Berlin

Tagesposting: Im Zeitalter der Zerrissenheit

"Cancel Culture": Während die Lautsprecher der Politischen Korrektheit von Buntheit, Diversität und Multikulturalität tönen, leben wir längst in einem radikal illiberalen Zeitalter, das keine Diskussionen mehr kennt. Dass Deutschland debattenunfähig geworden ist, ist das Resultat einer fanatischen Moralisierung aller Lebensfragen.
Tagesposting: Gender für  Anfänger
Foto: Kathrin Harms | Der Autor ist Philosoph und Medienexperte.

Die Wut über Corona und die Folgen hat offenbar weltweit eine Geistesstörung ausgelöst, in der jede Verrücktheit als salonfähig erscheint – allerdings unter der Voraussetzung, dass die Verrücktheit als „links“, das heißt als antifaschistisch, antirassistisch, antikapitalistisch auftritt. Wer diesen Wahnsinn auf Distanz halten will, wird mundtot gemacht. Dafür hat sich der Begriff „Cancel Culture“ eingebürgert. Während die Lautsprecher der Politischen Korrektheit von Buntheit, Diversität und Multikulturalität tönen, leben wir längst in einem radikal illiberalen Zeitalter, das keine Diskussionen mehr kennt. Dass Deutschland debattenunfähig geworden ist, ist das Resultat einer fanatischen Moralisierung aller Lebensfragen.

Gefühle und Gesinnungen ersetzen Argumente. Das ist besonders schlimm für die geisteswissenschaftlichen Departments der Universitäten, die zu wahren Treibhäusern der Weltfremdheit geworden sind. Aber es ist auch ruinös für den Journalismus. Früher wehrten sich die Medienschaffenden noch gegen den Vorwurf, sie würden Information und Meinung nicht mehr trennen. Heute ist es das stolze Selbstverständnis vor allem ihrer jüngeren Vertreter, das sich „Haltungsjournalismus“ nennt. Dieser auch „wertorientiert“ genannte Journalismus ist das Ende des Journalismus als Organ der Aufklärung. Objektivität und Neutralität gelten als überholt – Propaganda für die gute Sache lautet das Gebot der Stunde.

"Wertorientierter" Journalismus ist das Ende des Journalismus

Wie in der Weimarer Republik sind auch heute wieder junge fanatische Intellektuelle verantwortlich für die Zerstörung der Vernunft. Nassim Nicholas Taleb hat dafür die Formel „Intellectual yet idiot“ geprägt – man kann universitätsgebildet sein und doch politische Urteilskraft und gesunden Menschenverstand vermissen lassen. Alexander Kisslers Buchtitel „Die infantile Gesellschaft“ bringt dieses unser Hauptproblem auf den Begriff. Nichts scheint heute schwieriger zu sein, als erwachsen zu werden; früher ging das mit der Gründung einer Familie und der damit verbundenen Verantwortung einher.

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Stattdessen sind die Kinder an der Macht – und zwar nicht nur als hüpfende Schulkinder, sondern auch als infantile Gewalttäter. Die Taliban sind mitten unter uns. Die militante Linke von heute kann sich nicht auf Marx, wohl aber auf Bakunin berufen: das gelobte Lumpenproletariat der unzivilisierten, beleidigten Bohemiens. Der Neid auf die Erfolgreichen und die Unduldsamkeit gegenüber anderen Meinungen sind ihre wesentlichen Charakteristika. Und ihre Vision ist der Bürgerkrieg.

Puritanismus und Jakobinismus feiern heute gemeinsam ihre Wiederauferstehung. Manichäisch stellt man die Guten gegen die Bösen, die People of Colour gegen die Weißen, die Menschen gegen die Unmenschen. Das ist aber keine Politisierung der Lebensverhältnisse, sondern ihre Neurotisierung. Das amerikanische Stichwort lautet „woke“: angezüchtete Hypersensibilität, Hysterie als Politikersatz. Es genügt dabei nicht, sich als Opfer zu stilisieren – man muss sich auch als „Gewissensmelker“ (Ernst Jünger) betätigen. Deshalb ist es die wichtigste Aufgabe einer neuen Aufklärung, einen Impfstoff gegen Hypermoral zu entwickeln.

 

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