Trauriger Sohn, sturer Vater

„Zurück im Sommer“ beschäftigt sich allzu routiniert mit einem klassischen Konfliktstoff

Trauerbewältigung stand dieses Jahr bereits in den amerikanischen Spielfilmen „Things We Lost In The Fire“ (DT vom 27. Mai) und „Ein einziger Augenblick“ (DT vom 19. Juni) im Mittelpunkt. Im nun anlaufenden Langspielfilm-Debüt von Dennis Lee „Zurück im Sommer“ („Fireflies in the Garden“) lässt ein Trauerfall alte Familienkonflikte wieder aufleben.

Der junge, erfolgreiche Schriftsteller Michael Taylor (Ryan Reynolds) macht sich nach längerer Zeit auf den Weg in seine Heimatstadt, um an einer Familienfeier teilzunehmen. Seine Mutter Lisa (Julia Roberts) hat, nachdem ihre zwei Kinder ausgezogen sind, ein Literaturstudium absolviert. Unterwegs zur Graduiertenfeier verliert aber Michaels Vater Charles (Willem Dafoe) die Kontrolle über seinen Porsche, als ihm ein Neffe vors Auto läuft. Michaels Mutter Lisa stirbt noch am Unfallort.

Ein despotischer Vater stellt an seinen Sohn zu hohe Ansprüche

Ihr Tod lässt zwischen Vater und Sohn alte Konflikte neu aufbrechen, die bereits in der Eingangssequenz von „Zurück im Sommer“ veranschaulicht werden: Zwanzig Jahre vor der Familien-, die in eine Trauerfeier umschlägt, sitzen im Auto Charles, Lisa und der damals etwa zehnjährige Michael (Cayden Boyd). Eine auf den ersten Blick banale Diskussion um Michaels Brille eskaliert zu einem handfesten Streit. Der despotische Vater hält an, der Junge soll den Rest des Weges unter dem Regen zu Fuß zurücklegen.

Auf diese Szene, die bereits die Familienkonstellation etabliert – Literaturprofessor und erfolgreicher Autor stellt an seinen Sohn viel zu hohe Ansprüche –, folgen in weiteren Rückblenden die Stationen der Demütigungen Michaels durch den Vater, während Mutter Lisa immer verzweifelter zwischen den beiden zu vermitteln versucht. Diese traumatischen Erlebnisse hat der erwachsene Michael offensichtlich zu einem Romanmanuskript verarbeitet, das er nun bei sich trägt.

Die Rückblenden konzentrieren sich auf die Zeit, in der Lisa mit ihrer Tochter Ryne hochschwanger war, womit die „besonderen Umständen“, in denen sich Julia Roberts zum Dreh-Zeitpunkt befand, in die Dramaturgie eingebaut werden konnten. Erzählt wird jedoch nicht aus der Sicht der prominenten Schauspielerin, sondern aus der Perspektive ihres Filmsohnes, der sich vor dem übermäßigen Anspruch des Vaters in eine verschlossene Sturheit zurückzog. Als Erwachsener scheint er all diese Erlebnisse noch nicht verarbeitet zu haben. So lebt er von seiner alkoholsüchtigen Frau Kelly (Carrie Anne Moss) getrennt, obwohl sie sich nach der Beerdigung seiner Mutter wieder näher kommen.

Eine interessante Nebenhandlung bietet „Zurück im Sommer“ in der Figur von Michaels Vetter Christopher (Chase Ellison), der sich am Tod seiner Tante Lisa schuldig fühlt, weil er so unvermittelt auf die Straße lief, und dadurch den Autounfall provozierte. Die Parallelität zwischen dem jungen Michael und Christopher über die Zeit hinweg wird von der Kameraführung allzu deutlich unterstrichen.

Familienkonflikte bleiben zu sehr an der Oberfläche

„Zurück im Sommer“ springt immer wieder von der Gegenwart in die Vergangenheit. Die Bilder, die Kameramann Danny Moder aus einem längst vergangenen Sommer bietet, wirken teils ausgeblichener, teils bunter. Dadurch wird das schwierige Vater-Sohn-Verhältnis aber in ein nostalgisches Licht getaucht.

Dieser „Weichzeichner-Effekt“ erstreckt sich freilich auf den ganzen Film, bei dem sich alle Konflikte wie von selbst lösen, ob es um die Eheprobleme zwischen Michael und Kelly oder um das latent aggressive Verhältnis Michaels zu seinem Vater geht. Vieles bleibt darüber hinaus lediglich angedeutet. Vor allem die besondere Beziehung Michaels zu seiner Tante Jane (Hayden Panettiere als Teenager, Emily Watson als Erwachsene) bleibt rätselhaft.

Regisseur Dennis Lee gestaltet seinen Film von der Ausstattung über die Kamera und die Musik zwar handwerklich gut, aber in der Behandlung der Familienkonflikte bleibt er zu sehr an der Oberfläche haften.

Allein das eindringliche Spiel der Darsteller, insbesondere Willem Dafoe als überstrenger Vater und Jungdarsteller Cayden Boyd als gequälter und in sich gekehrter Heranwachsender, helfen über die dramaturgischen Schwächen einer Regiearbeit hinweg, die an einem vordergründigen Harmoniebedürfnis krankt.

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