Treue als Keimzelle

Die anhaltende Diskussion darüber, was eine Familie ist, wirkt nicht nur absurd, sie übersieht auch, dass es neben Liebe und Verantwortung weitere Koordinaten für das Wohl der Ehepartner und der Kinder gibt. Von Monika Metternich
Foto: dpa | Die Ehe zwischen Mann und Frau steht in Zeiten des Flachsinns unter Beschuss. Das hat negative Folgen für Mensch und Staat.
Foto: dpa | Die Ehe zwischen Mann und Frau steht in Zeiten des Flachsinns unter Beschuss. Das hat negative Folgen für Mensch und Staat.

Was bedeutet ,Familie‘?“ Tatsächlich hätte man auf dem Bonner Marktplatz ähnliche Gesichtsausdrücke geerntet, wenn die Frage „Was bedeutet ,Auto‘?“ gestellt worden wäre. Die meisten Befragten – vollkommen unabhängig davon, welchen Alters oder welchen Geschlechts sie sind – sehen einen an, als ob man nicht alle Tassen im Schrank hätte. Die Erklärung, dass heutzutage eben nicht mehr jeder dasselbe unter „Familie“ verstehe, erntet Gelächter. „Na ja, eben Vater, Mutter, Kind. Oder Kinder.“

Als „50er Jahre-Familienmodell“, „archaisch“ und „konservativ“ wurde dieses Verständnis hingegen kürzlich in einer Talkshow bezeichnet. Der konstruierte Gegensatz zwischen dem „traditionellen“ Verständnis von Familie als „Vater, Mutter und Kinder“ einerseits und dem modernen Familienbegriff „überall, wo Kinder sind“ bei „gegenseitiger Verantwortung“ scheint hauptsächlich in der medialen Arena Bedeutung zu haben. Die Allensbach-Erhebung „Monitor Familienleben 2012“ für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) stellte jedenfalls fest, dass 97 Prozent aller Deutschen unter „Familie“ dasselbe verstehen wie die zufällig Befragten auf dem Bonner Marktplatz: „Ein verheiratetes Ehepaar mit Kindern“.

Niemand käme auf die Idee, eine Wohngemeinschaft, in der auch Kinder leben, als „Familie“ zu bezeichnen. „Familie“ ist für fast alle Deutschen ein Ehepaar, aus dessen Zusammengehörigkeit die Kinder entspringen, die den Begriff „Familie“ erst komplett machen. Als „Keimzelle der Gesellschaft“ stellt deshalb Art. 6 des Grundgesetzes Ehe und Familie „unter den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“. Ohne Eltern – wobei „Elter 1“ zwingend eine Frau und „Elter 2“ ein Mann sein muss – gibt es keinen Nachwuchs. Zumindest das hat sich aller Modernisierung der Begriffe und technischen Möglichkeiten zum Trotz noch nicht geändert. Für den Staat bedeutet Nachwuchs sein eigenes Überleben. Ohne „nachwachsende“ Bürger keine Steuern, keine Renten und letztlich kein Staat mehr.

Insofern ist der Familienbegriff des Grundgesetzes keineswegs „traditionell“ oder „archaisch“, sondern schlicht natürlich und vernünftig. In den öffentlichen Debatten wird dieser Standpunkt jedoch als „biologistisch“ dargestellt – der härteste Diskussionsholzhammer, der zu vergeben ist und bei dem der Vorwurf des Sozialdarwinismus stets dräuend mitschwingt. Tatsächlich, so muss jeder zugeben, benötigt der „nachwachsende“ Mensch zwar immer einen Vater und eine Mutter, damit er überhaupt entstehen kann. Beim „modernen Familienbegriff“ geht es aber – und das scheint das Neue zu sein – nicht nur um die Entstehung von Menschen, die ja auch durch adoptionswillige Mütter oder mithilfe eines Reagenzglases, einer Leihmutter und mit gänzlich anonymen Eltern zu bewerkstelligen ist.

Das Wort von der Familie als „Keimzelle“ handelt inzwischen weniger vom biologischen Ursprung, der sich untrennbar als „Familienleben“ fortsetzt, sondern bezeichnet eher „Liebe und Verantwortung“ in allen Konstellationen als Basis von „Familie“. Das Familienleben ist es, auf das es wesentlich ankommt. Und seien wir ehrlich: Wer würde einem „klassischen“ Ehepaar und ihren adoptierten Kindern die Bezeichnung „Familie“ vorenthalten wollen? Wenn aber die Familie als „Keimzelle der Gesellschaft“ weniger vom biologischen Ursprung der Kinder als vom Familienleben gekennzeichnet ist, rücken auch all die „modernen Konstellationen“ in den Blick, die im Moment die Diskussionen bestimmen: In erster Linie Alleinerziehende, seien sie verwitwet, geschieden oder getrennt vom Partner, die oft in ihrer nicht einfachen Konstellation ein Höchstmaß an Liebe und Verantwortung praktizieren.

Was ihnen durch schicksalhafte Gründe zum kompletten „Familiesein“ fehlt, ist der Ehepartner. Die Qualität des Familienlebens selbst kann jedoch häufig durchaus erhalten werden. Weiterhin die Gruppierungen, die als „Patchworkfamilien“ bezeichnet werden, in denen Einzelpersonen ihre Ursprungsfamilien verlassen und neu zusammenfügen – in welcher Konstellation auch immer. Hierunter fallen auch Homosexuelle, die, wenn sie eigene Kinder aus einer früheren Beziehung haben, ja Vater oder Mutter bleiben – auch im biologischen Sinne. „Familie“ bedeutet hier in Bezug auf ihre Kinder die Fortführung des Familienlebens unter anderen Vorzeichen: Es kommt ein neuer Partner und gegebenenfalls auch dessen Kinder aus früheren Verbindungen hinzu und sie führen gemeinsam ein Familienleben.

Obwohl diese Konstellationen zuweilen gut „funktionieren“ können unter den Vorzeichen von gegenseitiger Liebe und Verantwortung, zeigt ein kritischer Blick hinter die Kulissen, dass Patchwork-Familien ihre ganz eigenen Schwierigkeiten haben können. Sehr häufig liegt das Problem bei den „Ursprungspaaren“, was zu großen Spannungen auch bei den Kindern führen kann. Ebenso kann es zu gravierenden Identitätsproblemen führen, wenn Kinder schlicht nicht wissen, von wem sie unmittelbar abstammen. Dieses Problem kann sowohl bei adoptierten als auch bei „technisch“ gezeugten Kindern mittels eines anonymen Samenspenders auftreten.

Betrachtet man die ganze Familiendebatte unter diesem Vorzeichen, wird deutlich, wo die eigentlichen Defizite liegen, die eine „Familie“ nicht wirklich als Familie erscheinen lassen. Die „Keimzelle“ der Gesellschaft ist nicht etwa ein familienimmanenter Brutkasten, in dem künftige Steuerzahler keimen, sondern ein Paar, das sich in höchster Form der Verbindlichkeit durch ein Versprechen zusammengeschlossen hat, „bis dass der Tod euch scheidet“.

Nicht Liebe und Verantwortung sind die tragenden Säulen dieser Verbindung, sondern unbedingte Treue, die auch dann versprochen wird, nicht aufgegeben zu werden, wenn die Liebe verblasst ist und ein Verantwortungsgefühl genau deshalb keine Selbstverständlichkeit mehr darstellt. Diese Konstellation schafft in der Tat ein Klima, in dem Urvertrauen entstehen kann – eine der entscheidenden Entwicklungsperspektiven für Kinder, ob sie nun durch den Liebesakt ihrer Eltern entstehen oder in Liebe von ihren Adoptiveltern angenommen werden. Hier kommt es nicht darauf an, ob einer mal verantwortungslos handelt oder zu wenig Liebe empfindet: Eine Familie hat ihren Grundanker in dem einmal und für immer gegebenen Versprechen eines Paares, das unter keinen Umständen gebrochen wird – komme, was da wolle. Oder wie es im katholischen Trauritus heißt, „in guten und in bösen Tagen, in Gesundheit und Krankheit“ – für immer.

Das Argument, diese höchste Form der Verbindlichkeit sei „heute nicht mehr lebbar“, kann durch bis zum Tod bestehende Ehen und ihre Familien, die gemeinsam „durch dick und dünn“ gehen, widerlegt werden. Der Staat kann eine solche Beziehungsqualität nicht ignorieren. Genau deshalb schützt er das Konstrukt der Ehe, dem dieser Anspruch kulturell implizit ist. Der Staat argumentiert dabei nicht religiös – er definiert nicht einmal eindeutig, was „Ehe“ eigentlich ist. Umgekehrt repräsentiert der Staat immer die Gesellschaft, die ihn bildet. Wenn einerseits mehr als die Hälfte der Ehen geschieden wird und sich andererseits Partnerschaften bilden, die erklären, denselben qualitativen Anspruch zu vertreten, wie es einst nur das Eheverständnis beinhaltete, dann findet dies Niederschlag in Gesetzen. Das Argument, Lebenspartnerschaften „hielten“ nicht auf ewig, ist dabei hinfällig, da dies bei Ehen prozentual sogar noch schlechter aussieht. Dennoch wird der Ehe trotz hoher Scheidungsraten immer noch grundgesetzlicher Schutz eingeräumt. Die Qualität eines mit derart hoher Verbindlichkeit gegebenen Versprechens ist für den Staat kostbar. Schließlich resultiert daraus erst, dass Menschen dauerhaft füreinander Verantwortung übernehmen – dies ist eine Aufgabe, die dem Staat selbst dann von den Schultern genommen ist.

Ob diese Menschen sich „lieben“, kann dem Staat an sich gleichgültig sein. „Liebe“ definiert als Himmelsmacht, die zwei Menschen zueinander treibt, kann jedenfalls – unabhängig von der sexuellen Orientierung – eine durchaus kurzlebige Angelegenheit sein, die schließlich auch die Übernahme von gegenseitiger Verantwortung als zweitrangig erscheinen lässt. Treue ist indes viel mehr die „Keimzelle der Gesellschaft“. Denn – und das wissen Ehepaare, die ihr Treueversprechen bis zum Ende halten – gerade aus Treue kann immer wieder neue Liebe wachsen, kann Verantwortung auch noch da übernommen, wo jeder andere es nur noch als Zumutung betrachten würde. Dann nämlich, wenn der Ehepartner hinfällig wird, wenn nichts mehr „zurückkommt“, wenn ein Partner ganz auf sich zurückgeworfen ist, wenn Probleme nicht mehr zu bewältigen sind: All dies ist der Fall bei schwerer Krankheit, Unglück, Schicksalsschlägen. Aus Treue entsteht Vertrauen, und Vertrauen ist letztlich der Kitt von Familien und Gesellschaft.

All diese Facetten kommen in der gegenwärtigen Debatte um „Ehe und Familie“ nicht vor. Wo einer für den anderen einsteht, auch wenn die Zeiten böse, die Umstände schuldhaft, gegenseitige Verletzungen schmerzhaft und Versagen nicht zur Aufkündigung der Gemeinschaft führt, dann prägt das zutiefst und zeigt immer wieder in der Praxis, dass Neuanfänge und dadurch neue Perspektiven wirklich lebbar und keine romantischen Träumereien sind, sondern die Verwirklichung eines Ideals, das bis heute einem Großteil aller Menschen sehnsuchtsvoll vor Augen steht.

Liebe von Treue abzukoppeln kann nur bedeuten, sie zu einem „Zettelkasten des Flachsinns voller banaler Beliebigkeiten“ zu degradieren, wie der Fernsehmoderator Peter Hahne die vielkritisierte 160-seitige „Orientierungshilfe“ der evangelischen Kirche zum Thema „Familie“ geißelte. Rein säkular gesehen ist die Frage durchaus zulässig, warum man einer Lebensentscheidung auch dann treu bleiben sollte, wenn das Glück und die Liebe abhandenkommen. Tatsächlich ist es schwierig, eine solche Haltung von irgendeinem Menschen zu erwarten oder gar zu verlangen, zumal, wenn „Familie“ als ungefähr alles bezeichnet wird, wo „mindestens zwei Personen für eine Zeit beliebiger Dauer zusammenleben, ohne sich eine Rechnung zu schicken“, wie Alexander Kissler das evangelische Papier in „Cicero“ bissig zusammenfasste. Aber Ehe ist etwas anderes, als die Autoren der evangelischen „Orientierungshilfe“ behaupten. Sie ist gerade nicht beliebig, auf Zeit oder unter Ausschluss bestimmter Kriterien gegründet.

Volker Beck, einer der wichtigsten Förderer der sogenannten Homo-„Ehe“, unterscheidet zwischen der sozialen Treue und der sexuellen Treue, erstere er als unabdingbar, letztere als nebensächlich erachtet. Allein hier ist ein gravierender Unterschied zur „klassischen“ Ehe vorgezeichnet. Treue, so wie sie Grundlage der Ehe ist, ist ebensowenig teilbar, wie es „ein bisschen Frieden“ geben könnte. Denn gerade hier liegt eine wesentliche Voraussetzung für die Familie: Dass sich Kinder auf ihre Eltern in jeder Lebenslage ebenso unbedingt verlassen können wie die Eheleute untereinander. Wer aus Überzeugung nur einen Teil dessen hält, was er verspricht, schafft Verunsicherung und Instabilität – und geriert schlimmstenfalls seelische Krüppel. Insofern ist die unbedingte Treue, wie sie bis heute bei einer großen Mehrheit als untrennbar zur Ehe gehörend empfunden wird, ein schützenswertes Gut und eine wesentliche Grundlage für das Vertrauen in jeder Familie.

Wer jedoch den Begriff der Treue bei einer standesamtlichen Trauung als grundlegend für die Ehe sucht, wird nicht fündig: Gefragt wird nur nach dem „freien Willen“ des Paares, „die Ehe einzugehen“. Was dann letztlich unter „Ehe“ verstanden wird, bleibt den Eheleuten überlassen. Die große Mehrheit der Menschen hat eine Ahnung von der Naturrechtlichkeit der Ehe als der grundsätzlich richtigen Lebensform einer Partnerschaft. Die Christen können hier Orientierungshilfe geben, die wie „Manna from heaven“ empfunden würde in einer geistigen Wüste, in der das ersehnte Ideal nur allzu oft an der Wirklichkeit eines „alles ist möglich“ zerschellt. Ein Lichtblick metaphysischer Art. Denn die eheliche Treue ist für sie kein heroischer Akt, sondern geformt von der ewigen Treue Gottes, der selbst die Liebe ist. Die nachhaltigsten Zeugen dieser guten Nachricht in unbeständiger Zeit sind keine Juristen, Theologen und Soziologen, sondern Eheleute, die diese Kraft in guten und schlechten Zeiten erfahren – und ihre Familien.

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