Tribunal-Journalismus mit Ironie

Trotz guter Ansätze – Das große TV-Duell vor der Bundestagswahl 2013 hat viele Erwartungen nicht erfüllt. Von Stefan Meetschen
Foto: dpa | Stefan Raab (ganz rechts) brachte etwas Natürlichkeit in die Polit-Runde.
Foto: dpa | Stefan Raab (ganz rechts) brachte etwas Natürlichkeit in die Polit-Runde.

Wie das bei Fußballspielen so ist, um die im Vorfeld ein großes mediales Tohuwabohu gemacht wird – auf dem Spielfeld, dem Platz der Wahrheit, enttäuschen oft beide Teams. Verstecken sich hinter taktischen Vorsichtsmaßnahmen, retten sich mit wenig Angriffslust und geringer Risikobereitschaft über die Zeit. Spielfreude, Leidenschaft – Fehlanzeige. So ungefähr war es denn auch beim langersehnten und einzigen TV-Duell zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und ihrem größten Herausforderer auf das Amt des Kanzlers, Peer Steinbrück (SPD).

90 Minuten dauerte der vermeintliche Schlagabtausch im bläulich kühl schimmernden Studio Adlershof, der am Sonntagabend auf vier TV-Kanälen live übertragen wurde. Geleitet von vier Moderatoren: Anne Will (ARD), Maybrit Illner (ZDF), Peter Kloeppel (RTL) und Stefan Raab (Pro Sieben). Eine verpasste Chance, denn außer dem braven Aufsagen von Sätzen des jeweiligen Parteiprogramms, nebulösen Statements der Unkenntnis („Ich weiß nicht genau, wie sich die Dinge entwickeln“) und offensichtlich einstudierten Angriffen („Lassen Sie sich nicht einlullen“) hatten beide Kontrahenten wenig zu bieten.

Zu wenig Raum für spontane Reaktionen

Kaum Bewegung, kaum Spontanität. Wie zwei Salzsäulen standen die beiden Duellanten nebeneinander. Von Angesicht zu Angesicht mit der illustren Reihe der Journalisten und Medienstars, die ihre redaktionell vorbereiteten Fragebögen ordentlich sortiert und gegliedert vor ihren Pulten ausgebreitet hatten und bei nahezu jeder Frage durchblicken ließen, dass sich sowohl Merkel wie auch Steinbrück im Laufe der zurückliegenden Legislaturperioden hin und wieder selbst widersprochen haben. Für viele Aussagen gab es ein Gegen-Zitat, für viele Zahlen eine Korrektur und Gegenstimme. Als Tribunal-Journalismus mit ironischem Unterton könnte man diese Art des Dialogs bezeichnen, dazu passte die statisch wirkende Bildregie, die lediglich zwischen wenigen frontalen und halbtotalen Einstellungen hin und her pendelte: Interessant die Aufnahme der Journalisten rücklings aus der erhöhten Perspektive.

Auf der verbalen Ebene fielen besonders die journalistischen Damen Will und Illner mit einem Hang zur schnippisch-aggressiven Beweisführung auf. Eine Haltung, die durch süffisante Mienen und Zwischenfragen unterstrichen wurde und weder den Kontrahenten noch dem geneigten Wähler-Publikum draußen vor den Bildschirmen angemessen war und ungewollt wohl die eigene Politikverdrossenheit widerspiegelte. So kam es, dass ausgerechnet Peter Kloeppel, der Vertreter des wichtigsten Boulevard-Senders, den seriösesten Auftritt innerhalb des Medien-Quartetts hinlegte. Ruhig, sachlich und ohne Häme formulierte er seine Fragen und legte sowohl bei Merkel wie auch bei Steinbrück mit guten Hinweisen nach – vielleicht kein Zufall, dass Steinbrück sich bei ihm den Pensions-Patzer leistete, der seitdem die Nation, insbesondere Lehrer, Polizisten und Justizvollzugsbeamte, bewegt. Ganz anders dagegen die Rolle von Stefan Raab, über die bereits im Vorfeld der Sendung heftig diskutiert worden war. Ein Entertainer bei der wichtigsten politischen Sendung des Jahres? Ein Medien-Clown als meinungsbildender Helfer vor der Wahlentscheidung? Geht das, darf das sein? Die für viele wahrscheinlich überraschende Antwort nach diesem Abend lautet: Es geht durchaus. Sogar gut. Denn obwohl Raab seine Fragen immer wieder mit Pointen auffrischte, wirkte er in Sachen Spaßfaktor doch erstaunlich selbstkontrolliert und gleichzeitig – eine Hand in der Hosentasche, die andere frei gestikulierend in der Luft – angenehm natürlich. Als Repräsentant des einfachen Mannes von der Straße, der die Politik und die Demokratie ernst nimmt und dementsprechend die beiden potenziellen Kanzler gewissenhaft auf ihre Haltung abklopft, war er glaubwürdig. Raab war mehr als ein Aufsager redaktioneller Recherche-Ergebnisse. Man spürte bei ihm ein persönliches Engagement für die Sache, die Zukunft des Landes. Jenseits der routinierten Abgebrühtheit Wills und Illners. Gerade am Ende der Sendung setzte Raab mit dieser Rollenfunktion und einem passenden Sportvergleich den Herausforderer und dezidierten Nicht-Vizekanzler-Kandidaten Steinbrück erheblich unter Druck. „Missachten Sie dabei nicht den Wählerwillen, Herr Steinbrück? Wäre es nicht der angemessenere Weg, wie damals Oliver Kahn auch als Nummer Zwei dem Land und damit dem Ganzen zur Verfügung zu stehen, anstelle unbedingt der King of Kotlett sein zu wollen? Ich finde, das ist keine Haltung von Ihnen.“ Das war erfrischend und frei von Bitterkeit und journalistischer Profilierungslust. Sogar Anne Will konnte sich ein befreites Lächeln nicht verkneifen.

Am Ende bei den Schluss-Statements, die wie alle Äußerungen der Kontrahenten zeitlich präzise gemessen wurden, was sicher nicht unwesentlich zu der sterilen Gesprächsatmosphäre beitrug, zeigte sich dann, was Bundeskanzlerin Merkel in den vergangenen Jahren medientechnisch gelernt hat. Mit sanfter Stimme und treuherzigen Augen blickte sie in die Kamera und damit das Millionenpublikum direkt an. Steinbrücks Augen hingegen fanden beim Statement keinen Ruhepunkt. Seine technokratische Ausdrucksweise bot dem Betrachter keine Anlehnungsfläche. In einer Mediendemokratie kann so etwas wahlentscheidend sein. Mögen beide Lager auch den TV-Sieg ihres Kandidaten verkünden.

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