Trockne Brunnen mit Leben füllen

Reinhold Schneider, ein Dichter mit Gottvertrauen – Erinnerungen zu seinem 50. Todestag

Am 13. Mai 1903 wurde Reinhold Schneider als Sohn einer angesehenen Hoteliersfamilie in Baden-Baden geboren. Nach der Schulzeit begann er eine Landwirtschaftslehre, die er, mit seiner Statur von über zwei Metern und völlig unbrauchbar für die körperliche Arbeit, abbrach. Die spätere kaufmännische Lehre in Dresden sollte ihm seinen einzigen wirklichen Berufsabschluss bescheren. Aber schon während der Arbeit interessierte ihn eigentlich mehr die Literatur und führte ihn selbst zum Dichten und Schreiben. In der Welt der Schriftsteller fühlte er sich wirklich geborgen und gefordert.

Der Wechsel zum freien Schriftsteller 1928 empfand er als wirkliche Befreiung, wiewohl die Existenzsicherung auf einem anderen Blatt stand. Wenn in den folgenden Jahren das Geld dazu reichte, unternahm Schneider Reisen, so nach Portugal und Spanien, nach England, Frankreich und Italien. „Nebenbei“ lernte er dabei verschiedene Sprachen. Seine letzte Reise vor seinem todbringenden Unfall in Freiburg im April 1958 führte ihn nach Wien. Die Druckfahnen zu seinem wichtigsten autobiographischen und letzten Werk „Winter in Wien“ hatte er wenige Tage zuvor selbst korrigiert und zum Verlag gebracht.

Vom Vater glaubte Reinhold Schneider die Veranlagung zur Schwermut ererbt zu haben. Als dieser nach dem wirtschaftlichen Ruin in der Zwischenkriegszeit durch Suizid aus dem Leben geschieden war, verübte auch sein Sohn einen Selbstmordversuch, den er aber überlebte. In „Verhüllter Tag“ (1954) reflektierte er seine Jugendjahre: „Der Glaube war mir unvermerkt zwischen den Händen zergangen. Ich vermisste ihn nicht. Ich hatte ihn ja niemals besessen.“ Die innere Bindung an die katholische Kirche sollte er erst 1938 nach seiner endgültigen Übersiedlung nach Freiburg finden. Wenn Schneider auch gerne Kirchen auf-suchte, den Zugang zu den Sakramenten erschloss ihm erst ein Beichtgespräch mit einem jungen Franziskaner in Freiburg-Günterstal, den in seiner tiefen Not getroffen zu haben eine wirkliche Wende in seinem Leben und Schaffen bezeichnete. Betrachtungen über Geschichte und ihren Sinn hatten ihn schon zuvor an Christus und das Kreuz herangeführt: „Inmitten des Verlangens der Völker nach der Vergöttlichung der Macht und Herrschaft – und im Schatten unergründlicher Prophetie steht der Herr.“ Über seinen Suizidversuch und seine Todessehnsucht, die ihn noch häufiger heimsuchte, urteilte er später: „Blicke ich vom Christlichen zurück, so erscheint mir der Entschluss zum Selbstmord als eine der Sünden, die es fast unmöglich machen, an die Vergebung zu glauben... Er bleibt eine kaum überbietbare Auflehnung gegen Gottes Gesetz. Die innere Verwundung, die er zurücklässt, vernarbt nicht. Wer sich auf solche Weise einmal von Welt und Menschen geschieden hat, wird sich nie mehr in ungeteilter Gegenwart an ihren Tisch setzen.“

Die Kraft zu starken Worten und klaren Appellen

Das also war die wahre Armut dieses Poeten. Eine gewisse Melancholie oder Tristesse sollte ihn nie verlassen. Aber Schneider deswegen als Nihilisten abzustempeln hieße, ihn gründlich zu missdeuten.

Seine erste Schaffensperiode war von historischen Monographien geprägt, die im Zusammenhang mit seinen Reisen entstanden. Unter ihnen ragt „Las Casas vor Karl V.“ (1938) hervor, eine literarische Anklage gegen jeden menschenverachtenden Machtmissbrauch, Rassismus und religiös motivierten Fanatismus und damit auch eine Kritik am aufkommenden Nationalsozialismus. Auch die vielen hagiographischen Kleinschriften dieser Zeit waren seine Art Ausdruck des inneren Widerstands gegen die braunen Despoten. Wer das herauslesen wollte, konnte es zumindest. Besonders hatte es der arme Heilige aus Assisi dem „armen Poeten“ Schneider angetan: „Franziskus trug ja Christus in die Zeit, das heißt, er wusste, wie krank die Welt war und dass nur ein Arzt ihr helfen konnte: der Arzt, der vom Himmel gekommen ist, sie zu heilen.“ (Das Erbe im Feuer, 1946, 156) In den folgenden Jahren des Krieges drückte Schneider sich oft in Gedichten und Sonetten aus, die bis heute einen der ganz Großen dieser literarischen Gattung offenbaren:

„Allein den Betern

Allein den Betern kann es noch gelingen,/Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten/ Und diese Welt den richtenden Gewalten/ Durch ein geheiligt Leben abzuringen./ Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:/ Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,/ Was sie erneuern, über Nacht veralten,/ Und was sie stiften, Not und Unheil bringen./ Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt,/ Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,/ Indem im Dom die Beter sich verhüllen,/ Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt,/ Und in den Tiefen, die kein Aug entschleiert,/ Die trocknen Brunnen sich mit Leben füllen.“

Dieses Sonett ist wohl das bekannteste und stammt immerhin schon von 1936.

In den theologischen Schriften (z. B. „Das Vaterunser, Colmar 1941) und vor allem in seinen Gedichten („Das Gottesreich in der Zeit“, als Manuskript 1994 erschienen) wandte er sich an die zunehmend vom Krieg geschwächten Deutschen. Das an die Feldgeistlichen, Divisions- und Lazarettpfarrer aller Kriegsfronten verschickte Buch fand erstaunlich schnell Einzug in die Herzen der Menschen. Schneiders Werk wurde auch durch Abschriften weiterverbreitet. Daneben unterhielt er als „religiöser Sanitäter“ – so bezeichnete er sich einmal selbst – einen umfangreichen Briefwechsel mit Frontsoldaten, Gefangenen und anderen Menschen, die unter dem Grauen des Krieges leiden mussten. Seine Sonette richteten die Zweifelnden auf, trösteten die Schlaflosen und drangen bis in das Elend der Gefangenenlager und der Bombenkeller vor. Als er nach dem „Gottesreich in der Zeit“ selbst noch 1945 wegen Hochverrats angeklagt wurde, kam es nur wegen des bevorstehenden Kriegsendes nicht mehr zur Verurteilung. Nachdem er nach dem Krieg seine brisanten Thesen – er war Gegner der deutschen Wiederbewaffnung und der atomaren Aufrüstung – auch mit ostdeutschen Verlagen kooperierte, setzte er sich dem Vorwurf der kommunistischen Kollaboration aus, und es kam gar zum „Fall R. S.“. Erst die Unterstützung des Bundespräsidenten Theodor Heuss 1952 verhalf seiner Rehabilitation zum Durchbruch.

Trotz der Ehrendoktorwürden von Freiburg im Breisgau und Münster 1946 blieb der „arme Poet“ literarisch isoliert. Es wäre ihm nie in den Sinn gekommen, seine Heimat zu verlassen. Jetzt litt er weiter an ihr und in ihr. Besondere Beachtung fanden am Ende seines Dichterlebens wieder seine autobiographischen Werke („Verhüllter Tag“, 1954; „Der Balkon“, 1957, und „Winter in Wien“, 1958) und die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1956.

Angesichts der Tragik und der Trümmer entdeckte er die Bedeutung der christlich-abendländischen Tradition neu und näherte sich dem Kreuz Christi als dem einzigen Schlüssel zum Ausharren im Leben und zur Hoffnung auf eine lichtvolle Zukunft. In der Paulskirche resümmierte er: „Es könnte eine Gnade sein, dass uns Deutschen, uns allen, die nationale Geschichte in Scherben vor dem Füßen liegt. Freilich ist es wahr: Friede als solcher ist nicht der höchste Wert. Sittlich-personale, geistige, religiöse Werte sind ihm übergeordnet; Friede aber als geschichtliche Darstellung glaubensstarker Liebe zu Gott, der Menschheit und aller Kreatur könnte wohl der höchste Wert sein.“ (Rede: „Der Friede der Welt“, 1956) Die Kraft zu starken Worten und klaren Appellen hatte Reinhold Schneider nicht verlassen, aber sein Körper vermochte nicht mehr mitzuhalten. Nach einem Leben voller Leiden und Schmerzen brach er zusammen und verstarb kurz darauf am Ostersonntag 1958 in Freiburg. Der Aufbahrung im Freiburger Münster folgte die Bestattung in seiner Heimatstadt Baden-Baden. Seine Botschaft, dass der gekreuzigte und auferstandene Christus allein aus allen Trümmern aufzurichten vermag, gilt auch heute noch, 50 Jahre nach dem Tod des „armen Poeten“ Reinhold Schneider, dem die göttliche Vorsehung das Mit-Leiden als Grundprinzip seines literarischen Schaffens aufgetragen hatte.

Schneider war weder Nihilist noch bloß ein Radikaler. In „Verhüllter Tag“ schrieb er Anfang 1954: „Der Weg vom tragischen Nihilismus zum Glauben, von der Bindungslosigkeit zu den Bindungen, von der subjektiven Verlorenheit in das Geschichtliche; der Versuch, beendeter Tradition einen letzten Wert zu geben und wenigstens die Schlüssel verbrannter Häuser zu wahren, Zeichen zu retten und mit ihnen die Wirkung auf die innerste Gestalt: dies allein soll zur Darstellung kommen.“ Das war das abschließende Programm Schneiders. In einem Vortrag desselben Jahres betete er: „Herr, ich vermag es nicht mehr, ich vermag nicht zu handeln, handle du in mir!“

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