Stadt ohne Juden

Es gab immer wieder Pogrome mit vielen Toten – Eine Ausstellung im Jüdischen Museum in München aus Anlass des Stadtjubiläums

Vor 850 Jahren, also 1158, wird das heutige München erstmals erwähnt: in einer Urkunde des Kaisers Friedrich Barbarossa, die er am 14. Juni dieses Jahres in Augsburg ausgestellt hatte, um einen Streit zwischen seinen Verwandten, dem Welfen Heinrich dem Löwen, seit 1156 Herzog von Bayern, und Bischof Otto von Freising (1138–1158), gebürtig aus dem österreichischen Geschlecht der Babenberger und Zisterziensermönch von Morimond, zu schlichten. Dieser sogenannte „Augsburger Schied“ gilt deshalb als Gründungsurkunde der bayerischen Landeshauptstadt. Und diesen Geburtstag feierte die Stadt von Mai bis Mitte September glanzvoll mit mehr als 400 Veranstaltungen. Offizieller Schlussakkord der Feierlichkeiten ist das „Gebet für München“ am 26. Oktober, 18 Uhr, auf dem Marienplatz – ein Gebet für Dialog, Integration und Frieden. Stadtjubiläen werden gerne zum Anlass genommen, mit Stolz auf die Geschichte der Stadt zurückzublicken. Doch wie soll ein Museum auf ein solches Festjahr reagieren, dessen Aufgabe die Vermittlung von Geschichte und Kultur einer Bevölkerungsgruppe ist, die in der 850-jährigen Geschichte der Stadt insgesamt über 400 Jahre von der Teilhabe an eben dieser Stadtgeschichte ausgeschlossen wurde?

Das Jüdische Museum München spürt in seinem Beitrag „Stadt ohne Juden – Die Nachtseite der Münchner Stadtgeschichte“ zum Stadtgeburtstag genau jener Zeit in den vergangenen 850 Jahren nach, in denen keine Juden hier leben durften und München eine Stadt ohne Juden war. Gleichzeitig werden die Ursachen für Vertreibungen, Verfolgungen und Aufenthaltsverbote aufgezeigt und damit die Nachtseite der Münchner Stadtgeschichte thematisiert. Auf dem St.-Jakobs-Platz in direkter Nachbarschaft zu Marienplatz und Viktualienmarkt befinden sich das neue Jüdische Zentrum mit der Hauptsynagoge und dem Gemeindezentrum der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern sowie das von der Landeshauptstadt München getragene Jüdische Museum. Es ist aus der kulturellen Landschaft Münchens nicht mehr wegzudenken.

München, eine Stadt ohne Juden: Dabei war Abraham der Municher der erste Jude in München, dessen Existenz durch eine Urkunde von 1229 dokumentiert ist. Im Mittelalter lebte in der Stadt eine kleine jüdische Gemeinde. Die meisten Mitglieder arbeiteten als Geldverleiher, da ihnen Handwerksberufe und Handel mit Waren nicht gestattet waren. Leicht war das Leben für sie nicht, Judenhass war schon damals weit verbreitet und mündete immer wieder in Pogrome mit vielen Toten. 1442 war es dann endgültig zu Ende mit jüdischem Leben in München. Der Wittelsbacher Herzog Albrecht III. – genannt „der Fromme“ – vertrieb die Juden aus der Stadt und aus Oberbayern.

Erst etwa 300 Jahre später siedelten sich in München wieder Juden an – zunächst nur unter Duldung. Bürgerrechte waren ihnen immer noch verwehrt. Die bekamen sie, in reduzierter Form, erst 1813 – fast 400 Jahre nach der Vertreibung. Die Ausstellung „Stadt ohne Juden“ beleuchtet die Ursachen für die Vertreibungen und Aufenthaltsverbote. Gezeigt werden in zwölf Stationen typische historische Gegenstände, kombiniert mit Videoinstallationen. Studierende der Münchner „Hochschule für Fernsehen und Film“ haben Statements von Historikern, Literatur-, Politik- und Kulturwissenschaftlern in Bezug zu den Orten in der Topographie Münchens gestellt, die mit den konkreten Ereignissen von Ausgrenzung, Vertreibung und Vernichtung in Zusammenhang stehen. Im Katalog der Ausstellung steht dazu erklärend: „Bei ihrer Aufgabe, Experten und Orte in einem Bild zusammenzubringen, entschieden sich die Regiestudenten gegen die nahe liegende Kombination am Drehort. Stattdessen wurden Experten und Orte separat aufgenommen und erst in der Postproduktion durch das Übereinanderlegen beider Bildebenen kombiniert: im Vordergrund der Experte, im Hintergrund der jeweilige Ort. Die Filme wurden im Hochformat realisiert, um ihren Charakter als Variante klassischer Museumstexte zu unterstreichen...“ So wird sichtbar, was es bedeutete, dass in der 850-jährigen Stadtgeschichte 400 Jahre lang keine Juden in München lebten – die Nachtseite der Münchner Stadtgeschichte.

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