"Suchet das Gute, dann werdet ihr leben"

Wie lässt sich Politik christlich gestalten? Ein Impuls des Propheten Amos. Von Till Magnus Steiner
Israel poverty rating
Foto: dpa | Eine Gesellschaft, in der die Armen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden, kann nicht der Wille Gottes sein, meinte der Prophet Amos im 8. Jahrhundert vor Christus.

Immer wieder erklingt aus den politischen Parteien die Forderung, dass die Kirchen sich aus der Politik heraushalten sollten – so zuletzt von Volker Münz (AfD) auf dem Katholikentag in Münster: „Ich möchte schon nochmal darauf hinweisen, dass Kirchen andere Aufgaben haben als Politik zu machen. (…) wenn es darum geht, dass bestimmte aktuelle, politische Dinge von den Kirchen praktisch vorangetrieben werden und andere Positionen da kritisiert werden, dann überschreitet die Kirche ihre Aufgaben.“ Aber ist das Christentum unpolitisch? Im neuen Zusatz zur Allgemeinen Geschäftsordnung für die Behörden in Bayern heißt es nun in Paragraph 218: „Im Eingangsbereich eines jeden Dienstgebäudes ist – als Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns – gut sichtbar ein Kreuz anzubringen.“ Aber ist das Christentum nur eine volkstümliche Dekoration, die politisch instrumentalisiert werden darf? Nein, Christen und Christinnen leben ihren Glauben nicht nur in der Sonntagsmesse. Sondern das dort verkündete Wort wirkt durch sie in die Welt und somit in die Politik hinein. Das Christentum hat auch eine politische Agenda. Mit dem Propheten Amos gesprochen: Es ist geradezu absurd, zu meinen, dass sich der Glauben rein auf liturgische Handlungen beschränken würde. Sondern Politik und Glaube hängen eng miteinander zusammen. Aus Amos' Perspektive gehört das mitmenschliche Ethos, das die Gesellschaft prägen soll, zum Wesen gelebter Offenbarungsreligion.

Die im Buch Amos versammelten Texte gehören zu den düstersten und härtesten Gerichtsprophetien des Alten Testaments. Da ist es nicht verwunderlich, dass der Priester Amazja dem regierenden König empfiehlt, den Propheten des Landes zu verweisen: „Seine Worte sind unerträglich für das Land“ (Amos 7, 10). Er, der Bauer mit eigener Rinder- und Maulbeerfeigenzucht aus dem Südreich Juda, war von Gott ins Nordreich gesandt worden, um offenen Auges die sozialen Missstände anzuprangern, die Gott zum Todesurteil gegen diese Gesellschaft geführt hatten. In einer Zeit des äußeren Friedens und des wirtschaftlichen Aufschwungs trifft Amos im entstehenden monumentalen Staat mit seinem aufwendigen Verwaltungsapparat auf eine sozial zerklüftete Gesellschaft. Gegen sie erhebt er eine dreifache Anklage mit seiner Sozial- und Rechtskritik: 1. Er verurteilt in derber Sprache den Luxus, der aus der Unterdrückung der Schwachen resultiert und zur Gleichgültigkeit gegenüber der Not der Mitmenschen führt: „Hört dieses, ihr Baschankühe auf dem Berg von Samaria, die ihr die Schwachen ausbeutet und die Armen zermalmt und zu euren Männern sagt: Schafft herbei, wir wollen saufen!“ (Amos 4, 1). 2. Er rügt die Bestechung, die aus Recht Unrecht werden lässt: „Weh denen, die das Recht in bitteren Wermut verwandeln und die Gerechtigkeit zu Boden schlagen“ (Amos 5, 7). 3. In solchen Zuständen ist die im Gottesdienst vorgespielte Harmonie mit Gott nur ein Feigenblatt vor der praktizierten Schuld. So lehnt Gott solche Feste und Feiern, die damit verbundenen Opfer und Gaben ab – sie etablieren keine Gemeinschaft mit ihm: „Weg mit dem Lärm deiner Lieder! Dein Harfenspiel will ich nicht hören, sondern das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Amos 5, 23–24). Der liturgische Gottesdienst muss Hand in Hand gehen mit dem entsprechenden Alltagsethos.

Weder die von Gott gewollte Mitmenschlichkeit, die zu etablieren und zu erhalten gemäß Amos Gerechtigkeit bedeutet, noch das von Gott dieser Gemeinschaft gegebene Recht, das keinen Unterschied zwischen Stärkeren und Schwächeren macht, interessieren die im Buch Angeklagten. Ihnen verkündet der Prophet im Gotteswort deshalb das Ende: „Alle Sünder meines Volkes sollen durch das Schwert umkommen, alle die sagen: Das Unheil erreicht uns nicht, es holt uns nicht ein“ (Amos 9, 10).

Das Buch Amos beginnt mit einem Blick auf die Nachbarstaaten des Nordreichs. Um zu erobern gehen sie über Leichen. Menschen werden umgesiedelt oder als Sklaven verkauft. Es wird auf bestialische Art und Weise getötet und gefoltert. Es geht ihnen um Macht und nicht um die Achtung menschlicher Würde. Der Völkerspruchzyklus, mit dem das Buch beginnt (Amos 1, 3–2, 16) formuliert Gottes Gericht: Er reagiert mit strafender Gewalt auf ihre Menschenrechtsverletzungen. Vor diesem Gericht bleibt auch das Nordreich Israel nicht verschont. Die Anklage gegen die grausamen Kriegsverbrechen der Nachbarstaaten dient der Dramatisierung der Anklage gegen das Nordreich: In Israel wird Krieg geführt gegen die Armen des eigenen Volkes – Schuldner werden in die Sklaverei verkauft, das Recht wird gebeugt, sozial Abhängige werden sexuell missbraucht und den Ärmsten wird der letzte Besitz unrechtmäßig gepfändet (Amos 2, 6–8). Als Antwort darauf wird Gott Krieg gegen sein eigenes Volk führen und den Tempel als Ort der Beziehung zu ihm samt des Staates vernichten, wie der dritte Teil des Buches in einem Visionszyklus ausführlich entfaltet (Amos 7, 1–9, 6). Das Gericht trifft das Gottesvolk im besonderen Maße, da sich aus der Erwählung ein gehobener Handlungsmaßstab ergibt: „Hört dieses Wort, das der HERR gesprochen hat über euch, ihr Söhne Israels, über den ganzen Stamm, den ich aus Ägypten herausgeführt habe. Nur euch habe ich erkannt unter allen Stämmen der Erde; darum suche ich euch heim für alle eure Vergehen“ (Amos 3, 1–2). Das Buch Amos führt dem Leser vor Augen, dass für Israel die Auserwählung Gottes ein Auftrag ist, eine vom Willen Gottes geprägte Kontrastgesellschaft zu sein, in der die menschlichen Mechanismen der Unterdrückung und Ausbeutung nicht mehr funktionieren.

Der Prophet Amos ist kein Wortführer der Unterdrückten und er ist auch kein Vorbild für moderne Sozialreformer. Die Kritik des Amos dient weder einer sozialen Revolution noch einer restaurativen Kultkritik. Er predigt nicht die Veränderung gesellschaftlicher Strukturen oder gar der Abschaffung politischer Institutionen. Er beschreibt und kritisiert die Missstände, die er im Nordreich Israel offenen Auges sieht, und er kündet das Ende der bisherigen Verhältnisse an. Die Wurzeln seiner Kritik gründen in einer bestimmten Vorstellung, wie die rechtlich-soziale Verfasstheit Israels gemäß dem Willen Gottes beschaffen sein muss. Er entwirft keine Utopie und kein Programm für die Zukunft, sondern artikuliert die Norm, an deren Erfüllung die Mächtigen in Israel gescheitert sind. In der Form des Prophetenbuches ist diese Botschaft ein Teil der Heiligen Schriften des Judentums und des Christentums geworden.

So ist die verurteilende Botschaft des Propheten Amos aus dem 8. Jahrhundert vor Christi eine Mahnung für die heutigen Leser und Leserinnen geworden. Eine Gesellschaft, in der die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, entspricht nicht dem Willen Gottes. In dieser Gesellschaft darf ein Mensch niemals zum Objekt der Ausbeutung oder gar als Ware angesehen werden. Das Gesetz soll nicht dem Unrecht dienen und Wohlstand darf nicht auf dem Rücken der Armen erlangt werden. In den Worten des Buches Amos: „Sucht das Gute, nicht das Böse, dann werdet ihr leben, und dann wird, wie ihr sagt, der HERR, der Gott der Heerscharen, bei euch sein“ (Amos 5, 15). Was das Gute und was das Böse ist, entscheidet sich im politischen Diskurs, in dem Christen und Christinnen ihre Stimme erheben müssen, damit mitmenschliche Gerechtigkeit und unparteiisches Recht die Grundlage der Gesellschaft werden.

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