Sonderweg für alle

Forscher und Weisheitslehrer wissen es schon lange: Die Ehe zwischen Mann und Frau ist alternativlos. Auch in Deutschland hat man Ausnahmen nun zur Regel gemacht. Von Jürgen Liminski
Foto: dpa | Ohne Rücksicht auf Natur und Naturrecht: Die Bundeskanzlerin findet es amüsant.

Vor rund sechzig Jahren, 1955, erschien der Reisebericht „Traurige Tropen“, des großen Sozialanthropologen Claude Levi Strauss. Er wurde in den 1960er Jahren zum Kultbuch. Levi Strauss ging damals und zeit seines Lebens der Frage nach, ob es ein Grundmuster der menschlichen Gesellschaft gebe und er hat um die Jahrtausendwende diese Antwort gefunden: „Zwar verwerfen alle inzwischen die veraltete Theorie, nach der vor dem ersten geschichtlichen Auftreten der Familie unter den Menschen ,Urpromiskuität' geherrscht habe. Sie sind sich sogar darin einig, dass der Familientyp, für den monogame Ehe, selbstständiger Wohnsitz des jungen Paares und affektive Beziehungen zwischen Eltern und Kindern typisch sind, sowohl in unserer Gesellschaft als auch in jenen heimisch ist, die wir gern als technisch und ökonomisch unterentwickelt bezeichnen. (….) Betrachtet man das ungeheure Repertoire von vier- bis fünftausend Gesellschaften, über die wir seit Herodot unterschiedlich gut Bescheid wissen, kann man nur sagen, dass die konjugale Familie vorherrscht und wir es überall dort, wo die Familienverfassung von diesem Muster abweicht, mit Gesellschaften zu tun haben, die in ihrer sozialen, politischen, ökonomischen oder religiösen Entwicklung einen Sonderweg eingeschlagen haben.“

Auf solche familialen Sonderwege fremder Kulturen in Afrika, Indien oder bei den Eskimos mit ihrem Frauentausch berufen sich gern die Gegner der Ehe und die Anhänger der Polyamorie (jeder mit jedem) als Kronzeugen der Entwicklung. Aber es sind doch nur, wie die Wissenschaft zeigt, Randerscheinungen. Der Durchschnittsmensch ist eben kein Eskimo. Jetzt aber sollen, um im Bild zu bleiben, die Eskimos mitten unter uns leben. Deutschland hat einen Sonderweg eingeschlagen. Wie in etwa zwanzig anderen Staaten dieser Welt soll das konjugale Prinzip entkernt und die Geschlechtlichkeit nicht mehr als wesentlich und konstitutiv für dieses Prinzip anerkannt werden. Damit wäre es nur noch eine Leerhülse, der Eskimo der Normalfall. Claude Levi Strauss hat sein reiches Forscherleben der Erkenntnis des konjugalen Prinzips als anthropologisches Grundmuster gewidmet. Das Christentum hat dieses Prinzip nur veredelt. Papst em. Benedikt formulierte es so: „Das Sakrament der Ehe ist keine Erfindung der Kirche, sondern es ist wirklich mit dem Menschen als solchem mit-geschaffen worden, als Frucht der Dynamik der Liebe, in der Mann und Frau einander finden und so auch den Schöpfer finden, der sie zur Liebe berufen hat.“ Es ist nämlich keine Gewissensfrage im Sinn einer autonomen Entscheidung, ob man das konjugale Prinzip anerkennt oder nicht. Die Natur ist, sie existiert, man kann sich nicht von ihr emanzipieren.

Das meinte schon Robert Spaemann und zur Frage des konjugalen Prinzips schrieb er: „Bei den Beziehungen zwischen den Geschlechtern und Generationen handelt es sich um ein Gefüge, das bei immer gleichen Grundstrukturen die unterschiedlichsten Ausformungen zeigt. Es sind die gleichen Grundstrukturen in einer Favela von Rio de Janeiro, wie im Kaiserpalast von Tokio.“ Die Ehe zwischen Mann und Frau ist der Kern der Familie und diese Lebensform bleibe „ohne gleichwertige Alternative“.

Die Ehe zwischen Mann und Frau ist alternativlos. Das sieht die Kanzlerin (ausgerechnet !) seit einigen Tagen anders und damit steht sie mit einem Bein im Lager von Rot-rot-grün, für das die Zukunft der Gesellschaft, also der Schutz der generationenträchtigen Ehe, nur sekundäre Bedeutung hat. Wichtig ist für dieses Lager nicht der Schutz einer besonderen Beziehung, die Ordnung gewährleistet, sondern die Beliebigkeit der Beziehungen. Die große Mehrheit der Deutschen aber fühlt und lebt wie Levi Strauss es erforscht hat: Im konjugalen Prinzip. Drei von vier Paaren in Deutschland leben in Ehe. Dieses Datum des Mikrozensus zeigt den hohen Stellenwert, den diese naturgegebene Institution in dieser Gesellschaft hat.

Man könnte angesichts der medialen Debatte um die Homo-Ehe den Eindruck gewinnen, dass riesige Massen jetzt auf dieses Gesetz warten, um die Standesämter zu stürmen. Aber die Realität sieht anders aus. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gab es 2015 in Deutschland 93 000 gleichgeschlechtliche Partnerschaften und davon waren 43 000 eingetragene Lebenspartnerschaften. Heute schätzt (genaue statistische Befunde liegen noch nicht vor) das Amt die Zahl der gleichgeschlechtlichen Partnerschaften auf maximal 225 000, die Zahl der eingetragenen Lebenspartnerschaften dürfte bei 46 000 liegen. Bei diesen Paaren leben 7 000 Kinder, die Zahl möglicher Adoptionen bewegt sich im eigentlich nicht mehr messbaren Promille-Bereich. Zu diesen Paaren gehört auch das lesbische Paar in Mecklenburg-Vorpommern, das die Kanzlerin angeblich in Zweifel gestürzt hat.

Kurzum, es geht bei diesem Thema um eine winzige Minderheit, um eine gesellschaftliche Randerscheinung. Sie sind die Eskimos der Kanzlerin. Mit dem Unterschied zu den Polarmenschen, dass die allermeisten gleichgeschlechtlichen Partnerschaften gar keine Kinder wollen. Das ist bei normalen Ehen naturgemäß anders. Drei von vier Kindern in Deutschland leben heute bei ihren beiden leiblichen und verheirateten Eltern. In absoluten Zahlen: Etwa eine Million Kinder leben in heterosexuellen nichtehelichen Lebensgemeinschaften, bei Alleinerziehenden sind es 2, 2 Millionen und bei Ehepaaren etwa 10 Millionen Kinder. Diese Wirklichkeit wird medial ausgeblendet, in den Talkshows lebt der freundliche Einzelfall. Dieser Einzelfall soll nun zum Normalfall hochstilisiert werden.

Das ist er aber nur in rund zwanzig Ländern der Welt. Angefangen haben damit die Niederländer im Jahr 2000, es folgten mit den Jahren in Europa Spanien, Portugal, Frankreich, Belgien, Luxemburg, Großbritannien, Irland, Island und die skandinavischen Länder Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland. Deutschland ist das 14. Land der EU. Aus Amerika kommen Kanada, die USA, Argentinien, Brasilien, Kolumbien, Mexiko und Uruguay dazu, aus dem schwarzen Kontinent ist es Südafrika, ferner Neuseeland. Es geht ein Riss durch Europa, die osteuropäischen Länder kennen ein solches Gesetz nicht, und haben oft auch keine Regelung für eine eingetragene Partnerschaft. In Polen, der Slowakei und der Ukraine, um nur drei Beispiele zu nennen, gibt es gar ein in der Verfassung verankertes Verbot der Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren. Das ist gerade wegen der anti-humanen, kommunistischen Vergangenheit Osteuropas erstaunlich. Ebenso erstaunlich ist, dass in Europa gerade die „katholischen“ Länder Südeuropas die Homo-Ehe eingeführt haben, freilich unter sozialistischen Regierungen und gegen den Widerstand der Kirche.

Die christliche Ehe war in diesen Ländern immer ein Ordnungsfaktor. Sie stand nicht nur für die gleiche Würde von Mann und Frau, wie es im Katechismus (Punkt 2022) heißt, sondern auch für das Lebensprinzip einer solidarischen Gesellschaft, die Freundschaft. Bei der Ehe geht es in diesem Sinn um die Freundschaft des Lebens. Die Ehe ist, wie Paul VI. schrieb, die „innigste und umfassendste Form personaler Freundschaft“. Schon vor ihm bezeichnete Papst Leo XIII. die Ehe als „die höchste Gemeinschaft und Freundschaft“. Es war in der Tat das Christentum, das die Gleichwertigkeit der Ehepartner postulierte und im Imperium Romanum einführte. Es kam und kommt im Konsensprinzip sowie in der Unauflöslichkeit der Ehe zum Ausdruck.

Immer wieder ist das konjugale Prinzip die Grundlage der Familie. Kinder sind nur eine Frucht dieses Prinzips. Sein innerster Kern ist die Liebe. Sie ist lebensspendend in einem Sinn, der weit über die biologische Funktionalität hinausreicht. Die Liebesheirat als ein „personal freier Akt, in dem sich die Eheleute gegenseitig schenken und annehmen“, wie es im Konzilsdokument Gaudium et Spes (GS, 48,1) heißt, ist relativ jungen Datums. Zur Zeit Luthers oder des Tridentinischen Konzils war die Ehe ein Mittel sozialer Kontrolle und ihr Zustandekommen meist von ökonomischen Erwägungen geleitet. Die Liebesheirat begann Platz zu greifen in den letzten zwei Jahrhunderten mit der Auflösung des Ständestaates, mit dem sozio-ökonomischen Wandel, ferner mit dem Aufkommen individualistisch geprägter Lebensformen und emanzipatorischer Bewegungen. Zur Zeit eines Adam Smith etwa war es jungen Frauen verboten, an den Universitäten zu studieren, seit dem Wintersemester 1996/97 immatrikulieren sich in Deutschland mehr Frauen als Männer. Universitäten und Fachhochschulen sind heute die Heiratsmärkte par excellence. Die persönliche und private Beziehung, die emotionale und sexuelle Wünsche erfüllen soll, wurde zum Hauptmotiv der Ehe, der Individualismus löste die vorwiegend wirtschaftlich-soziale Motivation, die Zweckgemeinschaft ab. Heute ist die Liebesheirat in unserer Zeit der Auflösung klassischer sozialer Milieus die Norm. Die Ehe gilt als letzte Zuflucht der Innerlichkeit. Aber das betrifft eben nur eine Seite der Ehe-Medaille. Der Codex des kanonischen Rechts führt zwar als eine der zwei Hauptaufgaben der Ehe „das Wohl der Ehegatten“ an. Die zweite Aufgabe, Nachkommenschaft, ist aber untrennbar mit der ersten verbunden. Das ist das Summum des konjugalen Prinzips und des Konsensprinzips, das gemeinsame Wohl in der Liebe, das in Kindern Gestalt gewinnt. „Kinder sind sichtbar gewordene Liebe“, sagt der deutsche Romantiker Novalis. In der gültig geschlossenen Ehe ist der Ehepartner sozusagen das Gestalt gewordene Sakrament. Man könnte auch sagen: Die Berufung zur Ehe ist im Ehepartner Fleisch geworden.

Die Herrschaft des positivistischen Rechts soll nun das Naturrecht eliminieren. Es ist aber nicht das Recht, das Gleichgeschlechtlichen eigene Kinder versagt, sondern die Natur. Es ändert nichts am Wesen der Ehe, wenn die Masse oder die öffentliche Meinung den Begriff mit anderen Inhalten füllt oder ihn aushöhlt. Der Vater der Massenpsychologie, Gustave le Bon, und der Erfinder des Begriffs öffentliche Meinung, Michel de Montaigne, haben schon vor Jahrhunderten auf die Wankelmütigkeit und Manipulierbarkeit der Menge hingewiesen. Es ändert sich aber das Ordnungsgefüge der Gesellschaft.

Wenn man das biblische Menschenbild entsorgt, damit gleichsam die Natur über Bord wirft und durch Beliebigkeit ersetzt, rutschen die Fundamente weg. Der französische Philosoph und Theologe Bertrand Vergely hat in einem Manifest, das vom Familienbund der Katholiken in Augsburg veröffentlicht wurde, auf die Folgen dieser Beliebigkeit hingewiesen: „Es gibt Grenzen menschlichen Tuns. Diese Grenzen sind auch schützende Grenzen. Die Einsicht, dass nicht alles gesetzlich beschlossen werden kann, bewahrt uns vor einer Diktatur des Rechts, und der Gedanke, dass nicht alles hergestellt werden kann, vor einer Diktatur der Wissenschaft. Mit der Homo-Ehe und dem Recht homosexueller Paare auf Adoption und künstliche Befruchtung würde sich das ändern. Der Schutz vor einer Diktatur des Rechts würde fallen. Zugleich würden die Dämme brechen, die uns vor einer Diktatur der Wissenschaft bewahren. Alles würde ,machbar‘ werden. Bislang sind wir der Natur gefolgt, die, wie Montaigne sagte, eine ,sanfte Führerin‘ ist. Von nun an würden wir dem Recht und der Wissenschaft folgen. Die Natur hat es vermieden, den Menschen der Willkür des Menschen zu unterwerfen. In eben jenem anything goes sah Dostojewski im 19. Jahrhundert ebenso wie Leo Strauss im 20. Jahrhundert die Essenz des Nihilismus. Wie Nietzsche erkannten sie im Nihilismus die verhängnisvolle Heimsuchung Europas. Mit der Homo-Ehe und dem Recht Homosexueller auf Adoption und künstliche Befruchtung würde das anything goes Wirklichkeit werden. Damit würde der Nihilismus siegen – ein Triumph des entgrenzten Menschen.“

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