Würzburg

Theologische Zeitschriften vom 21. März

Chesterton, der konservative Utopist
Aus den Internationalen Zeitschriften

Chesterton, der konservative Utopist

Politische Utopien des zwanzigsten Jahrhunderts spiegeln zumeist eine vom Marxismus gefärbte, radikal linksliberale Gedankenwelt. Mario Ramos Vera stellt in der Halbjahreszeitschrift Miscelánea, Vol. 76, No 149, Juli-Dezember 2018 der Jesuitenhochschule Comillas in Madrid den Schriftsteller und Konvertiten Gilbert K. Chesterton als christlichen Antipoden seiner Zeit und Vertreter eines metaphysischen Konservativismus vor, in dessen Denken sich mehrere utopische Linien abzeichnen. Ramos Vera macht seine These an Chestertons literarischen Utopien fest: The Napoleon of Notting Hill, The Return of Don Quixote und The Man who was Thursday. Als Ausdruck politischer Vorstellungen spiele Chesterton auf den biblischen Garten Eden an und schöpfe aus dem Augustinismus sowie aus dem mittelalterlichen Ritterideal. So führe er einen „wertvollen intellektuellen Dialog mit der Moderne“. Beeinflusst von Augustins „De civitate dei“ steht Chesterton in der Spannung der von der Erbsünde geprägten Schöpfung und der Erwartung des Heils in der kommenden Welt. Das himmlische Jerusalem als Inbegriff christlicher Utopie treibt den Christen aus Chestertons Sicht an: Man müsse in die andere Welt verliebt sein, um unsere Welt zu verändern. Ramos Vera verortet den Schriftsteller wirtschaftspolitisch als Anhänger des Distributismus, der zugleich die Staatsform der Demokratie allem anderen vorziehe. Dass die Enzyklika „Rerum novarum“ (1891) und die Soziallehre der Kirche Chestertons Denken ebenso beeinflussten wie die Position seines Freundes und Distributismus-Anhängers Hilare Belloc liegt auf der Hand. reg

Maria, Hoffnung der Muslime

Der wachsenden Marienverehrung durch gläubige Muslime widmet die von der französischen Priestergemeinschaft Saint-Vincent-Ferrier Quartalszeitschrift Sedes Sapientiae, Nr. 146 den Beitrag „Die Jungfrau Maria, Hoffnungsträgerin für Muslime“. Dafür recherchiere die Autorin Annie Laurent im Nahen Osten und interviewte zahlreiche Seelsorger. Das Thema tauchte am Rande der Papstreise in die Arabischen Emirate auf: 2017 hatte Kronprinz Mohamed Ben Zayad eine der größten Moscheen in der Hauptstadt Abu Dhabi umbenannt auf den Titel Maria, Mutter Jesu“. Auch andernorts geschieht Bemerkenswertes: Der Prior des griechisch-katholischen Klosters Unsere Liebe Frau im libanesischen Ras-Baalbek berichtet von Musliminnen im Hidjab, die am Fest Mariä Geburt zum Kloster pilgern und vor dem Gnadenbild der Gottesmutter ihre Gebetsteppiche ausrollen. Dort verrichten sie ihre rituellen Gebete aus dem Koran und zünden eine Kerze an.

Vor allem muslimische Frauen lassen sich von der im Libanon sehr lebendigen Marienverehrung der Christen anstecken und vertrauen der Mutter Jesu ihre Anliegen an. Das Marienheiligtum von Béchouate-Pontmain erlebt einen regelrechten Boom muslimischer Pilger, nachdem dort 1985 ein muslimischer Junge geheilt wurde. Er hatte mit seiner Mutter vor der Statue Unserer Lieben Frau von Pontmain gebetet, die der französische Jesuit Joseph Goudard der Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts schenkte. Im Marseiller Marienheiligtum Notre-Dame de la Garde stellen sich neben Christen auch Muslime unter den Schutz der Muttergottes. Ähnlich ist es in dem bei Ephesus in der Türkei gelegenen Wallfahrtsort Haus der Mutter Maria. Zahlreiche Votivtafeln bezeugen die Dankbarkeit muslimischer Beter, die hier erhört wurden. Bereits 1997 veröffentlichte der Maristenpater Albert Pfleger Berichte über Bekehrungen von Muslimen zum Christentum („Marie et l'Islam“). Anni Laurent geht davon aus, dass die Marienverehrung im Islam vor allem für Muslima eine Trostquelle und Ausgleich für religiöse Frustrationen sei. 34 Mal nenne der Koran den Namen Marias. Dabei gebe es im Islam ein fundamentales Missverständnis über die Lehre: Christen werde fälschlicherweise unterstellt, sie beteten Maria als eine der drei göttlichen Personen an. Trotz dieses offensichtlichen Irrtums erleben Geistliche in muslimisch geprägten Ländern aber, dass die Begegnung mit Maria in der Koranlektüre Brücken zum Christentum baut. Manche empfehlen, das Rosenkranzgesätz „den Du o Jungfrau zu Elisabeth getragen ist“ besonders für die Bekehrung der Muslime zu beten. Außer Frage steht jedenfalls im Islam die Jungfräulichkeit der Mutter Jesu, obwohl Muslimen die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen völlig fremd ist. Dass die Jungfräulichkeit Mariens inzwischen unter christlichen Theologen in Zweifel gezogen werde, gelte im Islam als geradezu skandalös. Der französische Großmufti Sheib Bencheikh erklärte dazu: „Ich schmunzele über christliche Theologen, die das Geheimnis der Jungfräulichkeit Mariens in Zweifel ziehen. Sie vergessen, dass sie außer den Christen noch eine Milliarde Muslime davon überzeugen müssen.“ reg

Ignatius für Jugendliche

Eignen sich Ignatianische Exerzitien auch für die Generation der „digital natives“? Ja, schreibt der Jesuit Fernando Gálligo in der Quartalszeitschrift der spanischen Jesuiten Manresa (Vol. 91/No 358, Januar-März 2019). Für Jugendliche mit Idealen seien die Geistlichen Exerzitien des heiligen Ignatius ein begeisterndes Abenteuer und eine wertvolle Unterscheidungshilfe bei der Suche nach ihrer Berufung. Gleichwohl verschweigt der Autor die Hürden nicht, die junge Leute bei den Exerzitien zu überwinden haben: die digitale Reizüberflutung und der Aktivismus unserer Zeit lassen den Sinn für Gebet, Sammlung und Lektüre verkümmern. Auch die fehlende Übung im Beten erschwert den Zugang. Wer jedoch psychisch gesund sei, nicht unter falschen Gottesbildern leide, sich anderen öffnen könne und Gott für sein Leben dankbar sei, komme grundsätzlich für Exerzitien in Frage. Ignatius habe Jugend nie als Hinderungsgrund dafür betrachtet. Von einer Lightversion der auf dreißig Tage angelegten Geistlichen Exerzitien rät Gálligo ab, weil die Erfahrung sonst zu sehr ausgehöhlt und ihrer verwandelnden Kraft beraubt würde. Abgrenzung von einer Gesellschaft, der träge dahinlebende Jugendliche am liebsten seien, tut aus seiner Sicht not: Damit junge Menschen den Weg zu einem glücklichen Leben fänden, müssten sie den Schwung in sich spüren, dass Zukunft jederzeit möglich ist. Um sich auf Ignatianische Exerzitien vorzubereiten empfiehlt der Autor, die Heilige Schrift zu lesen und zu meditieren sowie das persönliche Beten einzuüben. reg

Kirchenreform bei Augustinus

In seinen „Bekenntnissen“ berichtet der heilige Augustinus über einen Zwischenfall, der seine Mutter, die heilige Monica, betraf. Als diese in Mailand den Friedhof besuchte und Getreidebrei, Brot und Wein mitbrachte, um dort dem Brauch ihrer afrikanischen Heimat entsprechend ein Totenmahl abzuhalten, wies der Friedhofswärter sie darauf hin, dass der Bischof, der heilige Ambrosius, Essen und Trinken an den Gräbern untersagt habe. Daraufhin sprach sie dort nur ein Gebet und verschenkte die Speisen als Almosen. Diese Episode scheint einer der Auslöser dafür gewesen zu sein, dass Augustinus sich nach seiner Rückkehr nach Afrika dafür einsetzte, den antiken Brauch des Totenmahls, der heidnischen Ursprungs war, auch dort abzuschaffen. Eine Untersuchung zu diesem Thema veröffentlichte der am Patristischen Institut „Augustinianum“ in Rom lehrende Patrologe Kolawole Chabi OSA in der vom Patristischen Institut Augustinianum in Rom herausgegebenen Halbjahreszeitschrift Augustinianum 58,II, Dezember 2018.

Augustinus schrieb die Epistel 29 kurz nach seiner Priesterweihe im Jahr 391. Er berichtete darin Alypius, dem Bischof von Thagaste, wie es ihm gelungen war, seine Gemeinde zu überzeugen, das Fest des Märtyrers Leontius, eines populären Lokalheiligen, mit Gebeten und Schriftlesungen zu feiern, statt wie in den Jahren zuvor mit einem Totenmahl, das stets in einem Trinkgelage endete.

Schon immer, so Chabi, betrachteten die Christen die Gräber der Märtyrer als besondere Orte, an denen diese um Fürsprache bei Gott gebeten wurden. In der Epistel 29 erklärt Augustinus, dass die Totenmahle in der Kirche anfangs toleriert wurden, da nach dem Ende der Christenverfolgungen „die Mengen der Heiden, die Christen werden wollten“, zögerten, diesen Schritt zu tun, da sie „gewohnt waren, die Festtage ihrer Götzen mit viel Essen und Trinken zu feiern“. Zwar stießen die zum Teil ausschweifenden Gelage von Anfang an auch auf harte Kritik, ließen sich aber beim Volk nicht einfach unterbinden. Als Augustinus sah, dass sie zu seiner Zeit nur noch in Afrika Brauch waren, entschied er nach seiner Rückkehr in die Heimat, „dass jene, die nicht verleugnen wollen, dass sie Christen sind, beginnen sollten, nach dem Willen Christi zu leben und jene Bräuche zurückzuweisen, die einst nur gestattet wurden, damit sie Christen werden konnten“.

Um seinen Plan umzusetzen, wählte Augustinus das dreitägige Fest des Märtyrers Leontius, an dessen Ende traditionell ein Totenmahl stand, das den Namen laetitia (Freude) trug, was nichts anderes war als ein Euphemismus für „Trunkenheit“.

Augustinus ließ dieses Gelage, das stets in der Basilika stattfand, durch den Bischof untersagen. Dies führte zu einem Aufstand im Volk, das sich des populärsten Teils des Festes beraubt sah. So musste Augustinus am ersten Festtag vor einer schlecht gelaunten Gemeinde predigen. Er wählte als Predigttext Matthäus 7,6 („Gebt das Heilige nicht den Hunden und werft eure Perlen nicht den Schweinen vor“) und konnte die wenigen Personen, die gekommen waren, auf seine Seite ziehen. Als diese jedoch den anderen von der Predigt erzählten und von diesen nur maulende Kritik ernteten, war sein Erfolg wieder zunichte gemacht. Am zweiten Festtag war die Basilika zwar gut gefüllt, aber Augustinus spürte den Unmut der Gemeinde. Er predigte lange über die Vertreibung der Händler aus dem Tempel – der Herr vertreibt auch Betrunkene aus dem Tempel! – und weitere Texte über das Laster der Trunkenheit. Schließlich gelang es ihm, das Gewissen der Menschen zu berühren, alle brachen in Tränen aus – einschließlich Augustinus selbst. Nur ein letzter Widerstand regte sich noch, als einige fragten, warum etwas verboten wird, was lange Zeit nicht verboten war, aber auch sie konnte Augustinus durch ein persönliches Gespräch überzeugen. So wurde das Fest des heiligen Leontius zum ersten Mal nicht mit einem Trinkgelage gefeiert, sondern mit Schriftlesungen, Gebeten und Psalmengesang.

Eine besondere Spitze bekommt die Geschichte dadurch, dass die jetzt fromm betende Gemeinde im Hintergrund den wilden Lärm hörte, der aus der nahegelegenen Basilika der Donatisten herüberklang, die, wie Chabi schreibt, „keinen Augustinus hatten, der ihrer laetitia ein Ende gesetzt hätte“. Augustinus ermahnte seine Gemeinde, „immer solche Feste zu wünschen wie das unsere, jetzt wo sie geschmeckt hatten, wie süß der Herr ist“. Die Epistel 29, so Chabi, belegt Augustinus' große Fähigkeit als Prediger: „eine kraftvolle Stimme der Reform für die katholische Kirche im römischen Afrika“.

DT/CK

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02.04.2021, 19  Uhr
Carsten Heinke
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