„Stünde die Welt doch Kopf“

Ein Blick in das literarische Werk des Schriftstellers Günter Grass. Von Ilka Scheidgen
Foto: dpa | Immer streitbar, aber auch selbst oft Ziel der Kritik: Günter Grass.

„Wie kommt man dieser verrückten Welt bei, die dabei ist, sich zugrunde zu richten?“ Diese Frage beschäftigte Günter Grass seit Anbeginn. Deshalb hat er sich neben seiner künstlerischen und schriftstellerischen Arbeit auch ins politische Tagesgeschehen eingemischt.

1927 in Danzig geboren, wuchs er als Kind und Jugendlicher hinein in die Zeit des Nationalsozialismus. Bei Kriegsende geriet Grass in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Er zählt zu den ,gebrannten Kindern‘, die infolge des Krieges ihre Heimat verloren und nach dem Kahlschlag durch ein verbrecherisches Regime zurückgeworfen wurden auf eine Stunde Null. Der Verlust der Heimat „war, so schmerzlich er blieb, als begründet anzusehen… verglichen mit Millionen Flüchtlingen, denen es in der Regel schwer fiel, weiter westlich heimisch zu werden, war ich gut dran. Ich konnte mit Hilfe der Sprache diesen Verlust zwar nicht wettmachen, doch, Wörter wie Bruchstücke fügend, zu etwas gestalten, dem der Verlust ablesbar wurde“, formulierte Grass 1992 in seiner „Rede vom Verlust“. Damit weist er schon hin auf das, was er für die Voraussetzung seines Schreibens, ja allgemein für eine Voraussetzung von Literatur hält: „Verlust machte mich beredt.“

So begann er, seine Heimatstadt Danzig zu beschwören. Zuerst mit dem Roman „Die Blechtrommel“, der ihn mit seinem Erscheinen 1959 über Nacht berühmt machte, in der Folge mit seiner Novelle „Katz und Maus“ (1961) und schließlich mit dem groß angelegten epischen Roman „Hundejahre“ (1963), kurz: mit der so genannten „Danziger Trilogie“. „Nur, was gänzlich verloren ist, fordert mit Leidenschaft endlose Benennungen heraus, diese Manie, den entschwundenen Gegenstand so lange beim Namen zu rufen, bis er sich meldet”, sagt Grass.

In den oben genannten drei frühen Werken gestaltet Grass in den Biografien seiner Protagonisten eine als heillos erfahrene Welt, die nur durch das Künstlertum ertragen werden kann. Sowohl Oskar Matzerath in der „Blechtrommel“ als auch Eduard Amsel, der Halbjude aus „Hundejahre“, sind Künstler, wenn auch sehr ungewöhnliche. Oskar Matzerath, eine Erfindung seines Schöpfers Günter Grass, beschließt an seinem dritten Geburtstag, nicht mehr zu wachsen und sich dadurch der Teilhabe an dieser Welt zu verweigern. Mit seiner Kunst des Trommelns versteht er es, Zeit zu vergegenwärtigen, Erinnerung heraufzubeschwören gegen das allseits gewünschte und praktizierte Vergessen der verbrecherischen Nazidiktatur und die Gräuel des Krieges. Ebenso macht es Eduard Amsel mit seinem Vogelscheuchenbau. Vergessen werden sollen die Knochenberge, der Verrat und der Mord an den Juden. Die Geschichte ist befleckt von unglaublichen Verbrechen: „Nichts ist rein ... selbst Seife wäscht nicht rein“, heißt es einmal in „Hundejahre“. In die beginnende Wirtschaftswunderzeit der Bundesrepublik hin-ein, in der die Vergangenheit möglichst ruhen sollte, schrieb Grass in seinen Romanen gegen das Vergessen.

„Ein Schriftsteller, Kinder, ist jemand, der gegen die verstreichende Zeit schreibt“, hatte Grass im „Tagebuch einer Schnecke“ formuliert. In seiner Frankfurter Poetik-Lesung und in seiner Nobelpreisrede nahm er diese Definition wieder auf und erweiterte sie: „Eine so akzeptierte Schreibhaltung setzt voraus, dass sich der Autor nicht als abgehoben oder in Zeitlosigkeit verkapselt, sondern als Zeitgenosse sieht, mehr noch, dass er sich den Wechselfällen verstreichender Zeit aussetzt, sich einmischt und Partei ergreift.“

Grass' Prinzip war der Zweifel. „Mein Teil war es, auszusprechen, zu irren, zu verlieren, neu anzusetzen. Das Ziel meiner Bemühungen hieß: Skepsis, Kritik und tätige politische Unruhe gegen Beschwichtigungen, Sicherheitsversprechen und Verfassungsbruch zu setzen“, formulierte Grass in „Über das Selbstverständliche“.

Das hat er getan, seit den sechziger Jahren als Wahlkampfhelfer für die SPD, wodurch er neben seiner Rolle als anerkannter, zuweilen auch heftig kritisierter Schriftsteller zunehmend zu einer Person des öffentlichen Lebens wurde. Seine Romane „Örtlich betäubt“ (1969) und „Tagebuch einer Schnecke“ (1972), später die Romane „Kopfgeburten“ (1980) und „Die Rättin“ (1986), auch Gedichte aus dieser Zeit, reflektieren stark sein politisches Engagement.

„Sein Werk ist ein Spiegel unseres Landes“

Für Aufruhr sorgte sein Roman „Ein weites Feld“ (1995), der von der Kritik mehrheitlich negativ beurteilt wurde. Berühmt der Verriss durch Marcel Reich-Ranicki. Es wurde Grass der Vorwurf gemacht, er habe darin die DDR nicht genügend als Diktatur gekennzeichnet. Nach dem autobiografischen Roman „Beim Häuten der Zwiebel“ von 2006, in dem er seine Mitgliedschaft in der SS viel zu spät einräumte, geriet Grass 2012 ein weiteres Mal in heftige Kritik mit seinem israelkritischen Gedicht „Was ich noch sagen wollte“. Weil er darin den Staat Israel und seine Atompolitik kritisierte, wurde ihm, besonders von israelischer Seite, Antisemitismus vorgeworfen.

Was viele nicht wissen: Günter Grass begann seine schriftstellerische Laufbahn mit Gedichten. 1956 erschien sein erstes Buch, der Lyrikband „Die Vorzüge der Windhühner“. Man wurde auf ihn aufmerksam und lud ihn zu den Treffen der Gruppe 47 ein. Dort las er aus seinem Romanmanuskript „Die Blechtrommel“ vor, was ihm den Weg zu internationaler Bekanntheit ebnete. Was Grass an Biss, Satire, Wortwitz, Mundartlichem, teils realistisch, dann wieder skurril-surreal über viele hundert Seiten ausschweifend vor dem Auge des Lesers entstehen lässt, zeigt ihn als Wortmagier, begabt mit einer Sprachkraft und Phantasie, die ganz eigene Bildwelten entstehen lässt. Seine Themen: Schuld, Verstrickung und die Mühsal unserer menschlichen Existenz. Im Roman „Krebsgang“ (2002), der vom Untergang der „Wilhelm Gustloff“ handelt, thematisierte er die Leiden und den Tod deutscher Vertriebener.

„Ach stünde die Welt doch Kopf!/ Vielleicht fiele ihr was/ aus der Tasche./ Der Schlüssel, zum Beispiel,/ passend für einen Ausweg.“ Das ist der andere Günter Grass, nicht wortgewaltig wie in seinen epischen Werken, nicht provozierend wie in seinen öffentlichen Reden. Diese Seite hätte er wohl gerne mehr beachtet gesehen. Das Günter-Grass-Haus in Lübeck, das viele seiner Kunstwerke (Grass war ja, wie er es verstand, gleichberechtigt auch bildender Künstler) neben Manuskripten in einer Dauerausstellung präsentiert, ehrt Günter Grass in seinem Nachruf mit dem Gedicht „Wegzehrung“ aus seinem Aquarell-Gedichte-Band „Fundsachen für Nichtleser“ aus dem Jahre 1997: „Mit einem Sack Nüsse/ will ich begraben sein/ und mit neuesten Zähnen./ Wenn es dann kracht,/ wo ich liege,/ kann vermutet werden:/ Er ist das,/ immer noch er.“ Ein anderes Gedicht aus demselben Band kann jetzt Rückblick auf sein Leben geben: „Versteinert// und als Fundsache nur/ werden wir ziemlich verspätet/ Auskunft geben:/ über den Fortschritt an sich/ und unser Steckenpferd/ Nächstenliebe genannt.“

Günter Grass ist am 13. April im Alter von 87 Jahren in einem Lübecker Krankenhaus an einer Infektion gestorben. „Sein Werk ist ein beeindruckender Spiegel unseres Landes und ein bleibender Teil seines literarischen und künstlerischen Erbes“, betonte Bundespräsident Joachim Gauck in einer ersten Stellungnahme zum Tod des Nobelpreisträgers. Vor dem Tod hat Grass sich nicht gefürchtet, betonte er immer wieder in Interviews. Auch wenn er es mit dem Zweifel hielt, galt für ihn ebenso das Prinzip Hoffnung, wie er es im Roman „Der Butt“ formulierte. „Hoffnung schaufelt Geschichte frei. Hoffnung löst die Linie, welche Fortschritt heißt, aus zeitgebundenen Verstrickungen. Sie überlebt. Denn einzig wirklich ist nur die Hoffnung.“ Gehofft hat Grass in einem seiner letzten Interviews, dass einige wenige seiner Werke überdauern und Bestand haben würden.

Themen & Autoren

Kirche