Tagesposting

Bitte keine „Kinderkirche“? Von Monika Metternich
Tagesposting: Schutzraum für die Kinder Gottes
Foto: Archiv | Monika Metternich ist eine katholische Publizistin und Autorin.

Neulich vor Beginn der Sonntagsmesse wieder das gewohnte Bild beim Blick über die halbgefüllten Reihen der Kirchenbänke: Die Haarfarbe grau herrscht vor. Nun ist nichts gegen ältere Menschen einzuwenden, die zur heiligen Messe gehen – im Gegenteil! Ich gehöre ja selbst dazu. Stellt man sich dieselbe Kirche aber in zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren vor, so wird einem mit etwas Realismus beklemmend deutlich, dass hier annähernde Leere herrschen wird. Doch halt! Habe ich nicht gerade ein Kinderstimmchen gehört? „Mama, Buch lesen!“ ruft es ganz von vorne, dort, wo vorher der deprimierte Blick über uns Grauköpfe nicht hinreichte. Ich recke meinen Hals und sehe tatsächlich: eine Familie. Vater, Mutter und ein etwa Zweijähriger, der von der Sitz- auf die Kniebank und von dort auf den Schoss seiner Mutter klettert. Ein Hoffnungsschimmer! Schon beginnt die Orgel zu spielen, der Priester und die Ministranten ziehen ein und von dem jüngsten Kirchenbesucher hört man nichts mehr. Offenbar bekommt er genügend Interessantes zu sehen und zu hören. Erst beim feierlichsten und tiefsten Punkt der Heiligen Messe, der Wandlung, bringt er sich wieder in Erinnerung: „Jetzt gibt's was zu essen!“ ruft er begeistert. Wohl alle Eltern, die ihre Kleinkinder mit in die Sonntagsmesse nehmen, kennen solche peinlichen Momente. Aber sie sind kein Grund, die Kleinen lieber anderweitig betreuen zu lassen. Was Kleinkinder in der Kirche lernen, ist, dass es etwas gibt, das ihre Eltern oder Großeltern auf keinen Fall vermissen wollen, weil es ihnen so wichtig ist. Dass es toll ist, dabei sein zu dürfen. Und dass hier etwas stattfindet, was völlig anders ist, als was sie in ihrem kindlichen Alltag erleben: die feierliche Atmosphäre, der Gesang, die ungewöhnlichen Gewänder. Bei all dem stehen einmal nicht die Kinder selbst im Mittelpunkt, sondern etwas anderes, Größeres, Geheimnisvolles. Das spüren Kinder, und es hat eine große Anziehungskraft für sie. Es ist meiner Ansicht nach ein Fehler zu glauben, dass eine parallel zur Heiligen Messe der Erwachsenen stattfindende „Kinderkirche“, bei der letztlich dasselbe getan wird wie zuhause, in der Kita oder im Kindergarten (Stuhlkreis, Vorlesen, Malen, Kollagen kleben, Kinderlieder singen), denselben Samen in ein Kind pflanzen kann wie der noch diffuse Eindruck des Sakralen, der Widerhall in der kindlichen Seele findet. Natürlich haben wir Grauköpfe und auch die Eltern der Kinder mehr Ruhe und Besinnlichkeit, wenn die wenigen ganz kleinen Kirchgänger für den Hauptteil der Messe irgendwo nebenan „versorgt“ werden, wo sie keinen stören. Wenn wir uns aber bewusst machen, dass diese Kinder die Zukunft der Kirche sind, dann gibt es kein „stören“ im landläufigen Sinn. Und nicht nur das: Mit „lasset die Kinder zu mir kommen“ meinte Jesus keine kirchliche Bewahranstalt, welche die kleinen Racker kindgemäß beschäftigt, solange die Erwachsenen zu ihm kommen. Er meinte Nähe – zu ihm selbst. Und genau das sollten wir Kirchenbesucher den Kleinen und ihren Eltern vermitteln. Unsere Freude, dass auch sie zu dem kommen, ohne den wir nicht leben können. Und unsere Nachsicht, wenn es dabei auch mal etwas lebhafter zugeht.

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