Tagesposting: Von heiligen Zeichen

Ein Zeichen ist ein Zeichen, wenn es ein Zeichen ist. Von Bernhard Meuser
Tagesposting: Von heiligen  Zeichen
Foto: Archiv | Der Autor ist Initiator der globalen Jugendkatechismus-Initiative „Youcat“ und Leiter der internationalen YOUCAT Foundation in Aschau/Chiemgau.

Die neongelbe Hand an der Autobahnauffahrt ist ein gutes Zeichen, denn es verhindert, dass ich zum Geisterfahrer werde. Ein „einmaliges“ Zeichen hofften die Bischöfe zu setzen, als sie kühne Schritte unternahmen, evangelischen Ehepartnern den Zugang zur Kommunion zu ermöglichen. Über diesem Zeichen hat sich aber ein anderes Zeichen in Luft aufgelöst – und ausgerechnet das Erkennungszeichen der Kirche: Joh 13, 35, Einheit in Liebe. Man hat den Eindruck, als seien die deutschen Bischöfe uneins wie nie. Diese Uneinigkeit wird auch noch an die Öffentlichkeit getragen und dort medial verstärkt. Die Leute hören das Wort Kirche und winken nur noch ab. Aber auch innerhalb der Kirche pflanzt sich das Gen der Spaltung fort bis in die Gruppen und Gemeinden. Sonntagsmesse in einer normalen Gemeinde: „Alle sind eingeladen ... Ich betone: alle!“, fühlt sich der Zelebrant nach dem Agnus Dei zu sagen gedrängt. Kann man ihm einen Vorwurf machen, wenn er betont, das mit dem würdig/nicht würdig habe sich erledigt? „Jesus hat keinen ausgegrenzt, hat alle eingeladen. Also kommen Sie!“ Es ist natürlich theologischer Populismus, eine Verwechslung der Sündermähler Jesu mit der Einsetzung der Eucharistie, dem „Neuen Bund in meinem Blut“ (Lk 22,20), die durchaus nicht mit jedermann stattfand. Wem muss man einen Vorwurf machen – ihm oder der Stimmenvielfalt deutscher Bischöfe? Mit einer Art katholischem Samuraihieb hatte es der zweifelsfrei ideal gesinnte Priester verstanden, die Eucharistiegemeinde in drei Teile zu spalten: Teil 1: „Wow, der hat es den Konservativen aber mal gegeben!“ Teil 2: „Wenn es der Pfarrer sagt, wird es wohl stimmen.“ Teil 3: „Haben wir nicht gelernt: Wer in schwerer Sünde lebt, muss zur Beichte gehen, bevor er zum Altar tritt?“ Einheit in Liebe? Zwei Minuten vor dem Kommunionempfang hat sie den Kirchenraum verlassen. Mangelnde Einheit hat es in der Geschichte oft gegeben. Nach dem Tod Clemens IV. konnten sich die Kardinäle 1005 Tage lang nicht auf einen Nachfolger einigen, und 1317 ließ Prinz Philipp die Kardinäle kurzerhand 40 Tage in einem Kloster in Lyon einsperren, damit sie sich nach zweijähriger Sedisvakanz endlich einigten. Glücklicherweise gibt es heute niemanden mehr, der Hirten der Kirche wegsperren möchte. In christlichem Freimut darf man aber die deutschen Bischöfe daran erinnern, dass es in dieser Stunde der Kirche wohl keine dringendere Aufgabe für sie gibt, als sich in einen fundamentalen geistlichen Prozess zu begeben, am besten in eine Art freiwilliges Konklave. Man nehme sich einen Exerzitienmeister, einen strengen, lege den Schlüssel weg und komme nicht eher aus der Klausur, bis man versöhnt und glaubwürdig und in brüderlicher Eintracht vor Kirche und Welt treten kann. Ja, ich weiß, es gibt dringende terminliche Verpflichtungen: Kirchengut muss verwaltet, Papiere verabschiedet, Sitzungen geleitet werden. Aber es gibt auch noch das eine Notwendige (Lk 10, 4), das man verpassen kann, weil man gerade fünf Paar Ochsengespanne (Lk 14, 19) prüfen musste.

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