Tagesposting

Er zieht die Kirche aus dem Dreck

Die Kirche als „Esel“, Josef als Fluchthelfer und das Mysterium auf dem Eselsrücken auf dem Weg in „die Stille“, ins Exil - eine spannende, neue Interpretation eines uralten Motivs aus der Weihnachtsgeschichte.
Flucht nach Ägypten
Foto: Wikimedia/gemeinfrei (CCO) | Der heilige Joseph, Ziehvater des Menschensohns, führt während der Flucht nach Ägypten den Esel, der die Gottesmutter und das Jesuskind trägt.

Seit den Weihnachtstagen 2020 steht das Bild eines Fluchthelfers auf meinem Schreibtisch. Es hat mich spontan fasziniert – vielleicht, weil ich ohnehin so ein Faible für verrückte Leute habe, die Mächten und Gewalten ein Schnippchen schlagen und kerzengerade ihr Ding durchziehen, wenn es um Menschen geht. Nun gibt es unter den Fluchthelfern solche und solche. Die einen umweht der Pesthauch des Bösen; sie werden vor dem Jüngsten Gericht zittern müssen, weil sie noch aus der Todesangst der Ärmsten ein Geschäft gemacht haben oder Naziverbrechern zur Flucht verhalfen.

Es gibt aber auch die Anderen, die selbstlos ihr Leben riskierten, um Juden vor der Deportation durch die Gestapo, Armenier vor Türkenmilizen oder Dissidenten vor den Schergen Stalins zu retten. Ich bin sicher, dass diesen wunderbaren Menschen die Verheißung Jesu zugedacht ist: „Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist.“

„Es ist Zeit, das Mysterium
für eine Weile in Sicherheit zu bringen“

Der Fluchthelfer, der auf meinem Schreibtisch steht, ist nicht etwa ein etwas älterer Kollege von Oskar Schindler oder Eugenio Zolli. Er ist der Fluchthelfer schlechthin – man könnte sagen: Er ist ihr Role Model, ihr Patron. Ich spreche vom Hl. Josef. Dass ihn Papst Franziskus zum „Man of the Year“ machte, finde ich einfach nur genial. Und genauso genial finde ich die Darstellung der Flucht nach Ägypten, wie sie Gentile da Fabriano an der Wende zum 15. Jahrhundert in Florenz gemalt hat.

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Ich mochte die Augen gar nicht mehr von dem Bild wenden. Man sieht einen ebenso starken wie achtsamen Mann, der ein geduldiges Lasttier an der Leine führt. Entschlossen geht es aus der Gefahrenzone, wobei Josef einen sorgsamen Blick zurück auf das Lasttier und seine überaus kostbare Fracht wirft. In das Blau der Ewigkeit gehüllt, hat Maria nur Augen für das zu rettende Geheimnis auf ihren Armen: das Kind, in dem Gott Mensch geworden ist – und damit potenzielles Opfer von Gewalt.

Die Kirche als nichtsnutziger, alter Esel

Das mag jetzt eine subjektive Interpretation sein, aber für mich zieht Josef gerade die Kirche aus dem Dreck. Sie steckt fest in lebensbedrohlichen Zusammenhängen. Die Welt kann und will nicht akzeptieren, dass sie ein Geheimnis in sich birgt, das die Totalität ihrer Herrschaft in Frage stellt. 260 Millionen Christen weltweit waren 2019 wegen ihres Glaubens starker Verfolgung ausgesetzt. Die Kirche selbst erscheint vielen wie ein alter nichtsnutziger Esel, dem man endlich den Fangschuss geben sollte.

Aber der alte Esel geht und geht und geht ... und trägt auf seinem Rücken, den Himmel und Erde nicht fassen können: Heile Welt 1.0, gehalten von den zärtlichen Händen einer kleinen, ohne Limit gläubigen Frau. Es ist gerade nicht die Zeit, sich auf den Marktplätzen zu zeigen und von der Gunst der Mächtigen zu profitieren. Es ist Zeit, das Mysterium für eine Weile in Sicherheit zu bringen, damit es in der Stille wachsen und eines Tages aus der Fremde zurückkehren kann in das Land, in dem es groß sein wird. Heiliger Josef bitte für uns, bitte für die Kirche! Und zieh, Mann, zieh ... !

 

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