Tagesposting

Soll ich Houellebecq oder Handy zur Hand nehmen?

Der Autor leidet: Er leidet darunter, dass er kaum noch ein Buch am Stück lesen kann, dass er fahrig nach jeder Seite Ablenkung sucht. Sein Smartphone verschafft kurzfristig Erleichterung - aber zu welchem Preis?
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Foto: Laurie Dieffembacq (BELGA) | Journalisten wollen schwerlich auf ihre "Verbindung zur Welt" verzichten. Gleichwohl ist vielen von ihnen diese berufsbedingte Deformation bewusst. Können Sie das überwinden?

Noch habe ich im neuen Houellebecq nur reingelesen, aber schon jetzt habe ich den Eindruck, dass meine vor ein paar Jahren in dieser Zeitung geäußerte Prophezeiung, dass sich der vielleicht wichtigste Schriftsteller unserer Zeit auf eine Konversion zum katholischen Glauben zubewegt, Gestalt annimmt. Der Held von Michel Houellebeqs „Vernichten“ mit dem bezeichnenden Namen Monsieur Raison (also Herr Vernunft) zweifelt an der Möglichkeit des Glücks.

Seine Frau und er leben auf unterschiedlichen Planeten (und gehen sich in ihrer glücklicherweise geräumigen Wohnung aus dem Weg) – aber er sieht, beim Blick auf die glückliche Ehe seiner Schwester, einer tiefgläubigen Katholikin, dass Glück doch möglich ist. Mit jedem Buch scheint Houellebecq sich näher der katholischen Welt anzunähern. Ich bin gespannt, wieviele Bücher noch folgen, bis er endlich Vollzug meldet. Gespannt bin ich aber auch, wann ich es endlich schaffe, nicht nur in in dem 700-Seiten-Brocken „Vernichten“ zu blättern und einzelne Passagen zu kosten, sondern es tatsächlich von Cover zu Cover zu lesen.

„Zwar habe ich zahlreiche fromme Apps auf meinem iPhone und kann geltend machen,
dass ich die Lesungen auf dem Handy mitverfolge, aber es bleibt dabei:
Ich greife zum Handy. Während der Messe!“

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Ganz altmodisch. Eine Seite nach der anderen. Ich fürchte, das könnte noch dauern. Ich habe noch nicht einmal Mosebachs „Krass“ gelesen, das mich seit Monaten von meinem Nachtkästchen aus mitleidig anstarrt. Hoffentlich ist Martin zur Zeit auf Reisen und versäumt diese Ausgabe der „Tagespost“. Das Buch eines Freundes nicht sofort nach Erscheinen zu lesen, grenzt schon an Verrat – und aus früheren Zeiten, als ich sogar Klassiker aufmerksam lesen konnte, weiß ich, in welch ungemütlichen Höllenkreis Verräter schmoren. Wenn ich ganz ehrlich bin (das ist keine Entschuldigung, nur eine Feststellung), leide ich unter einer fortschreitenden Aufmerksamkeitsstörung.

Das hängt nicht nur an meiner unsteten Natur, sondern auch an meinem Beruf. Als Tageszeitungsredakteur hänge ich wie ein Junkie am immer hektischer werdenden Nachrichtenfluss. Nachrichten konsumieren, Zeitungen lesen, lässt sich mühelos mit meiner mangelnden Konzentrationsfähigkeit vereinbaren. Sie füttert sie sogar. Beim Zeitunglesen ist die Rastlosigkeit, das schnelle Hüpfen von Thema zu Thema, Teil des Vergnügens. Wenn ich mir aber ein Buch zur Hand nehme, zumal wenn es etwas dicker ist, werde ich zum Zappelphilipp. Eine Passage gelesen, ach schnell ein Espresso, dann weiterlesen. Eine Seite ist absolviert, dann finde ich es plötzlich kalt. Oder zu warm. Das halbe Kapitel ist durch, ach, hat mir XY eigentlich inzwischen auf meine Mail geantwortet? Griff zum Handy.

Jederzeit am Handy - selbst in der heiligen Messe!

Meinen beiden Söhne werfe ich gerne vor, dass sie zu viel am Handy rumdaddeln und zu wenig lesen. Und ich? Was für ein Vorbild bin ich? Manchmal sehen sie mich sogar in der Kirche nach dem Handy greifen. Zwar habe ich zahlreiche fromme Apps auf meinem iPhone und kann geltend machen, dass ich die Lesungen auf dem Handy mitverfolge, aber es bleibt dabei: Ich greife zum Handy. Während der Messe! Es ist zum Verzweifeln. Soll ich mir das Meditieren beibringen? Meinem eigenen Atem lauschen? Schon der Gedanke macht mich nervös.

 

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