Speerspitze der Trump-Kritik

Das „Spiegel“-Titelblatt heizt Aggressionen zwischen Medien und dem US-Präsidenten weiter an – Ein Kommentar. Von Stefan Meetschen
Trump-«Spiegel»-Cover
Foto: dpa | Die Gegenprovokation gegen Trump scheint international aufgegangen zu sein: Der Präsident wird in der Rolle eines IS-Kämpfers gezeigt. Foto: dpa
Trump-«Spiegel»-Cover
Foto: dpa | Die Gegenprovokation gegen Trump scheint international aufgegangen zu sein: Der Präsident wird in der Rolle eines IS-Kämpfers gezeigt. Foto: dpa

Hilflos, wütend, empört. So oder ähnlich reagieren viele deutsche Journalisten auf den neuen amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Sicherlich nicht zu Unrecht, denn wer a la Trump vom Weißen Haus aus öffentlich gegen einen Richter pöbelt, wie vergangene Woche geschehen, offenbart damit entweder erstaunliche demokratische Defizite, weil es ihm an Respekt gegenüber der staatlichen Gewaltenteilung mangelt, oder er beweist einen medialen Selbstinszenierungswillen, der auf permanente Provokation setzt. Beides wäre schlimm.

Beides böte für die Medien aber auch die Chance, ihre kritische Kompetenz professionell unter Beweis zu stellen. Indem man zum Beispiel auf Pöbeleien nicht in gleicher Weise antwortet, sondern mit sachlicher Kompetenz, indem man auf Hass und Hetze nicht mit den gleichen Mitteln reagiert, sondern mit nüchternen Argumenten.

Dazu scheinen viele deutsche Medienvertreter nicht in der Lage zu sein. Geradezu wie persönlich verletzt vom Regierungsstil des US-Präsidenten führen sich viele Nachrichten-Transporteure in TV, Radio und in den Sozialen Medien auf und bieten damit vielen Zuschauern und Lesern, die – aus welchen Gründen auch immer – mit wachsender Skepsis die als parteiisch und lückenhaft empfundene Berichterstattung verfolgen, leider nur neue Angriffsflächen.

Die Speerspitze der unsachlichen journalistischen Trump-Kritik liefert diese Woche der „Spiegel“ – und zwar mit einem Titelbild, das Trump in der Rolle eines IS-Mörders zeigt. Mit dem Messer hat der Präsident die berühmte Freiheitsstatue enthauptet, den abgetrennten Kopf streckt er stolz nach oben. Seht her, das bedeutet „America first“ (Amerika zuerst) wirklich. Eine geschmacklose Provokation, die sicherlich noch den deutschen Presserat beschäftigen wird, nun aber erstmal für internationalen Wirbel sorgt. Was dem aufmerksamkeitssüchtigen Nachrichtenmagazin aus Hamburg sicherlich nicht unrecht ist. Die Strategie der extremen Gegenreaktion, der extremen Gegen-Provokation scheint aufgegangen zu sein. Auf beiden Seiten des großen Teichs. Denn: Auch in den Vereinigten Staaten empört man sich über die aggressive Medien-Antwort aus Deutschland. Allerdings nicht flächendeckend. Auch in Amerika gibt es schließlich (auch unter Journalisten) viele Trump-Kritiker (oder sollte man lieber sagen: Trump-Feinde?), denen jede Form des Protests recht ist. Außerdem haben dort manche Beobachter der politischen Szenerie vermutlich noch das Cover der „Daily News“ aus New York in Erinnerung, die bereits im Dezember mit einem ähnlichen Motiv für Aufsehen sorgte. Weshalb man dem „Spiegel“ neben fahrlässiger Geschmacklosigkeit eine nur eingeschränkte Originalität bescheinigen kann, was die Sache kaum besser oder schlechter macht.

Doch: Wie soll und kann es nun journalistisch weitergehen? Wie wird man auf die weiteren, sicher zu erwartenden Entgleisungen des neuen US-Präsidenten reagieren? Immerhin ist Donald Trump erst zwei Wochen im Amt. Wie wird man reagieren, wenn er noch weitere politische Schritte einleitet, die das sich als liberal verstehende bürgerliche Establishment als grobe Attacken auf das eigene Wertesystem empfindet? Zu Recht oder zu Unrecht sei jetzt einmal dahingestellt. Eine weitere mediale Eskalation und Zuspitzung scheint nach dem aktuellen „Spiegel“-Cover kaum noch denkbar zu sein. Ein Zurück auf den normalen Berichterstattungs-Modus wirkt unwahrscheinlich, wenn nicht utopisch.

Wie sehr die westliche Welt, wie wir sie bisher kannten, aus den Fugen ist, zeigt sich auch daran, dass eine deutsche Talk-Moderatorin wie Anne Will in ihrer Sendung am vergangenen Sonntag, bei der unter anderem der Historiker Heinrich August Winkler eingeladen war, ernsthaft die Frage nach Sanktionen gegenüber Amerika stellen kann. Wenn auch zu ihrer eigenen Verwunderung. Ein moralischer Reflex, der geradezu surreal wirkt.

Am besten wäre es wohl, wenn die Journalisten sich – so wie es unlängst der Chef des Springer-Konzerns Mathias Döpfner (Vgl. DT vom 4. Februar) in einem dpa-Interview gefordert hat – möglichst schnell wieder auf ihre wesentliche Aufgabe als „Kraft der Kritik“ besinnen würden, ohne „weltfremde political correctness“, lediglich konzentriert auf „Fakten, Tatsachen, schonungslose Beobachtungen“. Würde eine solche mediale Neuausrichtung während und durch die Amtszeit Donald Trumps geschehen, man könnte glatt von einem positiven Trump-Effekt reden. Bisher, das muss man realistisch sagen, deutet aber wenig auf einen solchen Wandel, ein solches professionelles Umdenken hin. Die Schnappatmung scheint zur journalistischen Darstellungsform geworden zu sein. Das macht es – so paradox und traurig es klingt – Donald Trump einfacher, den von seinen Anhängern goutierten Kollisions-Kurs mit den modernen Werten fortzusetzen. Journalistische Sachlichkeit hingegen würde ihn vielleicht irritieren.

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