Soziale Ohnmacht und spiritueller Aufbruch

Die Thementage „Global Prayers“ im Berliner „Haus der Kulturen der Welt“ boten viel über aktuelle urbane religiöse Bewegungen, aber wenig zur Rolle des Christentums. Von Max-Peter Heyne
Foto: Museum | „Sich auf die Erlösung zubewegen“, aus einem Video von Jens Wenkel, 2011.
Foto: Museum | „Sich auf die Erlösung zubewegen“, aus einem Video von Jens Wenkel, 2011.

Es entbehrt nicht der Ironie, wenn ausgerechnet in Berlin – der säkularisierten Hauptstadt eines säkular geprägten Landes innerhalb eines weitgehend säkularisierten Europas – über „neuartige Glaubensgemeinschaften“, die „als politische, wirtschaftliche und soziale Akteure auftreten und das architektonische Erscheinungsbild und den öffentlichen Raum von Städten“ mitbestimmen, diskutiert wird. So geschehen bei den Thementagen „Global Prayers – Erlösung und Befreiung in der Stadt“, die den versprengten Besuchern im Berliner „Haus der Kulturen“ (HKW, die ehemalige Kongresshalle direkt im Tiergarten) vier Tage lang außer Fachvorträgen und Diskussionen auch jede Menge moderne Kunst, Installationen und Performances boten.

Innerhalb eines diskursiv breit gestreuten Programms, das nicht nur die neuen – teils randständigen, teils aber auch massenwirksamen – Tendenzen inner- und außerhalb der verschiedenen Weltreligionen unter die Lupe nehmen wollte, sondern auch, wie man diese sich transformierenden religiösen Praktiken überhaupt untersuchen und darstellen kann, gab es immerhin auch drei Vorträge, die sich direkt mit den Berliner Verhältnissen beschäftigten, und zwei weitere, die Richtung London und Gesamteuropa blickten. Aber selbst bei diesen wenigen von insgesamt mehr als zwanzig Programmpunkten ging es meistens um die soziale Situation und den Grad der Integration von religiösen Minderheiten in Berlin oder London. Etwa wie junge Muslime und andere Migranten Gefahr laufen, medial stigmatisiert werden (am Beispiel des Negativ-Images von Neukölln Nord) und daher versuchen, in ihrer Religionsausübung weniger unsichtbar zu bleiben. Das Motto der „Global Prayers“-Thementage, „die Suche nach Erlösung und Befreiung in der Stadt“, bezog sich de facto nicht nur auf die Situation in Städten – aber auffällig wenig aufs Christentum. Das Streben nach stärkerer Demonstration individueller, kulturell geprägter Distinktionsmerkmale inklusive des steigenden Wunsches nach selbstbewussterer Ausübung religiöser Praktiken innerhalb einer andersartigen Mehrheitsgesellschaft – das scheint im Spiegelbild der Veranstaltung keine durch und durch globale, sondern eine Sache von Muslimen, Juden und Hindus, vielleicht noch Pfingstkirchlern und wiedererweckten Evangelikalen zu sein, aber nicht von katholischen Christen. Merkwürdig und bedauerlich, dass die Situation der an den Rand gedrängten oder gar verfolgten Christen in muslimischen und afrikanischen Ländern scheinbar nicht zu den kultur- und religionswissenschaftlichen Aspekten des Langzeitprojekts „Global Prayers“ zählte.

Sind die christlichen Erlösungsbotschaften im Gegensatz zu den bisweilen opportunistisch zurechtgeschnittenen Verheißungen modernerer Erweckungsbewegungen wie die im lateinamerikanischen Sprachraum umtriebigen Pfingst- und Freikirchler zu „unsexy“? Die bei „Global Prayers“ präsentierten Bildserien von Sabine Bitter und Helmut Weber zeigten die Aktivitäten der Igreja Universal do Reino de Deus, eine der mächtigsten Pfingstkirchen Brasiliens, die unter anderem erfolgreich Fabriken, Kinos, Büroetagen und andere profane Orte in riesige Gotteshäuser umwandelt, soziale Projekte fördert und sich nicht immer explizit, aber doch unmissverständlich gegen die Verheerungen stellt, die kolonial geerbte Korruption und der europäisch-nordamerikanisch geprägte Wirtschaftsneoliberalismus angerichtet haben. Die angebotenen Alternativen – inklusive eines praktizierten religiösen Rigorismus – erschienen vielen Modernisierungsverlierern in Südamerika so verlockend, dass die Zahl der vom Katholizismus über die Pfingstbewegung zum Islam Konvertierten in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen ist, wie die brasilianische Ethnologin Amanda Dias in ihrem Vortrag anhand individueller Beispiele brasilianischer Frauen veranschaulichte. Die Redeemed Christian Church of God (RCCG) ist eine der größten Pfingstkirchen Nigerias, die für ihr RCCG-„Prayer Camp“ außerhalb der Hauptstadt Lagos eine Halle für eine Million Gläubige erbauen ließ, dazu eine Wohnsiedlung, eine eigene Universität sowie Einrichtungen für Stromversorgung und Müllabfuhr – und damit den Bewohnern eine funktionierendere Infrastruktur anbietet, als die Behörden in Lagos selbst, wie der in Bayreuth unterrichtende Religionssoziologe Asonzeh Ukah in seinem Vortrag ausführte. Ist soziale Ohnmacht gar eine Voraussetzung für die spirituellen Erweckungsbewegungen und ein neues islamisches Selbstbewusstsein?

In seinem Vortrag berichtete der Londoner Soziologe AbdouMaliq Simone von Ergebnissen seiner Forschungen zum Begriff der „Fundamentalist City“: das Phänomen eines zunehmend politisierten Islam, der das Verhältnis zwischen städtischen Jugendlichen und anderen Bürgern in Großstädten an den Rändern der islamischen Welt beeinflusst, insbesondere in den sogenannten „low income communities“, den Armenvierteln. Das Buch „The Fundamentalist City ... Religiosity and the Remaking of Urban Space“ (2010) gehört zu den wenigen soziologischen und kulturwissenschaftlichen Studien, die das Städtische nicht selbstverständlich als säkularen Bereich verstehen und insofern eines der Grundlagenwerke beziehungsweise Bezugspunkte für die gesamte Veranstaltung war. Auf den „Global Prayer“-Tagen wurden weitere Beispiele vorgestellt, bei denen vor allem in islamischen Staaten islamische (oder islamistische), jedenfalls nicht-regierungsabhängige Gruppierungen neben sozialen immer mehr städtebauliche Aufgaben übernehmen, da sie aufgrund von Kirchen-Bauprojekten in diese Rolle gedrängt werden.

Während diese Herausforderung im multikulturellen und -religiösen Libanon besonders heikel ist, wird sie in zentralafrikanischen Großstädten wie Lagos oder Kinshasa von religiösen Gruppierungen offensiv oder gar aggressiv genutzt: Nicht nur die Architektur, sondern auch die von Lautsprechern verstärkten, aus Moscheen und Kirchen in die Straßen übertragenen Klänge und Predigten werden Teil des alltäglichen Wettstreits um die Ohren und Seelen der Bürger, wie einige Künstler mit Klang-Performances in Berlin demonstrierten. Bei Ansteigen des Wohlstandsniveaus werden zumindest die architektonischen Statussymbole eines westlich geprägten Mittelschichts-Lebensstils in die Stadtplanung integriert, wie das Beispiel der umzäunten „Gated Community“ des Wohnkomplexes Baºakºehir in Istanbul zeigt, den die islamische Stadtregierung für die wachsende religiöse Mittelschicht modellhaft errichten ließ.

Was die katholischen Christen in Lateinamerika umtreibt, wurde bei „Global Prayers“ in einem sehr lebendigen Vortrag des mexikanischen Theologen und Philosophen Enrique Dussels zur Diskussion gestellt, der eine gemeinsame Linie der anti-kolonialistisch und anti-kapitalistisch ausgerichteten Befreiungstheologie und dem politischen Linksruck in Mittel- und Südamerika konstatierte, die unter anderem Akteure wie die Präsidenten Lulo da Silva (Brasilien), Juan Evo Morales (Bolivien) oder Hugo Rafael Chávez (Venezuela) an die Macht verholfen hat. Marxistische Traditionen plus katholische Soziallehre – für Dussel kein Widerspruch, sondern eine dynamische Kombination für die Entstehung eines neuen lateinamerikanischen Selbstbewusstseins, das sich nicht (mehr) an den Wirtschafts- und Sozialkonzepten der USA orientieren möchte. Deren sich neu formierende Gläubige stehen dem Kapitalismus zwar ungleich affirmativer gegenüber, sind aber keineswegs mit der rechtskonservativen Tea-Party-Bewegung der republikanischen Partei in Eins zu setzen, wie die renommierte Kulturwissenschaftlerin und Autorin Marcia Pally von der New York University in ihrem Vortrag über die „Neuen Evangelikalen“ betonte.

Pally plädierte für eine stärkere Differenzierung, da „spätestens mit der zweiten Amtszeit von Präsident George W. Bush, also seit 2004“ eine Abspaltung evangelikaler Christen von den Republikanern, aber auch dem hegemonialen Zwei-Parteien-System der USA insgesamt vonstatten gehe, so Pally. Die Amerikanerin sprach von circa 27 Prozent der konservativen, evangelikalen Wählerschaft – wobei sie Katholiken als religiöse Gruppe ausdrücklich außen vor ließ –, die sich in neuen Gruppen von Mittelschichtschristen, darunter US-Großstädter ebenso wie Farmer, formiere, und die sich weder als christlich-fundamentalistisch noch als politisch eindeutig republikanisch verstehe. Stattdessen artikulieren diese „Neuen Evangelikalen“ ein bibeltreues, von christlicher Nächstenliebe und Toleranz geprägtes Selbstverständnis, das auch progressive Umweltaktivisten und Menschenrechtsverfechter anziehe und sich in zahlreichen Hilfsprogrammen für sozial benachteiligte US-Bürger, Minderheiten und Menschen in der Dritten Welt niederschlage. Unüberbrückbare Differenzen zu liberalen, zur Demokratischen Partei neigenden Wählern gebe es allerdings bei den Knackpunkten Abtreibung und homosexuelle Lebensgemeinschaften, erklärte Pally.

Der gesamte Katalog der vom Projektbüro „metroZones – Center for Urban Affairs 2009“ initiierten und in Zusammenarbeit mit dem Haus der Kulturen der Welt und der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) sowie zahlreichen Instituten durchgeführten Veranstaltungsreihe „Global Prayers“ kann auf der Internetseite www.hkw.de heruntergeladen werden.

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