Berlin

Suggestion hebelt Wahrheit aus

Das „Zentrum für Politische Schönheit“ hat mal wieder mit einer umstrittenen Kunst-Aktion für Aufsehen gesorgt - dabei kann man den Künstlern nicht nur einen veralteten Forschungsstand attestieren, sondern auch andere Defizite.
Das ZPS provoziert
Foto: Christophe Gateau (dpa) | Eine Säule, in die Asche von Auschwitzopfern eingegossen worden sein soll, steht vor dem Reichstag. Das Objekt ist Teil eines Kunstwerkes der Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit.

Ein Wesenskern der Spätmoderne ist die Auslagerung des Todes. Das Mittelalter stapelte die Schädel seiner elftausend Märtyrerinnen in der Goldenen Kammer von Sankt Ursula zu Köln. Die Frühe Neuzeit bestattete ihre Toten im Umfeld der Kirchen, wo gefeiert und prozessiert wurde. Frei nach Chesterton: Alteuropa ist eine Demokratie der Toten. Sie waren nicht nur in immateriellen Traditionen anwesend, die sie ihren Nachkommen hinterlassen hatten, sondern sie existierten materiell mitten unter der lebenden Gemeinschaft. Sterbende gierten danach, in der Nähe der Dorf- und Stadtzentren – der Kapellen, Kirche und Dome – bestattet zu werden, weil dort die Heiligen lagen. Den ausgelagerten Großfriedhof am Ortsrand kannte erst die Aufklärung und Säkularisierung, die den Tod aus der Stadt verbannte, bevor das Bürgertum den Friedhofsbereich zur Parkanlage deklarierte und seinen Toten Denkmäler setzte. Das 19. Jahrhundert schied die Sphäre der Lebenden von den Verstorbenen.

Die Aktion des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS) hätte demnach eine geniale Aktion sein können. Allein: Die Entfremdung des modernen Menschen vom Tod, und damit der Entkopplung von der Ewigkeitsfrage, war freilich nicht die Intention. Das ZPS beließ es bei makabrer politischer Agitation statt Kunst. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass das ZPS seine Nekrophilie ausgetobt hat. Eine Demonstration zur Migrationspolitik sollte in einer Leichenschau enden, welche die Polizei allerdings 2015 zu verhindern wusste. Aber die Zurschaustellung von Asche, Knochen und anderer Überreste von Holocaustopfern hatte schon deswegen unlautere Absichten, weil das nur einen Steinwurf entfernte Holocaustdenkmal mit Sicherheit dem einen oder anderen Abgeordneten aufgefallen sein dürfte. Dessen Initiatorin, Lea Rosh, büßte seinerzeit einen beträchtlichen Teil ihres Rest-Renommees ein, weil sie den Backenzahn eines Holocaustopfers aus dem Vernichtungslager Belzec entwendet hatte.

„Respekt wird einzig und allein
eingefordert, um sich unter dem Vorwand der
Kunstfreiheit selbst zu schützen“

Im Gegensatz zum katholischen Glauben reagiert das Judentum äußerst empfindlich auf Quasi-Reliquien. Jüdische Leichen oder Leichenteile dürfen nur auf Jüdischen Friedhöfen bestattet werden. Eine Feuerbestattung ist – wie früher auch in der katholischen Lehre – verboten. Holocaustopfer zu instrumentalisieren ist die eine Sache; sie aber durch dieses Vorgehen zu entweihen, zeigt, dass Sensibilität und Respekt nicht zum Repertoire der „Aktionskünstler“ um den deutsch-schweizerischen Philosophen Philipp Ruch gehört. Respekt wird einzig und allein eingefordert, um sich unter dem Vorwand der Kunstfreiheit selbst zu schützen. So viel Selbstgerechtigkeit macht auch eine Entschuldigung unglaubwürdig, die immer noch von der Richtigkeit des Projekts überzeugt ist.

In einem Anfall seltener Geschmacklosigkeit lobten Kommentatoren des „Tagesspiegels“ und der „Süddeutschen Zeitung“ den Bohrkern vor dem Reichstag. Dabei wendete sich die Aktion weniger an die Opfer des Holocausts als gegen eine Zusammenarbeit von  AfD  und Union. Trotz der völlig hypothetischen Koalition, für die realpolitisch keine Vorlage existiert, hat das ZPS die Namen von Mitgliedern der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion namentlich aufgeführt wie auf einer Anklageschrift. Suggestion hebelt Wahrheit aus – die Antithese zur abendländischen Kunstwelt.

Das ZPS beschuldigt den deutschen Konservatismus

Der Aufschrei, der das ZPS zuletzt doch bedrängte, hat dieses eigentliche Anliegen mehr oder minder begraben. Dass die Ruch'sche Gruppe in derselben Woche per Twitter verkündete, den Grabstein von Franz von Papen – einer von Hitlers verhängnisvollen Wegbereitern – gestohlen zu haben, ging dabei völlig unter. Auf dem Account verkündete die Gruppe: „Franz von Papen ist in unserer Gewalt.“ Das ZPS kritisierte die deutsche Erinnerungskultur, welche die Schuld des ehemaligen Reichskanzlers nicht aufgearbeitet hätte. Sie nennt ihn den „Hauptangeklagten“ des deutschen Konservatismus. Erst am Samstag machte die Platte landesweit Schlagzeilen, als sie vor der CDU-Zentrale in Berlin auftauchte. Der Fingerzeig ist deutlich: Deutschlands Schicksal hat der deutsche Konservatismus besiegelt, als er mit der NSDAP zusammenarbeitete. Papen ist das Menetekel, die AfD der sichere Schritt in die nächste deutsche Diktatur und die CDU der mögliche Steigbügelhalter.

Daran sind die realen Parameter ebenso verkehrt wie die historischen. Die Union ist die mächtigste Partei der Republik, nicht die AfD. In keinem Bundesland findet sich ein CDU-Entscheidungsträger, der mit einer AfD-Koalition liebäugelt. Das Grundgesetz kennt auch keine Möglichkeit, die eine ähnliche Lage wie 1933 erlauben würde, weil kein Hindenburg-Pendant verfassungstheoretisch existiert. Dennoch ist der Mythos wirkmächtig. Das ZPS weiß um die imaginierten Bilder eines Vierten Reichs. Dazu gehört auch die tradierte Erinnerungskultur an konservative Persönlichkeiten, die den Nationalsozialisten die Machtübernahme erlaubten.

Wolfram Pyta, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Stuttgart („Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler“) ist ausgewiesener Experte für die Geschichte der Weimarer Republik. Gegenüber der „Tagespost“ attestiert er den Aktionskünstlern einen veralteten Forschungsstand. Bis in die 1980er Jahre sei es die „vorherrschende Forschungsrichtung“ gewesen, die Hauptverantwortung den sogenannten „Eliten“ (Großgrundbesitzer; Justiz; Militär; Großwirtschaft) zuzuweisen. „Papen erschien hier als Exponent dieser strukturell demokratiefeindlichen ,Eliten‘, die man in die Tradition des preußisch-deutschen Konservatismus einbettete, ohne viel Begriffsschärfe an den Tag zu legen.“ Es sei allerdings schwierig, den Konservatismus der Weimarer Republik in einen „operationalisierbaren Begriff“ zu überführen. Neben einem preußisch-protestantischen Konservatismus, der mit den Nazis kooperierte, um die Republik zu stürzen, existierte ein Hochkonservatismus, den der übersteigerte Nationalismus und die Gewaltbereitschaft der Nazis abschreckte. „Der ehemalige Parteivorsitzende der DNVP, Graf Westarp, wäre hierfür ein Exempel. Noch komplexer liegt der Fall bei einem katholisch besetzten Konservatismus“, so Pyta. „Insofern ist es eine Verzerrung, pauschal ,dem‘ deutschen Konservatismus eine Verantwortung für die Machtübertragung an  Hitler zu attestieren.“

„Es ist eine Verzerrung, pauschal ,dem‘
deutschen Konservatismus eine Verantwortung
für die Machtübertragung an  Hitler zu attestieren“
Wolfram Pyta

Im Kontrast zur Behauptung, die Rolle Papens sei nie aufgearbeitet worden, steht der „bemerkenswerte Konsens“ in der Geschichtswissenschaft. „Dass Papen mithin ein ,deutsches Verhängnis‘ (Joachim Petzold, ein Historiker, der bereits zu DDR-Zeiten zu Papen publizierte) war, hat die Historie ungeachtet einer normativen Ausrichtung unisono konstatiert“, sagt der Historiker. Das gälte für die marxistische, wie die liberale oder auch die katholische Forschung. Obwohl Papen 1932 aus dem Zentrum austrat, die Zusammenarbeit mit Hitler vorbereitete und später selbst NSDAP-Politiker wurde, sei der Vizekanzler Hitlers als „Rechtskatholik“ zu definieren. „Papen hat sich als treuer Sohn der Kirche gesehen und hat das Leben eines kirchenfrommen Katholiken geführt und damit auch gegenüber den Bischöfen politisch zu punkten versucht. Sein in dieser Hinsicht tadelloses Leben hat ihm auch Entrée zum Heiligen Stuhl verschafft; es ist kein Zufall, dass dieser scheinbare ,Musterkatholik‘ die Verhandlungen mit dem Hl. Stuhl führte, die zum Reichskonkordat vom Juli 1933 führten, welches das NS-Regime außenpolitisch aufwertete.“ Papen schwebte eine autoritäre, christlich-ständisch verfasste Ordnung vor. Die mittlere katholische Geistlichkeit habe jedoch dem politischen Katholizismus bis zur Märzwahl 1933 weitgehend die Treue gehalten, sodass Papen „kein Einbruch in das katholische Kirchenvolk gelang“.

Historische Fakten mögen aber nicht überzeugen, wenn man selbst höheren Zielen folgt. Das ZPS erklärt, dass es zu einer neuen politischen Schönheit beitragen will, welche Politik moralischer gestaltet. Dass bereits eine Angelegenheit wie „politische Schönheit“ eine Contradictio in adiecto ist, weil sie die der Politik inhärente Hässlichkeit verinnerlichen muss, statt die Politik zu kultivieren, fällt dabei als erstes ins Auge. Dass Kunst ohne Ästhetik pervertiert, weil ihr der ideale Zielpunkt fehlt – Politik kann nur Mittel, nicht Zweck sein – ist dagegen eine Binsenweisheit. Was bleibt, ist hässliche Agitation mit politischen Zielen. Die Toten vermeintlich zu ehren, indem man sie für die eigenen Absichten entweiht, ist im wahrsten Sinne diabolisch: sie verleumdet, indem sie das Gegenteil dessen tut, was sie behauptet.

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