Statuen mit weichen Konturen und schmelzartigem Glanz

Die Ausstellung der neuen Pinakothek in München über „Pathos und Idylle“ führt in die frühe Fotografie in Italien ein. Von Alexander Riebel
Foto: Museum | Filippo Belli: Genreszene in den Albaner Bergen, um 1875.
Foto: Museum | Filippo Belli: Genreszene in den Albaner Bergen, um 1875.

Zunächst fällt die weiche Tonigkeit des Bildes auf, das wie gemalt wirkt. Eine statische Szene hat Filippo Belli mit seiner „Genreszene in den Albaner Bergen“ (1875) aufgenommen, die doch das Detail eines Bewegungsablaufs ist: Zwei Frauen unterhalten sich wie im Vorübergehen. Das Foto ist Teil einer ungewöhnlichen und seltenen Serie von Aufnahmen, die seine Landsleute in Posen oder bei Tätigkeiten zeigen; das Besondere an der Serie ist, dass Belli sie als Vorlage für Maler anfertigte.

Die Ausstellung „Pathos und Idylle – Italien in Fotografie und Malerei“ gibt den Einblick in 100 von 9 700 Aufnahmen in der Zeit von 1846 und 1900, die die Neue Pinakothek in München im vergangenen Jahr erhalten hat. Die Schau zeigt einen für die italienische Kunst bedeutenden Abschnitt, denn nicht nur bildende Künstler reisten im 19. Jahrhundert nach Italien, um Studien über das Volksleben und die Natur anzufertigen. Auch immer mehr Reisende machten sich mit der italienischen Gegenwartskunst vertraut und wurden zu Kunden. Für die Fotografen kam es zu ganz neuen Sichtweisen wie der Nahaufnahme, die den gewohnten Perspektivenkanon durchbrach und auch die Malerei beeinflusste. Eine andere Technik war wieder die lange Belichtung in Räumen. Der britische Fotograf James Anderson war ein Meister hierin; ein Foto der Galleria delle Statue in den Vatikanischen Museen belichtete er über mehrere Stunden. Solche frühen Aufnahmen haben ihren Reiz darin, dass das wandernde Licht den Figuren weiche Konturen und einen schmelzartigen Glanz verleiht.

Hatte Rom schon viele Maler im 19. Jahrhundert angezogen, wie die Nazarener, so wurde Rom ab den 1840er Jahren auch zu einem italienischen Zentrum für Fotografen. Einer der wichtigsten unter den frühen war der eigentlich als Maler ausgebildete Giacomo Caneva. Neben seinen Naturstudien und Landschaften sind auch sogenannte Tableaux vivants (lebende Bilder) überliefert, Gruppenaufnahmen von Personen mit christlichen Themen. In der Ausstellung sind seine „Bettlerin“ (1850) zu sehen, ein wie auf einem Treppenabsatz hingestrecktes Mädchen, das dem Betrachter entgegenlächelt, und die „Aloe in der Villa Ettore Roesler Franz in Rom“, eine idyllische Gartenaufnahme. Prächtig auch die Aufnahme des Wasserfalls „Cascata delle Marmore“ bei Terni, um 1858 von Robert MacPherson – mit dem Bild bewirbt das Museum auch die Ausstellung. Die Pifferari (Hirtenjungen) um 1858 von Carlo Baldassarre Simelli strahlen noch eine Ruhe aus, die dem modernen Menschen unbekannt ist. Interessant auch der Vergleich der „Naturstudie“ ebenfalls von Simelli mit dem „Dudelsackpfeifer“ von Arnold Böcklin, die im selben Jahr fertig wurden und trotz ähnlichem Bildaufbau doch verschiedenen Epochen anzugehören scheinen. So wird die Ausstellung für den Italienliebhaber unverzichtbar sein.

„Pathos und Idylle – Italien in Fotografie und Malerei“, Neue Pinakothek, München, Barer Straße 29, geöffnet bis 21. September, täglich außer Di., 10.00 – 18.00, Mi., 10.00 – 20.00 Uhr; es gibt keinen Katalog.

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