„Symbol der Einheit des japanischen Volkes“

Am 30. April 2019 wird der japanische Kaiser Akihito zugunsten seines Sohnes Naruhito abdanken. Von Sebastian Krockenberger
Kaiserhaus Japan
Foto: dpa | Kronprinz Naruhito (links) wird wohl der Nachfolger des japanischen Kaisers Akihito.

Nach einigem Hin und Her steht der Termin jetzt fest. Am 30. April 2019 wird der japanische Kaiser Akihito (83 Jahre) aus gesundheitlichen Gründen abdanken. Er hat schon zwei größere Operationen hinter sich. Kronprinz Naruhito (57) wird ihm am 1. Mai 2019 auf den Thron folgen.

Premierminister Shinzo Abe stand dem Rücktrittswunsch des Kaisers anfänglich skeptisch gegenüber. Kaiser Akihito baute jedoch mit einer Fernsehansprache am 8. August 2016 so starken politischen Druck auf, dem Premier Abe schließlich nachgeben musste. Ausdrücklich wies Akihito in seiner Ansprache damals auf seine schweren gesundheitlichen Probleme hin.

Abes Bedingung ist, dass die Abdankung des Tenno eine Ausnahme bleibt. Das Gesetz über das japanische Kaiserhaus sieht eine Abdankung nicht vor. Mit einem Sondergesetz, das im Juni 2017 verabschiedet wurde, ist extra eine zeitlich begrenzte Ausnahme geschaffen. Nachdem der Rat des Kaiserhauses, dem Premier Abe angehört, auf seiner Sitzung jetzt am 1. Dezember 2017 eine Empfehlung für eine Abdankung am 30. April 2019 beschlossen hat, wird das Kabinett diese Beschlussempfehlung aller Voraussicht nach umsetzen.

In der über tausendjährigen Geschichte des Kaiserhauses haben immer wieder Kaiser abgedankt, zuletzt 1817 der Kokaku-Tenno. Doch mit der Modernisierung und der Öffnung des Landes Richtung Westen Ende des 19. Jahrhunderts haben die damaligen Staatsreformer das Kaisertum sakral überhöht und zum Anker für die japanische Nationalidentität gemacht.

Zwar wurde die sakrale Überhöhung des Kaisers nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg auf Druck der US-amerikanischen Besatzungsmacht zurückgenommen, doch der sakrale Kern des japanischen Kaisertums wird in regelmäßigen Ritualen am Kaiserhof nach wie vor gepflegt; und ein Tenno, der die Götter Japans repräsentiert, kann dann natürlich nicht so einfach zurücktreten. Jedenfalls in der Meinung all derer, die an diese politische Religion glauben, wie zum Beispiel Premier Abe, dem die Verehrung der Sonnengöttin Amaterasu-Omikami, der Ahnherrin des Kaiserhauses, am Herzen liegt. Akihito fühlt sich zwar dem Amt und seiner Tradition verantwortlich, doch die nationalistische und mystische Überhöhung des Kaisertums, wie sie noch heute von nationalistischen Kreisen gepflegt wird, ist ihm im Grunde suspekt. Laut der Nachkriegsverfassung ist der Tenno „Symbol des Landes Japans und Symbol der Einheit des japanischen Volkes“. Er hat eine repräsentative Funktion.

In den bald 30 Jahren auf dem Thron hat Kaiser Akihito unauffällig doch bestimmt dem Amt seine Prägung gegeben. Zurückhaltend, freundlich und nahbar tritt Akihito in der Öffentlichkeit auf. Sein Vater wurde als der Repräsentant der Sonnengöttin noch bis zur Niederlage Japans im Zweiten Weltkrieg wie ein Gott verehrt. Akihito sucht die Nähe zu den Menschen. Mit seiner Abdankung macht er das „göttliche“ Kaisertum wieder ein Stück weiter menschlich.

Nach den Kaisern werden in Japan die Jahre gezählt. Seit dem 8. Januar 1989 gilt der Äraname „Heisei“ („den Frieden verwirklichen“). Am 30. April 2019 wird die Heisei-Zeit enden. Es wird damit gerechnet, dass die Regierung im Laufe des kommenden Jahres einen neuen Äranamen verkünden wird, der mit der Thronbesteigung des neuen Tenno in Kraft tritt. Dieses „Nengo“ oder „Gengo“ ist erst seit Ende des 19. Jahrhunderts an die Amtszeit eines Tenno gebunden, davor wurde es bezogen auf die verschiedensten Anlässe gewechselt. In Kalendern, Computern oder offiziellen Dokumenten wird es verwendet.

Mehrere Daten für die Abdankung waren im Gespräch. Das Kabinett hatte den Jahreswechsel 2018/2019 vorgeschlagen. Das hätte den Wechsel des Äranamens erheblich erleichtert, da das Neujahr mit dem Beginn der neuen Ära zusammengefallen wäre. Das Hofamt hatte dieses Datum aber abgelehnt, da der Kaiser zum neuen Jahr mehrere bedeutende religiöse Shinto-Rituale durchführt, was nicht gestört werden sollte. Das Ende des Geschäftsjahres zum 31. März 2019 wurde nicht gewählt, da der Thronwechsel sonst in den Wahlkampf für die landesweiten Kommunal- und Präfekturwahlen gefallen wäre. Abdankung und Thronbesteigung liegen jetzt mitten in der „Goldenen Woche“. In diesem Zeitraum häufen sich mehrere Feiertage und viele Japaner nutzen die Zeit für einen Kurzurlaub.

Die heitere Stimmung der „Goldenen Woche“ wird im deutlichen Kontrast zum letzten Thronwechsel stehen. Als am 7. Januar 1989 der Showa-Tenno, der Vater von Kaiser Akihito, starb verfiel das Land in eine nationale Agonie, die an die Zeiten des Kaiserkultes und des extremen Nationalismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erinnerte. Dass Abdankung und Thronbesteigung jetzt in einer heiteren und sachlichen Stimmung stattfinden werden, kann nur im Sinne von Kaiser Akihito sein.

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