Späte Gerechtigkeit für einen Vielgeschmähten

Untersuchungen zeigen: Andrea del Sarto ist Urheber der Münchener wie der Pariser Version der „Heiligen Familie“ – Eine Ausstellung in der Alten Pinakothek München

Manchmal ist die Naturwissenschaft dann doch in der Lage, geisteswissenschaftliche Rätsel zu lösen. Im Falle zweier Gemälde des florentinischen Renaissancemalers Andrea del Sarto (1486–1530) ist dies in spektakulärer Weise gelungen, wie eine Ausstellung in der Alten Pinakothek in München jetzt zeigt. Seit vielen Jahrzehnten hingen zwei undatierte und unsignierte Versionen desselben Themas der Heiligen Familie – die Knaben Jesus und Johannes sowie ihre Mütter – in der Alten Pinakothek in München und im Pariser Louvre. Die Bibel überliefert bekanntlich keine Begegnung der Knaben. Das Thema findet sich erst in mittelalterlichen Legenden, die die Begegnung nach der Rückkehr der Heiligen Familie aus dem ägyptischen Asyl datieren. Dennoch war die Szene beliebt für das Genre des häuslichen Andachtsbildes.

Die ältere kunstgeschichtliche Forschung war bisher mit größter Sicherheit davon ausgegangen, dass es sich bei der Münchener Version bestenfalls um eine – schlechte – Werkstattreplik des Pariser Originals del Sartos handele, wenn nicht gleich um eine der späteren Kopien des Werkes. So hatte ein Kommentator im Jahr 1891 behauptet: „Von Andrea del Sarto besitzt die Galerie von München kein Originalwerk.“

Grund für diese Annahme war der schlechte Zustand des Münchener Bildes, das zum einen offensichtliche Pentimente – Korrekturen des Malers selbst – aufwies, zum anderen aber durch unsachgemäß durchgeführte Restaurierungen gelitten hatte. Zwanzig Jahre war das Gemälde nicht mehr zu sehen, um die Mängel zu beheben. Im Laufe der Münchener Restaurierungsarbeiten und vergleichender Untersuchungen mit dem Pariser Werk dann stellte sich heraus: Beide Werke stammen von del Sarto. Und: München besitzt das ältere. Anhand von Röntgen- und Infrarotaufnahmen konnten an ihm Unterzeichnungen nachgewiesen werden, die eine Kompositionsänderung belegen. Damit ist sicher, dass del Sarto selbst der Maler ist und nicht nur eine zeitgenössische Kopie vorliegt. Bei vergleichenden Untersuchungen zwischen den jetzt erstmals gemeinsam ausgestellten Bildern hat sich zudem herausgestellt, dass die Unterzeichnung nach Art und Ausführung weitgehend identisch ist. Del Sarto verwendete denselben Karton, um die Kompositionszeichnung mit Hilfe der calco-Technik auf die Leinwand zu übertragen. Dabei wurde der Karton rückwärtig mit Kohle geschwärzt und auf die Leinwand gespannt. Anschließend wurden die Linien mit einem Kalkstein nachgefahren. In der Folge war die Leinwand mit der Komposition unterzeichnet.

Als älter erwies sich die Münchener Version aber, weil Korrekturen der Bildanlage, die hier nachweisbar sind, in die Pariser Version übernommen worden sind. So ist noch in der Unterzeichnung der Münchener Tafel – und eben nur dort – etwa der Fuß Mariens unter dem zurückgeschlagenen Mantel erkennbar.

Dieses nun bis in die Bildtiefen nachweisbare Ringen del Sartos um die rechte Bildkomposition räumt auch mit einer ganzen Reihe von Vorurteilen auf, aufgrund derer man del Sarto letzte malerische Ehren verweigert hatte. So urteilte der Zeitgenosse Giorgio Vasari in seinen Künstlerbiographien, dass del Sartos Figuren fehlerlos und sein Kolorit „wahrhaft göttlich“ sei, er jedoch einen „ängstlichen und willensschwachen Charakter“ besessen habe, „ohne jene Glut und Kraft, die ihn zu einem wahrhaft göttlichen Maler würden erhoben haben“. Er habe nur wenig Erfindungskraft besessen. Wie wenig es stimmt, dass del Sarto phlegmatisch gewesen sei, belegt sein Bemühen um die rechte Bildanlage. Zeitgenossen haben ihn überdies als Raphael und Michelangelo mindestens gleichwertig betrachtet. Das 19. Jahrhundert mit seinem Ideal des Künstlers als eines Einsamen, in Eis und Hochgebirgen um sein Werk Ringenden, hatte kein Verständnis mehr für den im Kanonischen erprobten Routinier, der den Originalitätskult um die sich im ersten Entwurf ausdrückende prima idea offensichtlich nicht kannte.

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