Spaniens Familien am Abgrund

Spanien ist der nächste sieche europäische Patient. Bankenkrise, Schuldenberge, Arbeitslosigkeit – am meisten haben aber die Familien auf der iberischen Halbinsel darunter zu leiden. Eine Reportage. Von Andreas Drouve
Foto: dpa | Vor allem junge Menschen trifft die Arbeitslosigkeit in Spanien: Anstehen vor einem staatlichen Arbeitslosenzentrum in Madrid. Und ohne festes Einkommen ist es auch kaum noch möglich, eine eigene Familie zu gründen.
Foto: dpa | Vor allem junge Menschen trifft die Arbeitslosigkeit in Spanien: Anstehen vor einem staatlichen Arbeitslosenzentrum in Madrid. Und ohne festes Einkommen ist es auch kaum noch möglich, eine eigene Familie zu gründen.

Ein grober Machoknochen als Oberhaupt, eine Kinderschar in Orgelpfeifenformation, die Frau in die Küche verbannt – Spaniens klassisches Familienbild von einst hat sich in den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten einschneidend gewandelt. Die vormals typisch südländischen Strukturen und Hierarchien sind heute nicht mehr an der Vergangenheit messbar, zerbröckelt, zum Teil komplett weggebrochen. Heute wird landesweit alle paar Minuten eine Ehe geschieden, gleichgeschlechtliche Partnerschaften sind Gewohnheit, unter den Erwerbstätigen hat sich mit Frauen-Power die längst überfällige Geschlechterrevolution vollzogen.

Andererseits steht Spanien bei den Geburtenraten am Ende der europäischen Skala – und leider auch bei der Sozialversorgung. Spanien ist traditionsgemäß kein Sozialstaat nach deutschem Muster, in dem Arbeitslosen- und Sozialhilfe das Leben und Notsituationen auffangen. Übergangsweise vielleicht, unbegrenzt nein. Die Krisenzeiten, die im Land mittlerweile einen traurigen Höhepunkt und wohl noch lange nicht ihr Ende erreicht haben, überfordern nicht allein die Politik, sondern jeden einzelnen Betroffenen. Da derzeit eine Rekordarbeitslosigkeit von annähernd 25 Prozent, aber auf dem Immobilienmarkt unverändert ein unangemessen hohes Kauf- und Mietpreisniveau herrscht, fällt dem Faktor Familie plötzlich wieder ein größerer Stellenwert zu – gezwungenermaßen.

Das Schicksal von Jesús Delgado und Felisa Gabasa, beheimatet in Cintruénigo, einem Ort in Spaniens Nordregion Navarra, mag als Beispiel für viele stehen, die sich hinter dem nüchternen Zahlenwerk der Millionen Arbeitslosen verbergen und die um die Zukunft ihrer Familie bangen. Dabei zählt Navarra, wo die Arbeitslosigkeit weit unter dem Landesschnitt liegt und „nur“ 16,3 Prozent beträgt, zu den besser gestellten Regionen Spaniens.

Jesús und Felisa, beide Ende Vierzig, haben in diesem Jahr Silberhochzeit, doch nach Feierlichkeiten ist ihnen überhaupt nicht zumute. Jesús ist seit drei, seine Frau seit eineinhalb Jahren arbeitslos. Zu Zeiten ihrer Heirat Ende der Achtziger Jahre zeichnete sich ein Aufwind in Spanien ab, stand dem Paar eine verheißungsvolle Zukunft bevor. Jesús arbeitete als Angestellter in der Bauwirtschaft, Felisa in der Metzgerei ihrer Eltern in Cintruénigo. „Das Leben verlief perfekt“, erinnert sie sich. Für den Eigenbedarf – sprich: sich selbst und ihre beiden Kinder, heute 16 und 24 Jahre alt – kauften sie vor neun Jahren ein Haus aus zweiter Hand und setzten es instand: zwei Jahre Schweiß und Arbeit. Die Hypothek war kein Problem, doch dann begann sich das Panorama zu ändern. Spanien geriet allmählich immer tiefer in den Strudel der Banken- und Wirtschaftskrise, und die Baufirma, in der Jesús beschäftigt war, schloss wegen Auftragsmangels ihre Tore. Er wurde arbeitslos, fand Anstellung in einer Konservenfabrik in der Nachbarregion La Rioja, doch nur für kurze Zeit. Als sein Arbeitslosengeld auslief und durch eine zeitlich begrenzte Sozialhilfe in Höhe von 426 Euro pro Monat ersetzt wurde, traf die Arbeitslosigkeit auch Felisa.

So fällten sie vor einem Jahr eine schmerzliche, aber notwendige Entscheidung: Sie packten ihre Sachen zusammen und schlossen das Eigenheim von außen ab. Hypothek, Wasser- und Stromverbrauch, weitere Nebenkosten und Sonderausgaben, all das ging bei der Gesamtrechnung nicht mehr auf. Felisas Eltern, die eigentlich einem geruhsamen Lebensabend entgegengeblickt hatten, nahmen die Familie bereitwillig auf. Die Hilfe der betagten Leute schätzt Felisa „enorm“, doch wie es weitergehen soll, weiß gegenwärtig niemand so recht. Das verlassene Haus ist mit einer Monatsrate von 500 Euro belastet. In Kürze läuft die Sozialhilfe unwiderruflich aus, während in der fruchtbaren Gegend um Cintruénigo gleichzeitig die Spargelerntesaison endet, die Felisa als Helferin minimale Einnahmen in die Familienkasse bringt. Wenigstens Tochter Ángela, 24, hat zurzeit eine Anstellung in einem nahen Altenheim, während Sohn Steven, 16, bald Abitur machen und seine Zukunft sicher nicht in Cintruénigo sehen wird. „Dann muss er seine Studien irgendwo anders fortsetzen, doch wir haben noch nicht einmal Geld für irgendeinen Bus“, sagt Felisa betrübt und verspürt eine Mischung aus Wut und Hilflosigkeit. Überall suchen sie eine feste Anstellung und wären sich für nichts zu schade, bislang ohne Ergebnis. Ein Licht am Ende des Tunnels zeichnet sich nicht ab. Einzig, dass sie „zwei wunderbare Kinder“ haben und alle „wenigstens zusammen“ sind, spendet Trost. Derweil verdrängt werden Gedanken an die bleibende Schuldenlast und eine mögliche Räumung und Zwangsversteigerung ihres Hauses. Dieses Schicksal hat im vergangenen Jahr zehntausende Familien in Spanien getroffen.

Jesús, Felisa und vor allem Felisas Eltern beweisen, dass Spaniens Familien in Krisenzeiten enger zusammenrücken, wobei dieses Zwangsmiteinander nicht frei von Konfliktpotenzial ist. Gleiches gilt für Konstellationen von Eltern und Kindern, die schon Ende Zwanzig oder jenseits der Dreißig sind und sich aus Finanzgründen noch gar nicht vom Elternhaus abgenabelt haben. Sich ein eigenes Leben aufzubauen, eine Familie zu gründen und vor allem zu finanzieren – alles das war in Spanien schon vor dem Beginn der Krise mit Problemen verbunden. Nicht nur, dass die Lebenshaltungskosten stetig gestiegen waren und die Wohnungspreise in keiner Relation zum niedrigen Einkommensniveau standen – in Spanien gab und gibt es praktisch keine Unterstützung für Familien. Und, aus deutscher Sicht kaum vorstellbar, Kindergeld ohnehin nicht. Spanien hat sich zwar aus anderen europäischen Ländern die Erschließung von steuerlichen Einnahmequellen abgeschaut und saugt seine Bürger zunehmend aus, doch ihnen über Kindergeld einen Anteil zurückzugeben, kommt nicht in Frage. Dabei würde gerade dies die Probleme vieler Familien lindern, auch bei Jesús und Felisa. Oder bei dem Paar Alina und Luis, das mit Kleinkind David in einem Vorort von Navarras Hauptstadt Pamplona in einer Art Sozialwohnung lebt. Diese kostet immerhin stolze 500 Euro Miete. Die aus Moldavien stammende Alina findet im Gegensatz zu ihrer Anfangszeit in Spanien keine Arbeit mehr. Luis, Ende Dreißig, bekommt eine Teilinvalidenrente in Höhe 745 Euro monatlich. Bleiben 245 Euro zum Leben. Im Alltag kommen Kartoffeln, Eier und Gemüse vom Discounter auf den Tisch. Wann sie zum letzten Mal Fleisch gegessen haben, wissen sie nicht. Hilfe finden sie bei der Caritas. Verzweifelt sind sie, doch der kleine David richtet sie auf, die Kräfte zu finden, „um weiter zu kämpfen“. Ihm solle es zumindest am Wichtigsten nicht mangeln, betonen die Eltern.

Luis und Alina sind Mosaiksteinchen einer traurigen Statistik, die ausweist, dass es alleine im kleinen Navarra, dessen Größe in etwa der Hälfte von Hessen entspricht, über 14 000 Familien gibt, in denen ausnahmslos alle Mitglieder arbeitslos sind. „Die Dinge werden sich sicher verbessern“, trösten sie sich. Aber wie und wann? Alleine eine Aussicht auf wirksame Familienunterstützung wie Kindergeld ist Spaniens Politikern, weder rechten noch linken, nicht einmal falsche Wahlversprechen wert. Vater Staat stiehlt sich bei Familienbeihilfen, die heutig nötiger wären denn je, aus der Verantwortung. Kinderkriegen bleibt in einem Land, das sich im Alltag erstaunlich kinderfreundlich gibt, auf demselben Level wie Kindermachen: Privatvergnügen. Kein Wunder, dass die Geburtenzahlen absacken. Die Statistik besagt, dass Spaniens Frauen ihr erstes (und nicht selten: einziges) Kind im Durchschnitt jenseits der Dreißig zur Welt bringen. Falls überhaupt. Wer die rapide überalternde Gesellschaft mit seiner Arbeitskraft finanzieren soll, steht in den Sternen. In Spanien pflegt man nicht die Zukunft zu planen, doch Prognosen besagen, dass im Jahre 2020 ein Drittel der Spanier älter als 65 Jahre sein wird. Keine rosigen Aussichten.

Wer sich heute gleichwohl zum Nachwuchs entschließt, muss die anstehenden Kosten ebenso detailliert durchdenken wie die Organisation des Alltags. Im Regelfall müssen beide Partner arbeiten, um die Kosten zu meistern – sofern es Arbeit gibt. Und Kinderkrippen und -gärten, Vorschulen und Schulen sind Ganztagsbetriebe, die Essensgeld kosten. Das kann sich längst nicht mehr jeder leisten. So werden mitunter die Großeltern eingespannt, um auf kleinere Kinder aufzupassen oder größere Kinder über Mittag abzuholen und zu bekochen. Das bedeutet, dass Oma und Opa, die womöglich gerade begonnen haben, eine magere Rente zu beziehen, plötzlich einem Unruhestand der besonderen Art entgegensehen. Vor allem der Großmutter fällt das Hausfrauendasein nunmehr zum zweiten Mal im Leben zu: nach den eigenen Kindern die Enkel. Oder, im Fall der Eltern von Felisa, eine Kombination aus beidem, plus Schwiegersohn Jesús. Dies mag in Spanien wieder die alten Familienzusammenhalte festigen, allerdings auf gänzlich anderen Ebenen, als es jemals abzusehen war.

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