Später Rummel mit einem bitteren Nachgeschmack

Arthur Schnitzlers Novelle „Später Ruhm“ ist interessant, aber kein Meisterwerk. Von Stefan Meetschen

Solch ein Aufruhr, solch ein Rummel: als im Jahr 2014 eine frühe Novelle Arthur Schnitzlers (1862–1931), welcher er selbst die Arbeitstitel „Später Ruhm“ und „Geschichte vom greisen Dichter“ gegeben hatte, sozusagen mit 120 Jahren Verspätung zum ersten Mal erschien, war von Seiten des Verlags und allzu euphorischer Journalisten schnell vom literarischen „Sensationsfund“ die Rede, vom verschollenen „Meisterwerk“. Doch eigentlich galt der Text, der jahrzehntelang im Nachlass des großen österreichischen Schriftstellers ruhte, weder als verschollen und, wenn man ihn nun in der aktuellen Taschenbuchausgabe liest, so kann man – trotz mancher schöner Einfälle und Beschreibungen – auch nicht guten Gewissens sagen, dass es sich um ein Meisterwerk handelt.

Zu behäbig ist die Sprache (was natürlich auch der fernen literarischen Epoche geschuldet ist), zu wenig pointiert der Lauf der Handlung in der Geschichte rund um den gutsituierten Beamten Eduard Saxberger, der – damit setzt die Novelle ein – zu seiner Überraschung von einem Kreis junger Dichter und Künstler als Meisterdichter entdeckt und erkoren wird. Vor vielen Jahren nämlich hat Saxberger einmal Gedichte geschrieben und unter dem Titel „Wanderungen“ veröffentlicht. Der Wunsch nach Ruhm und Anerkennung blieb damals aus. Jetzt soll dies alles nachgeholt werden, wie ihm ein Mitglied des Kreises versichert. „Wir aber lesen sie, wir bewundern sie, und ich denke, mit der Zeit wird auch man sie wieder lesen und bewundern.“

Am Anfang noch skeptisch, fühlt sich Saxberger doch zusehends geschmeichelt vom Lob der jungen Leute und kommt bald schon häufig zu ihren Treffen, bei denen auch eine etwas halbseidene, reife Schauspielerin, „die Gasteiner“, anwesend ist. Schnell zeigt sich: die jungen Leute – die sich untereinander nicht ganz grün sind – möchten mit einem öffentlichen Auftritt die eigenen künstlerischen Karrieren etwas ankurbeln, doch auch für eine Rezitation neuer Texte von Saxberger, vorgetragen von der Gasteiner, wäre Platz. Pech nur, es will Saxberger partout nicht gelingen, die alten schöpferischen Kräfte abzurufen. Weder am Schreibtisch, noch beim Spaziergang. Zur Enttäuschung der jungen Leute. „Man schwieg. Es war viel peinlicher, als es sich Saxberger vorgestellt hatte. Man schien sehr enttäuscht zu sein.“

Immerhin sorgt die Gasteiner durch die Lesung einer Auswahl der alten Gedichte dafür, dass die Blamage nicht ganz so gewaltig ausfällt; doch so genussvoll, wie Saxberger sich die Aufführung ausgemalt hat, fällt sie nicht aus. Ist er vielleicht doch ein „armer Teufel“, wie er vom Bühnenrand her zu hören meint?

Erstaunlich schwach und unmotiviert ist von Schnitzler – bei aller stilistischen Größe – die sich langsam anbahnende Erotik zwischen Saxberger und Gasteiner, zwischen dem Beamten-Dichter und der Wiener Vorstadt-Diva gezeichnet worden – ausgerechnet von Schnitzler, dem Autor von erotischen Köstlichkeiten wie der „Traumnovelle“ oder „Reigen“, der sich selbst als Seelenverwandter Sigmund Freuds einstufte. Auch die zunehmende Eitelkeit des Protagonisten ist satirisch wenig überzeugend dargestellt. Irgendwie bleibt Saxberger doch der alte, etwas hilflose Mann, der zerrissen zwischen bürgerlicher Ruhe und künstlerischem Abenteuer wirken soll, dies aber eigentlich nicht ist. Zu selbstzufrieden tritt er auf. Zu behaglich empfindet er die Kaffeehaustreffen. Womöglich hätte es der Figur gut getan, wenn Schnitzler dem Altdichter mehr kreative Energie zugestanden hätte, um die Eitelkeit als Antriebsmittel zu verdeutlichen.

Doch warum eigentlich Eitelkeit? Warum ein so böser Blick? Denkbar wäre es doch auch, dass ein Mensch, der in jungen Jahren offen für Lyrik war und dann im Rahmen eines bürgerlichen Berufes heranreifte, spät, aber nicht zu spät, noch einmal zu einem großen schöpferischen Wurf ausholt. Ohne falschen Ehrgeiz und geläutert von den Tücken des Ehrgeizes.

Schnitzler, der eine Zeit lang als Arzt praktizierte und sich bestärkt durch seinen schriftstellerischen Erfolg dann ganz der Schriftstellerlaufbahn widmete, konnte sich eine solch integrative Lösung mit Anfang 30 nicht vorstellen. So hinterlässt das Buch nach der Lektüre einen etwas bitteren Geschmack. Der Psychologisierung mangelt es an Menschenliebe und Barmherzigkeit.

Arthur Schnitzler: Später Ruhm. Piper Taschenbuch 2015, 160 Seiten, ISBN 978-3-492-30781-9, EUR 8,99

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