SurftGott?

Nicht zum Gottesdienst am Morgen, sondern zur Komplet um 22 Uhr, dem kirchlichen Abendgebet, treffen sich am Sonntag mehrere Nutzer einer Internetkirche – obwohl jeder dabei zuhause allein vor seinem Computerbildschirm sitzenbleiben kann. Kirchenglocken läuten keine, auch die Orgel spielt nicht. Aber jeder dieser Besucher der Komplet hat zuhause das gleiche Bild einer Kirche mit Altar auf seinem Bildschirm, und dort reden, bewegen sich und sitzen wie in einem Computerspiel die Gottesdienstbesucher. Manche Teilnehmer der Komplet tippen auf der Tastatur ihrer Computer Gebetsanliegen ein, und bekreuzigen sich am Schreibtisch zuhause. Seit einem Jahr lädt das Erzbistum Freiburg Gläubige und Suchende über die Internetgemeinschaft „Second Life“ zu solchen Internet-Treffen in die virtuelle St.-Georgs-Kirche auf dem Computerbildschirm ein.

Der Trick eines Online-Gottesdienstes ist dabei: Jede einzelne dieser Computerfiguren, die sich auf dem Bildschirm bewegen, auf dem eine Kirche mit Altar abgebildet ist, und das alle Teilnehmer der Komplet auf ihren Computern sehen können, gehören zu je einem realen Menschen, der diese Figur von seinem Computer zuhause aus steuert. Die realen, einzeln zuhause sitzenden Menschen haben dabei einen Kopfhörer auf und können in ein Mikrofon sprechen. Was sie dort hineinsprechen, wird dann von den Computerfiguren auf dem Bildschirm gesagt, sodass es so aussieht, als würden diese Computerfiguren tatsächlich miteinander reden und einander zuhören. Die realen Menschen haben diese Bildschirmfiguren, die sie wie eine Art Doppelgänger im Internet für sich sprechen, zuhören und bewegen lassen können, zuvor mit entsprechenden Computerprogrammen nach ihren Vorstellungen gestaltet. Avatare heißen diese Figuren in der Fachsprache. Und als solche Avatare bewegen sich die realen Computernutzer im Internet, bauen dort virtuelle Häuser, treffen sich mit anderen Avataren, oder besuchen eben einen virtuellen Gottesdienst – das ist das Prinzip, das sich hinter dem Stichwort Web 2.0 und „Second Life“, dem zweiten Leben, versteckt: Reale Menschen simulieren eine künstliche Bildwelt im Computer, in der sie mit Hilfe von Atavaren kommunizieren.

Die Kapelle St. Georg, die als Vorbild für die virtuelle St.-Georgs-Kirche des Erzbistums Freiburg dient, gibt es wirklich, und zwar auf der Insel Reichenau am Bodensee. Dort haben sich die Internetchristen diesen Herbst zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht getroffen, nachdem sie sich vorher nur als ihre künstlichen Doppelgänger, als ihre Atavare kannten. Angereist sind Menschen zwischen 30 und 50 Jahren. „Wir sind eine echte Kerngemeinde, eine Community“, sagt Norbert Kebekus im Anschluss ans Gebet. Zusammen mit sechs Ehrenamtlichen betreut er das Internetprojekt seit Anfang November 2008 in Freiburg. Zwischen acht und vierzehn „User“ (Benutzer) schalten sich in den Abendstunden ins Computernetz ein.

„Viele kommen aus der Region. Aber auch die Schweiz und Nordfriesland sind mit dabei“, sagt Kebekus. Auch habe es schon manche Amerikaner zu ihm verschlagen, die „einfach mal neugierig“ gewesen seien. Behinderte, die es körperlich nicht in die nächste Kirche schafften, kämen gerne. Sakralbauten gibt es viele im Netz, zum Beispiel die Marienkirche am Berliner Fernsehturm. Doch kirchliche Angebote wie in St. Georg gab es bislang noch nicht.

Der Bibelkreis trifft sich zweimal im Monat mittwochs. Zweimal die Woche trifft man sich zum Abendgebet. „Wir wollen keine Konkurrenz zum Gottesdienst im echten Leben sein“, sagt Kebekus. Der Seelsorger und sein Team wollen bestehende Angebote der Ortskirchen ergänzen. „Wir spenden keine Sakramente, auch kann ich keinen Avatar taufen“, sagt er. Trotzdem will Kebekus seine Kirche klar positionieren. „Wir sind nicht irgendein Kuschelklub im Netz.“ Vielmehr will der promovierte Seelsorger dem Nächsten dienen, Zeugnis für Jesus Christus sein und die frohe Botschaft verkünden. Mit diesen Worten umschreibt er die Theologie seiner Online-Kirche, ganz analog zur Kirche im realen Leben. Aber die Barrieren vor der Internetkirche sind niedriger, findet er.

Viele kommen zu St. Georg im Internet, weil ihnen im echten Leben etwas fehlt. Deswegen bietet Kebekus auch theologische Themenabende an. Kürzlich ging es um „Himmel und Hölle“. Übers Fegefeuer zu reden, das widerspreche doch dem Vorurteil, im Netz könne man nur seichtere Fragen beantworten, sagt der 50-Jährige. In der Online-Kirche treffen sich Gläubige und Suchende zwischen 20 und 72 Jahren regelmäßig. „Eine unerreichte Zielgruppe der Kirche“, betont Kebekus. „Wir teilen unseren Glauben mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen.“ Er selbst hätte seinen Avatar gerne etwas älter gestaltet, „im Second Life gibt es leider keine Falten“. Andere würden sich lieber etwas schminken.

Ende 2010 wollen die Betreiber des Pilotprojekts „Kirche in virtuellen Welten“ das Erlebte auswerten und über ein längerfristiges Engagement entscheiden. „Wir sind offen für Ökumene“, sagt er über eine mögliche Zusammenarbeit mit bestehenden Angeboten. Dazu gehört seit Ende September auch das zentrale Internetportal „evangelisch.de“, zudem das Profil der Evangelischen Landeskirche in Württemberg im Internet.

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