Würzburg

Tagesposting: Unter Generalverdacht

Priester leben heute unter den Voraussetzungen eines ständigen Misstrauens - und damit unter einer großen Belastung. Ein Plädoyer für mehr Anerkennung.
Unter Generalverdacht - Tagesposting
Foto: Thomas Esser

Priester und männliche Erzieher haben eines ganz sicher gemeinsam: Sie stehen unter Generalverdacht. Der männliche Erzieher wird verdächtigt, den Beruf nur gewählt zu haben, um leicht an kleine Kinder heranzukommen (was mancherorts sogar zu Wickelverbot führt). Ebenso stehen die Priester unter Verdacht – wegen des schrecklichen Missbrauchskandals in der katholischen Kirche. Ich frage mich, ob die Priester, die sich an Kindern oder auch Erwachsenen vergriffen haben, diese missbraucht haben, sich je Gedanken darüber gemacht haben, was ihre Sünden anrichten. Nicht nur mit Blick auf die Opfer, sondern durch das Misstrauen, dem sich dieser Berufsstand jetzt generell ausgesetzt sieht. Machen wir Gläubigen und Laien uns Gedanken darüber, welche Auswirkungen der Skandal für unsere Priester heute hat?

Ständige Angst und Vorsicht

Wir konnten als Kinder unsere erste Beichte noch in der gefühlten Anonymität eines dunklen, ein wenig geheimnisvollen Beichtstuhls ablegen. Für die meisten von uns war das – Gott sei Dank – auch ein sicherer Ort. Heute ist für viele Kinder eine „normale“ Beichte im Beichtstuhl nicht mehr möglich – sie muss in vielen Gemeinden hinten in der Kirche stattfinden, damit vorne in der Kirche Erwachsene aufpassen, dass nichts passiert und auch nichts Falsches erzählt werden kann. Beichte unter Beobachtung. Bei den Ministranten geht es dann weiter. Der Priester muss fürchten, mit einem Ministranten allein in der Sakristei zu sein. Schließlich könnte es ihm so gehen wie Kardinal Pell, der angeklagt wurde, weil er nach einem Pontifikalamt angeblich gleich zwei Ministranten im vollen Ornat missbraucht hat. (Ein Rätsel bleibt, wie man direkt nach einem Pontifikalamt zwei Ministranten allein in der Sakristei antreffen kann – dort wimmelt es dann nur so vor Ministranten, Küster, Konzelebranten vielleicht sogar Lektoren, Vorbetern.)

Die Priester brauchen nicht nur unser Gebet, sondern auch unsere Freundschaft

Claudia Kaminski
Foto: pr | Die Autorin ist Ärztin und Direktorin für Kommunikation bei k-tv.

Aber zurück zum Priester in der Sakristei – für den wird es ja schon schwierig, wenn sich nur ein Junge oder Mädchen zum Dienst am Altar bei der Heiligen Messe einfindet. Da muss der Priester nervös werden – bloß die Tür auflassen oder schnell nachsehen, ob man den Ablauf der Heiligen Messe in der Kirche besprechen kann, wenn dort schon Gläubige sind. Alles mit dem Ziel, nicht mit dem Ministranten allein zu sein. Wo früher unbeschwert auch Freizeiten von Priestern begleitet werden konnten, da ist heute Vorsicht geboten: Kann der Priester noch in den Schlafsaal gehen zum Wecken? Nein, kann er nicht. Er kann noch nicht einmal von der Tür her ein fröhliches „Guten Morgen, Aufstehen!“ rufen. Kinder trösten, wenn sie weinen? Fehlanzeige – viel zu viel Nähe! Deswegen, so glaube ich, brauchen die Priester unsere Familien und unsere Freundschaft und nicht nur unser Gebet.

Die Berufung zum Priestertum ist eine Berufung zu unserem Heil. Wir brauchen die Priester als Seelsorger, als Menschen, die sich um unsere Seele sorgen und uns die Sakramente spenden. Vielleicht noch ein später, guter Vorsatz für 2020: Beten wir nicht nur für unsere Priester, sondern lassen wir sie wissen, dass wir sie brauchen, dass wir sie schätzen, dass wir froh sind, dass wir sie haben.

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