Tolle Töne mit Vivaldi

Musikerziehung im venezianischen Ospedale della Pieta. Von Barbara Stühlmeyer
Foto: IN | Musikerziehung als Beitrag zur Sicherheit: Vivaldi-Denkmal in Wien.

Zu den zweifellos überlieferungswürdigen Äußerungen des ehemaligen Innenministers Otto Schily zählt die folgende: „Für jede Musikschule, die ich schließe, muss ich ein paar Jahre später einen Jugendknast bauen.“ Musikalische Kinder- und Jugendarbeit hat auch in unserer Gesellschaft sozialcaritative Auswirkungen. Diese Tradition reicht bis ins Mittelalter zurück. Zu dieser Zeit waren es vorrangig die Kirchen, die sich um verwaiste oder verwahrloste Kinder kümmerten. Die findigen Mönche, Nonnen und Kleriker kamen schnell auf die Idee, dass man noch mehr tun könne, als den Kindern etwas zu essen und ein Bett anzubieten. Sie fingen an, ihnen etwas beizubringen. Und sie begannen, mit ihnen zu singen. Das hatte den Vorteil, dass die Kinder etwas wirklich Sinnvolles lernten, keine Zeit hatten, auf dumme Gedanken zu kommen und die Gelegenheit erhielten, sich für die erwiesenen Wohltaten erkenntlich zu zeigen. Denn ihre Lehrer brachten ihnen praktischerweise die Lieder bei, die sie selbst am besten auswendig konnten: die Gesänge für den Gottesdienst. Die sangen die Kinder nun eifrig mit. Zusätzlich zu ihrem Einsatz in der Liturgie konnten sie mit ihren neu erworbenen Fähigkeiten und einigen eher unterhaltsamen Liedern auch bei weltlichen Feierlichkeiten punkten. Sie erhielten – wie beispielsweise der durch eine Stiftung geförderte Alumnenchor des Gymnasiums Albertinum in Hof – Zuwendungen, wenn sie, von den Bürgern der Stadt engagiert, vor deren Häusern, bei Hochzeiten oder Beerdigungen sangen. Auch das sogenannte Kurrende-singen brachte zusätzliche Einnahmen. Obwohl diese Praxis überall in Europa nachweisbar ist, engagierten sich einige Städte auf diesem Feld stärker als andere.

Ein Beispiel hierfür ist Venedig. Dort hatten sich, wie auch andernorts in Italien, die ursprünglich als öffentliche Krankenhäuser gegründeten Ospedali nach und nach in Aufbewahrungsanstalten für Kinder verwandelt. Neapel nahm schwerpunktmäßig Jungen auf, Venedig hatte sich auf Mädchen spezialisiert. Die dort lebenden Kinder kamen aus allen Schichten. Findelkinder, Waisen, uneheliche Kinder, aber auch Mädchen aus Patrizierfamilien, die sich durch die Abschiebung die Kosten für die Verheiratung sparen wollten. Um innerhalb des Ospedale keine sozialen Spannungen aufkommen zu lassen, blieb die Herkunft der Mädchen anonym. Sie wurden mit ihren jeweiligen Vornamen angesprochen, als Nachname diente die Bezeichnung des Instrumentes, das sie erlernten. So wurde aus Maria „Maria dalla Viola“ und aus Lucia „Lucia dal Cornetto“.

Die musikpädagogische Ausbildung für Mädchen resultiert aus der Hochschätzung von Kunst und Kultur in der Lagunenstadt, die eine Folge der vom 11. bis zum 15. Jahrhundert stetig ansteigenden wirtschaftlichen Prosperität war. Die musikalisch hochprofessionell gestalteten Gottesdienste im Markusdom mit den von Andrea und Giovanni Gabrieli entwickelten Doppelchören, die auf verschiedenen Emporen postiert differenzierte Echowirkungen entwickelten, zogen Musiker aus ganz Europa an.

Das Opernhaus setzte ab 1637 die neuesten musikalischen Trends. Da lag es nahe, auch die lernwilligen Kinder der Ospedali zu einer Generation neuer Kulturträger zu erziehen. Und die jungen Damen schafften es tatsächlich, sich im hart umkämpften Kultursektor einen Platz zu erobern und den Dom von seinem zweiten Platz hinter dem Opernhaus zu verdrängen. Ein solcher Erfolg hat natürlich Voraussetzungen. Um ihn zu erzielen, bedurfte es nicht nur lernwilliger Schülerinnen, man benötigte auch begeisterungsfähige Musikpädagogen.

In Venedig gab es mehrere Ospedali, die noch zu Beginn des 18. Jahrhunderts 6 000 Mädchen betreut haben sollen. An einem davon, dem Pio Ospedale della Pieta arbeitete zu Beginn des 18. Jahrhunderts ein begeisterter junger Musiklehrer, der das Waisenhaus in eine Kaderschmiede für junge Musikerinnen verwandeln sollte – Antonio Vivaldi, der am 28. Juli 1741 in Wien starb. 1678 als Sohn eines Musikers geboren, sollte Antonio, der als schwach und kränklich galt, eigentlich Priester werden. Er studierte Theologie und wurde 1703 geweiht. Doch nach einem halben Jahr im Kirchendienst zeigte sich, dass seine musikalische Berufung stärker war als seine geistliche. Er wurde Lehrer für Violine am Ospedale della Pieta. Hier sollte nun für Jahrzehnte das Zentrum seines musikalischen Schaffens und der immer wieder aufgesuchte Ruhepol für seine europaweit erfolgreiche Karriere sein. Um beides – die Lehrtätigkeit und das Konzertieren außerhalb Venedigs – miteinander zu verbinden, bedurfte es eines Unterrichtskonzeptes und eines Vorgesetzten, die ihm eine für die Zeit ungewöhnliche Freiheit ließen. Letzteres war in einem Ausmaß der Fall, das in Europa seinesgleichen sucht. Ein Beschluss des Stadtrates vom 2. Juli 1723 macht deutlich, was man von Vivaldi erwartete und welche künstlerischen Entfaltungsmöglichkeiten man ihm zugleich einräumte. Der Rat schreibt: „Um das Orchester (des Ospedale della Pieta) in dem Ansehen zu bewahren, das es bis heute gewonnen hat, muss man es mit Instrumentalkonzerten versorgen; und man einigt sich darauf, weiterhin wie üblich zwei solche Konzerte im Monat zu haben aus der wohlbekannten Tätigkeit des allerwürdigsten Don Antonio Vivaldi, so wie auch zwei für die jeweiligen Feste unserer Kirche komponiert werden. Wir geben also hiermit unseren Herren Verwaltern die Vollmacht, mit dem erwähnten Vivaldi eine Abmachung zu treffen sowohl für die Zeit, da er sich in der Stadt aufhält, als auch für Zeit seiner Abwesenheit, dass er die zwei Konzerte, die er zu liefern sich verpflichtet, mittels eines Boten und auf unsere Kosten zusenden wolle. Mit der Auflage allerdings, dass der erwähnte Vivaldi, wenn er sich in Venedig befindet, wenigsten drei- oder viermal pro Konzert die Mädchen darin unterrichtet, wie diese gut auszuführen sind.“

Der Rat bot Vivaldi mit diesem Beschluss die Möglichkeit, jederzeit außerhalb der Stadt Konzertreisen zu unternehmen und übernahm sogar die Kosten für die Zusendung der vertragsgemäß zu liefernden Kompositionen, eine Vereinbarung, die dem an seine Stelle gefesselten Johann Sebastian Bach zweifellos die Tränen in die Augen getrieben hätte. Sofern Vivaldi in Venedig weilte, war er verpflichtet, an vier Werktagen die Proben zu leiten.

Natürlich hatte Vivaldi dafür Sorge zu tragen, dass die Probenarbeit auch in seiner Abwesenheit wunschgemäß funktionierte. Um dies zu gewährleisten, gab es im Ospedale ein Unterrichtssystem, das darauf basierte, ältere Mädchen bei der Ausbildung jüngerer Schülerinnen mit heranzuziehen. Die fest angestellten Musiklehrer hatten so die Möglichkeit, sich der qualifizierten Probenarbeit mit denjenigen zu widmen, die bereits eine gewisse künstlerische Reife erlangt hatten. Neben dem Maestro di Concerti, der für die Planung, Organisation und Durchführung der vier öffentlichen monatlichen Aufführungen zuständig war, von denen zwei weltlichen und zwei geistlichen Charakter hatten, waren eine Reihe weiterer Lehrer für den Instrumentalunterricht angestellt. Die Mädchen erhielten Unterweisungen in Violine, Viola, Violoncello, Flöte, Oboe, Fagott und Gesang. Die differenzierte Ausbildung in verschiedenen Instrumenten war ein Novum – insbesondere was die Mädchen anging. Doch im Laufe des 16. Jahrhunderts erkannte man in der Kaufmannsstadt den pekuniären Vorteil dieser Maßnahme. Denn die jungen Damen erwiesen sich als überaus ambitioniert, eröffnete sich ihnen mit der gesanglichen und instrumentalen Unterweisung doch eine neue Lebensperspektive, die weit über die Hoffnung, irgendwann einmal geheiratet zu werden, hinausging.

Dem Ospedale nützte dies in zweierlei Hinsicht. Zum einen erwirtschaftete das Institut mit den Konzerten der begeisterungsfähigen jungen Damen nicht unbeträchtliche Gewinne, die die Weiterführung des Hauses gewährleisteten, zum anderen sorgte die Tatsache, dass nicht wenige der Frauen mit Hilfe der Musik ihren Lebensunterhalt verdienen konnten dafür, dass die Plätze im Haus frei wurden und neue Bedürftige aufgenommen werden konnten. In den Opernhäusern war der Mangel an Kastraten inzwischen nämlich so augenfällig, dass man die bislang gepflegte Sitte, Frauenrollen mit Männern zu besetzen, überdachte und den Opernbereich für die Mitwirkung professionell ausgebildeter Frauen öffnete. Für die Instrumentalistinnen allerdings blieb die Beschränkung im öffentlichen Bereich bestehen. Gleichzeitig verbesserte sich ihre Position innerhalb des Ospedale aber dadurch, dass sie durch ihr Konzertieren selbst zu ihrem Lebensunterhalt beitragen konnten, wenn sie keinen Partner fanden oder in ein Kloster eintraten.

Die öffentliche Bedeutung der Konzertreihe des Ospedale lässt sich an mehreren Punkten nachweisen. Am Augenfälligsten ist die Gästeliste, auf der sich so illustre Namen wie König Friedrich IV. von Dänemark und Norwegen, der 1708 ein Konzert des Institutes besuchte, oder Kurfürst Friedrich Christian von Sachsen, den der Geigenvirtuose Pisendel 1716 mit ins Konzert nahm, finden. Professionelle Musiker wie Gottfried Heinrich Stölzel reisten eigens nach Venedig, um das Orchester und den Chor des Ospedale zu hören. Dass die Konzerte bei Jean Jacques Rousseau und Johann Wolfgang von Goethe zum festen Bestandteil des Sightseeingprogrammes zählten, belegt die Bedeutung der Institution weit über den Tod Antonio Vivaldis hinaus. Das Waisenhaus profitierte andererseits natürlich beträchtlich von dem pädagogischen Vermögen, der kompositorischen Kompetenz und den kommunikativen Fähigkeiten Vivaldis. Vor allem seine enge Verbindung mit dem Opernhaus der Stadt sorgte dafür, dass die entsprechend ausgebildeten Mädchen auch eine berufliche Chance erhielten und sich bereits, bevor sie feste Engagements bekamen, probeweise auf der Bühne bewähren konnten. Seine Werke waren zudem genau auf die Fähig- und Fertigkeiten seiner Schülerinnen zugeschnitten, sodass diese optimal zur Geltung kommen konnten. So trugen die Konzerte des Ospedale maßgeblich zu einer Entfaltung der bürgerlichen Musikkultur Venedigs bei.

Ihr bildungs- und sozialpolitischer Charakter kann gar nicht hoch genug bewertet werden und wurde auch von den interessierten Zeitgenossen gewürdigt. Charles Burney, ein englischer Musikforscher und Komponist, der ausgedehnte Bildungsreisen durch Deutschland, Italien und Frankreich unternahm, berichtet im Jahr 1770 über das Ospedale: Italien ist zur Zeit noch das einzige Land, welches eigene Musik- und Singschulen errichtet, und dadurch das Mittel gefunden hat, das Schicksal manches armen Kindes von beyderley Geschlecht in der Welt zu befördern, so wie dadurch zugleich ihr Gesang der herrschende Europas geworden ist. Diese Musikschulen werden Konservatorien oder Hospitäler genannt. Venedig hat davon vier, Neapel drey. Die zu Venedig sind für Mädchen, die zu Neapel für Knaben gestiftet. Das Ospidale della Pieta zu Venedig ist das zahlreichste. Es sind über tausend Mädchen darinnen, von denen siebenzig zur Musik angeführt und von den besten Meistern unterwiesen werden. Sie singen nicht allein, sondern spielen Orgel, die Violinen, die Flöten, Violoncel und blasen sogar die Waldhörner. Jeden Sonnabend und Sonntagabend wird in allen vier Conservatorien, so wie auch an den großen Festen Musik aufgeführt. Ein Maestro oder Kapellmeister hat die Aufsicht über das Musikstudium eines jeden Conservatoriums, komponiert für dasselbe, und führt die Musiken meistentheils selbst auf. Die Mädchen werden hier so lange erzogen, bis sie verheyrathet werden oder durch die Musik ihre weitere Versorgung finden.“ Das Modell des Ospedale hatte also weit über die pädagogische Lichtgestalt Vivaldi hinaus Bestand – ein Faktum, das für die Vernünftigkeit und Effizienz eines Modells spricht, von dem heutige SozialpolitikerInnen eine Menge lernen können.

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