Würzburg

Tagesposting: Der viel zu späte Ruf

Nachdem die Kirchen zunächst kampflos das Feld geräumt haben, grassiert jetzt die Angst, nicht „systemrelevant“ zu sein. Ein Plädoyer für eine zweimonatige Aussetzung der Kirchensteuer wegen wochenlanger Tatenlosigkeit.
Online-Gottesdienste kein Ersatz für lebendiges Gemeindeleben und  Eucharistie
Foto: Franziska Kraufmann (dpa) | Lebendiges Gemeindeleben und die Eucharistie sind durch Online-Angebote einfach nicht ersetzbar, meint Peter Hahne.

Langsam gewöhnt man sich daran. Man braucht keinen Biergarten, die Halbe schmeckt auch zu Hause. Wofür teuren Urlaub? Auf Balkonien lässt es sich auch gut sonnen. Wofür Restaurants? Wir haben doch jetzt Selber-kochen gelernt. Wozu Kirchen ... Und plötzlich packt nicht nur die Wirtschaft die nackte Angst ums Überleben, jetzt kommen auch die Kirchen, aus dem Tiefschlaf der Staatsgläubigkeit erwacht, dahinter: Man könnte uns ja für überflüssig und nicht „systemrelevant“ halten. Vor allem merken immer mehr Christen: Es ist billiger als die lästige Kirchensteuer, einfach durchs Internet zu klicken. Ich habe selten so viel Hass und Häme erlebt wie nach meiner Forderung: Öffnet die Kirchen! Es gibt Bistümer, die Mitarbeiter zwangsweise in den Urlaub schicken, statt an die vorderste Front der Seelsorge. Hatte man nicht vor Wochen noch Krokodilstränen vergossen über die italienischen Priester, die sich in der Katastrophe verzehrten?! Jetzt lässt man „Coronakranke“ ungetröstet sterben.

„Plötzlich merkt der Dümmste,
dass lebendiges Gemeindeleben und die
heilige Eucharistie durch kein Internet
dieser Welt zu ersetzen sind“

Ich kann eine ganze Liste von Beispielen liefern, wie absurd es in den leeren (Kurzarbeit!) Krankenhäusern zugeht. Und nun: Jeder Bischof will dabei gewesen sein, als es um die Frage nach geöffneten Kirchen geht. Plötzlich merkt der Dümmste, dass lebendiges Gemeindeleben und die heilige Eucharistie durch kein Internet dieser Welt zu ersetzen sind. Waren diese (geweihten) Leute denn nicht ganz bei Trost, das Feld kampflos zu räumen?! Kompliment für alle, die Widerstand geleistet und Kreativität walten lassen haben. Nebenbei: Man hatte bei den Schließungen den Eindruck, als sei das Problem der Kirchen die Masse. In vielen Gotteshäusern hat der Gläubige ohnehin statistisch gesehen eine Bank für sich. Der unverschämteste Vorwurf einer Regierung, die jedes Maß verloren hat: Schließlich sei es nicht nur der Karneval, der sich als Corona-Schleuder entpuppt habe, sondern auch kirchliche Veranstaltungen. Man ist nur noch fassungslos über diesen Irrsinn.

Bei der Videokonferenz der Ministerpräsidenten hieß es, man habe Angst (!) vor den Muslimen bei Beginn des Ramadan. Papst Benedikt XVI. würde das „Diktatur des Relativismus“ nennen, dass die Kirchen es sich gefallen lassen, in Mithaftung genommen zu werden. Weil wochenlang Tatenlosigkeit herrschte, fordere ich von den Kirchen, für zwei Monate auf die Kirchensteuer zu verzichten. Ohne Leistung kein Geld, so schlicht ist das. Wie Deichmann, Kik und Co., die wegen zwangsgeschlossener Läden keine Miete zahlen. Ich spende gerne für Gemeinden, die in diesen Zeiten rastlos voller Ideen bei den Menschen waren. Doch eine Organisation, die einfach den Schlüssel rumdreht und sich damit für überflüssig erklärt, ist mir keinen Cent (mehr) wert. Der viel zu späte Ruf nach Öffnung der Kirchen hat doch nur eine Ursache, wetten, dass...?! Die nackte Angst, dass Steuerzahler merken, dass es auch ohne geht — und sie die Konsequenzen ziehen. Es soll bekanntlich auch noch Leute geben, die jenseits des Fort-Schritts von Traditionen und Ritualen auf dem „Synodalen Weg“ an der biblisch gebotenen Mitte der Kirche festhalten: dem Gottesdienst.

Das neueste Hahne-Buch „Seid ihr noch ganz bei Trost?“ (Quadriga-Verlag) steht weiter an der Spitze der Bestsellerlisten.

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