Syrische Christen lasen das griechische Original

Kam die Antike über die arabische Welt in das Mittelalter? Eine neue Untersuchung widerspricht dieser weit verbreiteten These. Von Clemens Schlip
Foto: IN | In den Vorlesungen an mittelalterlichen Universitäten spielte das Wissen der Antike eine zentrale Rolle.
Foto: IN | In den Vorlesungen an mittelalterlichen Universitäten spielte das Wissen der Antike eine zentrale Rolle.

Die islamische Welt des Mittelalters war über weite Strecken der abendländisch-christlichen Welt kulturell überlegen. Im islamischen Kulturraum entdeckte man die Weisheit der alten griechischen Philosophie und Wissenschaft zu einem Zeitpunkt wieder (8. bis 12. Jahrhundert), wo man in Europa in finsterer Barbarei verharrte. Nur durch die Vermittlung der muslimischen Araber konnten die Abendländer im 12. Jahrhundert zum ersten Mal wieder mit diesem Wissen in Kontakt kommen. – So will es eine weit verbreitete Lesart der europäischen Geistesgeschichte.

Doch es war anders: Das christliche Abendland war nicht darauf angewiesen, sein eigenes griechisches Erbe aus den Händen der muslimischen Araber als milde Gabe zu empfangen. Und die Muslime selbst waren auf Christen angewiesen, die ihnen diese Schätze zugänglich machten. So könnte man zwei der wichtigsten Hauptthesen von Sylvain Gouguenheims Buch „Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Die griechischen Wurzeln des christlichen Abendlandes“ formulieren. Der Autor ist Mediävist an der Universität Lyon.

Der Hunger des christlichen Europas nach dem Wissen der Griechen wurde nicht erst durch die muslimischen Araber geweckt. Die Sehnsucht und der Appetit nach griechischer Bildung waren, wie Gouguenheim eindrücklich zeigt, eine Konstante der europäischen Geistesgeschichte, schon ab dem 6. Jahrhundert, als ihre Kenntnis einen Tiefpunkt erreicht hatte. Und wie hätte es anders sein sollen? Schließlich hatte das Christentum die griechische Kultur wie ein Schwamm in sich aufgenommen. Das Wissen der Griechen, das man wiederzuerlangen suchte, war also nichts Fremdes, sondern etwas Eigenes.

Woher bezogen die Abendländer dieses Wissen? Nicht zuletzt von christlichen Flüchtlingen aus dem Orient (Syrern und Griechen), die in einem kontinuierlichen Strom vom 7. bis 12. Jahrhundert Zuflucht im Westen suchten. Aber auch aus Byzanz. Der personelle Austausch zwischen dem christlichen Westen und Osten war viel reger, als man sich gemeinhin vorstellt. Griechische Mönche gelangten auch in entferntere Gegenden des Westens. In Europa gab es viele potenzielle Übersetzer aus dem Griechischen, und ein reges Interesse an Übersetzungen. Exemplarisch und anschaulich stellt Gouguenheim den Aristoteles-Übersetzer Jakob von Venedig (12. Jahrhundert) vor, wohl ein Venezianer, der einige Zeit in Konstantinopel gelebt hatte. Seine direkt aus dem Griechischen angefertigten Übersetzungen aus dem Werk des Philosophen fanden erstaunliche Verbreitung über ganz Europa.

Wie verhielt es sich mit der Rezeption des griechischen Wissens in der muslimisch-arabischen Welt? Gouguenheim zeigt, dass sie ohne christliche Hilfe nie möglich gewesen wäre. Denn da die islamischen Gelehrten des Griechischen nicht mächtig waren – und auch keine Neigung zeigten, es zu erlernen – waren sie angewiesen auf die von syrischen Christen angefertigten Übersetzungen aus dem Griechischen, die sie teilweise sogar gezielt in Auftrag gaben. Auch den christlichen Arabern kam bei der Wiederentdeckung der griechischen Schriften eine tragende Rolle zu. Wer weiß schon, dass es diese christlichen Übersetzer waren, die der sehr poetischen, doch jeder Abstraktion abgeneigten arabischen Sprache ihre wissenschaftliche Terminologie schenkten? Das arabische Wort für Philosophie – falsafa – ist eine Schöpfung des christlich-arabischen Aristoteles-Übersetzers Hunayn ibn Ishaq (809–873). Zu jener Zeit war in vielen Gegenden ein großer Teil der Araber noch christlich. Meist waren die Christen jedoch eine in einen drückenden Stand herabgedrängte Minderheit, der Verfolgung drohte. Doch gerade diese Minderheit stellte einen großen Teil der geistigen Elite der arabischen Welt. Besonders als Ärzte – deren Wissenschaft eine bruchlose Fortsetzung der griechischen Heilkunst war – waren sie unverzichtbar.

Wenn die Muslime das griechische Wissen aufnahmen, dann nur durch einen Filter, den Filter der koranischen Überlieferung. Der Koran war für sie das ungeschaffene, seit Ewigkeit bestehende Wort Gottes, dem alles sich unterzuordnen hatte. Und auch diese gefilterte, beschränkte Aneignung griechischen Denkens beschränkte sich auf einen kleinen Teil der Gelehrten, war nicht repräsentativ, und hatte, anders als in Europa, keinen Einfluss auf Staat und Gesellschaft. Eine Hellenisierung der islamischen Welt fand nie statt.

Warum vollzog sich die Aneignung der griechischen Wissenschaft im Abendland umfassender und mit größerem Eifer als in der islamischen Welt? Aus Gouguenheims Darstellung ergeben sich verschiedene Gründe. Die Europäer, deren Religion getränkt war von griechischer Philosophie und Kultur, konnten sich als natürliche Nachfolger der Griechen ansehen; für die Muslime blieb das Griechentum letztlich immer eine fremde Welt. Umso mehr, als ihre Religion, der Islam, ein alles überwölbendes System von Regeln und Vorschriften war, während das Christentum viele Freiheiten ließ. Die heilige Schrift des Islams, der Koran, wurde als letzte und umfassende Antwort auf alle Fragen verstanden. Ihm war bedingungslos zu gehorchen. Das Christentum dagegen baute nicht auf bloßem Glauben und Gehorsam auf, sondern strebte danach, die Offenbarung auch verstandesmäßig zu begreifen. Es verband Glauben und Vernunft. Begierig griffen die Abendländer deshalb nach dem Wissen der alten Griechen.

Erwähnenswert sind Gouguenheims an passender Stelle angestellten feinsinnigen Beobachtungen zu den Begriffen „kulturelle Wurzel“ und „kulturelle Identität“, die er gegen wohlfeile Kritik überzeugend verteidigt: „Könnte man denn sagen, dass die menschliche Identität nur ein Zerrspiegel ist, weil ein 90-jähriger Greis nicht mehr dem Kleinkind ähnlich ist, das er mit sechs Monaten war? Identität bedeutet nicht Unveränderlichkeit, wer sie aber deshalb leugnet, setzt sich der Gefahr aus, Ähnlichkeiten nicht mehr von Unterschieden trennen zu können ... Identitäten und Trennungen bestehen zwischen Menschen wie zwischen Räumen und Kulturen. Und nicht jede Abgrenzung ist die Frucht oder der Ausdruck einer Ablehnung.“

Bei seiner Ersterscheinung in Frankreich 2008 rief das Buch kontroverse Reaktionen hervor. Eine Petition von Dozenten und Studenten der Universität Lyon sowie ein in der Tageszeitung „Liberation“ veröffentlichter Protest von 58 Historikern richteten sich gegen Gouguenheim, dessen Buch andernorts dagegen – besonders auch bei Katholiken – großen Anklang fand. Diese geteilte Aufnahme hat wohl den Verlag der deutschen Ausgabe bewogen, dem von gewissen Kreisen scharf attackierten Titel gewissermaßen „als Gegengift“ einen kritischen Kommentar der Mediävisten Martin Kintzinger und Daniel König anzufügen, der sich von den Thesen des Franzosen weitgehend distanziert. So sachlich dieser Kommentar sich auch gibt, er ist getränkt von Ressentiment und unterstellt Gouguenheim teilweise Positionen, die er so nicht vertritt. Man fühlt sich bei der Lektüre an den berühmten Vers aus Christian Morgensterns Palmström-Gedichten erinnert, „dass nicht sein kann, was nicht sein darf“. Der Verlag hätte besser daran getan, auf die Beifügung dieses peinlichen Elaborates zu verzichten.

Gouguenheim selbst geht in einem Nachwort zur deutschen Ausgabe in Reaktion auf sachlich vorgebrachte Kritik auf einige Detailfragen seiner Darstellung ein, stellt Einzelheiten klar oder modifiziert sie, ohne die Substanz des Buches anzutasten. Dass er darauf verzichtet, auf die ideologisch motivierte Kritik, die teils hysterischen, teils bösartigen Unterstellungen seiner Gegner einzugehen, erscheint als erfreulicher Ausweis seiner geistigen Souveränität.

Sylvain Gouguenheim: Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel. Die griechischen Wurzeln des christlichen Abendlandes. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2011, 265 Seiten, ISBN 978-3-534-23221-5, EUR 29,90

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