß Er verherrlicht werde“ die Katastrophe von Lissabon in ein christlich-zuversichtliches Welt- und Gottesbild einzuschreiben vermochte.

Was unmittelbar nach dem Erdbeben von Lissabon noch nicht gelungen war, erreichte jedoch die Propaganda des vom machiavellistischen Pragmatismus begeisterten portugiesischen Premierministers Pombal, der versuchte, sich als Quasi-König des neuen Portugal unvergessen zu machen. Pombal hatte die Jesuiten erfolgreich des Landes verbannt, damit in weiten Teilen des Landes das Bildungswesen und die Seelsorge vollständig zum Erliegen gebracht und zahlreiche Geistliche und Gläubige, die nicht Anhänger der offiziellen Meinung über das Erdbeben von Lissabon werden mochten, unter ihnen den berühmten jesuitischen Brasilien-Missionar Gabriel Malagrida, grausam hinrichten lassen. In der ganzen Stadt ließ Pombal zudem „zur Abschreckung“ Galgen aufbauen und durchaus ebenfalls zu Abschreckungszwecken Menschen daran hinrichten, die man der Form halber der Plünderei beschuldigte. Hinzu kam nur wenige Jahrzehnte später das Zusammenströmen anti-kirchlicher Propaganda im Zuge und im Gefolge der Ideologie der Französischen Revolution.

Doch hat alles auch sein Gutes, das zu sehen man freilich bereit sein muss: Mit dem Erdbeben von Lissabon begann die moderne Seismologie, die seither vielen Menschen das Leben gerettet hat. Denn der Adels- und kirchenfeindliche Premierminister Pombal hatte die Priester Portugals damit beauftragt, alle verfügbaren Daten über das Erdbeben von Lissabon zusammentragen. Aufgrund ihrer guten jesuitischen Schulbildung, ihrer Gewissenhaftigkeit und Umsicht, gelang es den Geistlichen, ein lückenloses Dossier über die Dauer des Erdbebens, die Anzahl der Nachbeben, die durch das Beben verursachten Schäden, die besonderen Verhaltensweisen der Tiere unmittelbar vor dem Erdbeben und Auffälligkeiten in Gewässern, Brunnen und Wasserlöchern zusammenzustellen. Die akribischen Aufzeichnungen können heute im Nationalarchiv von Portugal bewundert werden. Sie bilden die Grundlage der modernen Seismologie, die in dem Erdbeben von Lissabon und der Gewissenhaftigkeit katholischer Geistlicher ihren Ursprung hat. Mit dem Erdbeben von Lissabon beginnt auch die Geschichte der internationalen Hilfs- und Spendenbereitschaft, globalen Solidarität hat hier ihren Ursprung.

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