Steinmeier im Porträt

Wer es bei der SPD zu etwas bringen will, muss allem Anschein nach vor allem Fußball spielen und das nach Möglichkeit in der lippischen Heimat. Außenminister Frank-Walter Steinmeier stammt aus dem Lipperland, aus Brakelsiek. Er spielte Fußball beim TUS 08 Brakelsiek, den er noch immer seinen Lieblingsverein nennt. Brakelsiek hat tausend Einwohner, liegt zwischen Detmold und Höxter in Nordrhein-Westfalen. Der Außenminister, geboren 1956, ist in Brakelsiek aufgewachsen und hat hier die ersten 18 Jahre seines Lebens verbracht. Seine Eltern – der Vater Tischler, die Mutter Hausfrau – und sein Bruder Dirk wohnen noch immer im Dorf. Die Gegend scheint ein gutes Pflaster für Politiker zu sein. Vierzig Kilometer weiter beim TuS Talle schoss Ex-Kanzler Gerhard Schröder, Steinmeiers wichtigster Förderer, als Mittelstürmer Tore.

Der Kanzlerkandidat der SPD hat es nicht leicht in diesen Wahlkampf-Tagen. Vielen ist der Mann aus Brakelsiek zu blass, zu wenig profiliert. Wer ist der Mann, der in der niedersächsischen Staatskanzlei unter Gerhard Schröder den Beinamen „Die graue Effizienz“ bekam? Wo liegen seine Wurzeln, was hat ihn geprägt? Überraschend neue Einsichten erfährt man in dem am Mittwoch in der ARD um 21.45 Uhr ausgestrahlten Film „Der Herausforderer – Frank-Walter Steinmeier“ nicht unbedingt, dafür wurde im letzten halben Jahr vielleicht einfach zu viel gesendet und gedruckt. Die Autoren Hans-Jürgen Börner und Tom Ockers vom NDR zeigen den Kanzlerkandidaten als „Kümmerer“, nicht als geborenen Volkstribun, doch als einen, der in seiner Art was kann. Zwischendurch darf Ehefrau Elke Büdenbender von seinem Lachen schwärmen, spazieren beide durchs leuchtend grüne Havelland.

Spannung und Dramatik passen nicht zu Steinmeier. So begann der ARD-Beitrag in Syrien. „In der Welt bekommt Außenminister Steinmeier die Anerkennung, daheim nicht“, sagt die Off-Stimme. Die Autoren folgten ihm nach Moskau und in den Nahen Osten, hefteten sich im Wahlkampf in Bierzelten und auf Marktplätzen an seine Fersen und führten immer wieder Gespräche mit ihm. Zudem interviewten sie Weggefährten, Jugendfreunde und Familienangehörige Steinmeiers ebenso wie auch diejenigen, die zu seinen politischen Gegnern zählen.

Gewiss entsteht ein facettenreiches Bild, doch es wird letztlich zur Demontage eines Politikers, der ausgezogen ist, Bundeskanzler zu werden. Vor allem Wolfgang Nowak, SPD-Mitglied und in der Anfangszeit von SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder Leiter des Planungsstabes im Kanzleramt, lässt wenig Gutes am Kandidaten. Steinmeier habe sich seine Positionen nie erkämpft, sie seien ihm immer durch Strippenziehen im Hinterzimmer zugefallen. Oder wenn Nowak belustigt anmerkt, dass Steinmeier nicht mal in Brakelsiek antritt, sondern sich einen Wahlkreis in Brandenburg zuschustern ließ.

Und dann ist da noch der Fall Murat Kurnaz. Der unschuldig in Guantánamo festgehaltene Deutsch-Türke aus Bremen redet im Film offen über seine Leidenszeit und macht Steinmeier persönlich verantwortlich. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte sich für den in Bremen geborenen Türken Murat Kurnaz eingesetzt, persönlich, und ihn nach fast fünfjährigem Martyrium aus Guantánamo Bay freibekommen. „Ich habe wegen Frank-Walter Steinmeier mindestens vier Jahre unschuldig in Guantánamo gesessen“, sagt Kurnaz. „Und er hat die Möglichkeit gehabt, mich da rauszuholen.“ Dann erzählt er, wie er gefoltert wurde und davon, dass ihn irgendwann selbst die Leute von FBI und CIA für unschuldig hielten: „Nur Frank-Walter Steinmeier nicht.“

Der will unter den damaligen Umständen alles richtig gemacht haben. „Daneben bedauere ich, dass Herr Kurnaz über viele Jahre in Guantánamo gesessen hat“. Kurnaz sagt, wenn Steinmeier seine „Arroganz“ ablegen, den Fehler eingestehen und sich entschuldigen würde, „wäre die Sache für mich auch geklärt.“ Doch Steinmeier lehnt ein Gespräch ab. Er habe „keinen persönlichen Streit mit Herrn Kurnaz“. Und: „Ich hätte ihm im persönlichen Gespräch auch kaum anderes zu sagen.“ Politisch glaubwürdig wirkt Frank-Walter Steinmeier so nicht. pi

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