Triebtheorie

Die Zeitschrift „Psyche“

ermuntert zu Schmuddeleien

Die Jugendrevolte vor 40 Jahren ist zu einem nur noch historischen Datum geworden. Grundlegendes hat sich geändert. Die letzten Jahre, begleitet von der Rückkehr der Religion, haben zu einem neuen Ordnungsdenken geführt. Man denkt wieder über Erziehungsregeln nach, über Familie und diszipliniertes Verhalten in Schulen. Es sind mehr Verbote ins Spiel gekommen, und das gefällt nicht jedem. Am wenigsten offenbar den Psychologen. Jüngstes Beispiel hierfür ist die Titelgeschichte „Die Sublimierung und die Schweinerei“ von Robert Pfaller (Kunstuniversität Linz) in dem renommierten Monatsheft „Psyche – Zeitschrift für Psychoanalyse und ihre Anwendungen“ (Klett-Cotta Verlag, Heft 7, Juli 2009). Der Titel der Untersuchung will provozieren, ermuntert aber auch zum Übertreten von Normen.

Der zentrale Begriff der Untersuchung heißt „Sublimierung“. Autor Robert Pfaller erläutert die Sublimierung als etwas, „das nicht unter allen Umständen problemlos als lustvoll empfunden werden kann – etwas Obszönes, Schreckliches, Geschmackloses –, das gerade aufgrund dieser seiner problematischen Qualitäten in eine Ursache gesteigerter Lust verwandelt wird“. Etwa wenn Ernährungsbewusste mal mit voller Absicht zu bestimmten Anlässen gegen ihre Einsicht verstoßen und sich etwas besonders Fettes oder schwer Verdauliches gönnen, eben eine „richtig gute Schweinerei“. War das aber der Sinn, den der psychologische Laie mit Sublimierung verbindet? Wohl nicht. Sondern eher die Steigerung ins Hochkulturelle, etwa die Schaffung der Beatrice durch Dante als Akt der Sublimierung, wie es die Psychoanalyse gern sieht. Pfaller dreht das um und meint: „Die Unfähigkeit zu einer solchen Transformation des zunächst Abscheu Erregenden in etwas Erhabenes erscheint charakteristisch für die Epoche, in der wir leben.“ Die sechziger und siebziger Jahre hätten das viel besser geschafft, wie manche Filme zeigten. Die „Ressource Sublimierungsfähigkeit“ sei beinahe verschwunden. Es geht hier also darum, die Überschreitung oder Transgression, wie das damals in den zeitgenössischen Theorien etwa von Georges Batailles hieß, der hier auch zitiert wird, wieder hoffähig zu machen.

Das bedeutet für den Autor auch eine Kritik an Freud. Denn der hatte ja die Sublimierung als „Ablenkung der sexuellen Triebkräfte vom sexuellen Ziel weg auf höhere kulturelle Ziele“ beschrieben. Pfaller meint aber, das sei unter anderem durch die Kunst längst überholt. Bei Aufführungen oder Performances wie die von Otto Mühl oder Elke Krystufek, bei denen Blut, Fäkalien oder Geschlechtlichkeit ein Rolle spielen, könne man nicht mehr unproblematisch von Entwicklung in die höhere Kultur einer Kunst sprechen, allenfalls von der Ablenkung eines sexuellen Ziel auf ein anderes. Auf jeden Fall geht es in dieser Form der Moderne nicht um ein „höher“, sondern sogar um „less than ideal“ (um weniger als das Ideal) und um den Stil „down and dirty“ (niedrig und schmutzig). Die von Freud und seinem 19. Jahrhundert noch vollzogene Unterscheidung von Natur und Kultur sei heute nicht mehr gültig, weil die Kultur schon längst versuche, in die Natur einzudringen wie in solchen Aktionen, die eben als Kunst betrachtet werden. Noch der Philosoph Schelling hatte im frühen 18. Jahrhundert die Umbiegung des Geistes in die Natur als Perversion bezeichnet.

Es ist interessant, wie Robert Pfaller Ereignisse wie die moderne Kunst als normativ für die psychoanalytische Theoriebildung versteht und meint, weil die schmuddeligen Naturhandlungen nun einmal in der Welt seien, müsse sich auch das Verständnis der (sublimierten) Kultur ändern. Das Ziel der „Arbeit an der Psyche der Individuen sowie jene der Kulturkritik“ ist klar: nämlich die Reflexe des „Beuteverzichts zu bremsen und zu mildern“. Ist das ein Aufruf, doch mehr übereinander herzufallen? Denn das Subjekt der Sublimierung sei gar nicht der Trieb, sondern die Kultur mit ihren Verboten – die Kultur selbst also müsse etwas unternehmen, „um den einen Trieb gegen den Widerstand der anderen sowie gegen den Widerstand der übrigen Kultur lustvoll erfahrbar zu machen. Das heißt, Sublimierung dient dem ,Lustprinzip‘“.

Das klingt aber völlig entgegengesetzt zur Schaffung von Kultur durch Askese, ja es ist zutiefst kulturbedrohend, wenn sie letztlich nur dem Lustprinzip und damit der Aufhebung des „Beuteverzichts“ dienen soll. Seltsam, dass sich eine Zeitschrift wie „Psyche“ von solchen Gedanken vereinnahmen lässt.

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