Solidarisch mit den Leidenden

Ahmet Arslan, Lehrer am Studienseminar Arnsberg (NRW), über deutsche Schriftseller im Schweizer Exil während des Ersten Weltkrieges. Von Josefina Janert
Foto: IN | Der Dadaist Hugo Ball mit seiner Frau Emmy Hennings 1918 in Zürich.
Foto: IN | Der Dadaist Hugo Ball mit seiner Frau Emmy Hennings 1918 in Zürich.
Über Intellektuelle, die im Zweiten Weltkrieg ins Ausland mussten, gibt es viele Bücher und Filme. Warum hat das Exil im Ersten Weltkrieg Wissenschaftler und Publizisten bislang weniger interessiert?

Es gibt durchaus einige Veröffentlichungen. Die Autoren, die sich mit dem Thema auseinandergesetzt haben, publizierten jedoch zumeist nicht unter dem Oberbegriff „Exil“, sondern unter Oberbegriffen wie „Pazifismus“ und „Dadaismus“. Ein Mitgründer der Dada-Bewegung, der Schriftsteller Hugo Ball, ging ja mit seiner Frau, der Autorin und Kabarettistin Emmy Hennings, im Mai 1915 in die Schweiz. Dass über das Exil in der Schweiz nicht mehr Bücher erschienen, liegt auch an der schlechten Quellenlage. Das Material, etwa Tagebücher, Briefe und Veröffentlichungen der Exilanten, liegt heute in verschiedenen Ländern. Bei der Recherche findet man Quellen in Archiven in Zürich und Bern, in Jerusalem und jeweils in mehreren Städten Deutschlands und der USA. Während des Zweiten Weltkrieges gingen etwa 180 deutsche Autoren ins Schweizer Exil. Während des Ersten Weltkrieges waren es etwa 15 Schriftsteller – darunter so bekannte wie Leonhard Frank, Ricarda Huch, Ernst Bloch und Else Lasker-Schüler. Viele von ihnen waren entschiedene Pazifisten. Leonhard Frank etwa musste Deutschland verlassen, nachdem er 1915 in einem Berliner Café den Journalisten Felix Stössinger geohrfeigt hatte. Stössinger hatte den Angriff eines deutschen U-Boots auf ein britisches Passagierschiff, bei dem 1 200 Menschen starben, als „größte Heldentat der Menschheitsgeschichte“ gefeiert.

Die Schweiz war im Ersten Weltkrieg neutral. Aber Schweden war es auch – und es ist von Deutschland aus ebenfalls leicht zu erreichen. Warum war die Schweiz als Exilland attraktiver?

Bis zum 21. November 1917 hatte die Schweiz großzügige Einwanderungsregelungen. Deutsche konnten ohne Pass und Visum über die Grenze. Nach diesem Tag mussten sie ihren Pass und ein Leumundszeugnis vorlegen. In der Schweiz konnten die deutschen Autoren in ihrer Muttersprache publizieren. Sie profitierten von der eidgenössischen Pressefreiheit– ein drittes wichtiges Argument für das Exilland Schweiz. An der Einwohnerzahl gemessen war die Schweiz vor dem Krieg das Land mit den meisten Zeitungen auf der Welt. Es gab mehr als 400 Zeitungen und 105 periodisch erscheinende Fachzeitschriften – also hervorragende Bedingungen für Autoren. Ein damals geltendes Bewirtschaftungsgesetz für landwirtschaftliche Besitzungen konnte auf die publizistische Tätigkeit übertragen werden: Es besagte, dass Ausländer sofort die Arbeit aufnehmen konnten, ohne einen Antrag stellen zu müssen.

Kamen die deutschen Intellektuellen beim Schweizer Publikum gut an?

Durchaus. Einige gründeten sogar eigene Zeitschriften. Der deutsch-französische Schriftsteller René Schickele gab die Weißen Blätter heraus, eine der wichtigsten Zeitschriften des Expressionismus. Nachdem sie zuvor in einem Leipziger Verlag erschienen waren, kamen sie 1916/17 im Verlag Rascher in Zürich heraus. Ludwig Rubiner leitete das Zeit-Echo. Darüber hinaus schrieben viele Autoren für etablierte Medien. Die renommierte Neue Zürcher Zeitung bot den Pazifisten aus Deutschland ihre Spalten regelrecht an. In der Freien Zeitung in Bern veröffentlichte unter anderem Ernst Bloch. Deutsche Intellektuelle wirkten am Cabaret Voltaire mit, kamen ins Grand Café Odeon, einem bekannten Intellektuellen-Treffpunkt, und zum Hottinger Lesezirkel. Dieser Kreis traf sich regelmäßig im Züricher Stadtteil Hottingen. Renommierte Autoren trugen dort ihre Werke vor oder hielten Vorträge über aktuelle Themen. Kurz: Das Schweizer Publikum interessierte sich rege für die deutschen Exilanten.

Konnten diese von ihren vielfältigen Tätigkeiten leben?

Einige litten, zumindest zeitweise, finanzielle Not, anderen ging es gut. Wer wie etwa Ricarda Huch, René Schickele und Otto Flake ohnehin aus betuchten Verhältnissen stammte, konnte diese Rücklagen nutzen, knüpfte leichter Kontakte und kam schneller an vielversprechende Aufträge. Andere hatten ohnehin nicht das Ziel, wohlhabend zu leben. Sie sahen sich in der Solidarität mit der notleidenden Bevölkerung Deutschlands und anderer Länder.

Wer ins Lexikon schaut, dem fällt auf, dass bei einigen der von Ihnen erwähnten Schriftsteller gar nicht von einem Schweizer Exil die Rede ist. Von dem Schriftsteller Klabund heißt es, er habe sich wegen seiner Lungenerkrankung in der Schweiz aufgehalten. Wie kommt das?

Ein Kuraufenthalt, eine Recherche oder etwas Ähnliches war für viele erst einmal der Vorwand, in die Schweiz einzureisen. Einige Autoren stellten ihren Aufenthalt nach außen hin nicht als Exil dar, da sie sich vor einer Ausweisung fürchteten. Sie wäre theoretisch möglich gewesen, doch es kam nie dazu. Bei sehr engagierten pazifistischen, anti-militaristischen Aktionen – überhaupt: bei einer offenkundigen politischen Betätigung hätten Schweizer Behörden aber so reagieren können. Denn die Exilanten hätten als Ausländer die Neutralität der Schweiz in Gefahr bringen können. Klabund war tatsächlich zu einem Kuraufenthalt in der Schweiz. Während der Zeit veröffentlichte er aber einen an Kaiser Wilhelm II. gerichteten Offenen Brief und mehrere Artikel, in denen er sich gegen den Krieg aussprach. Anschließend war eine Rückkehr nach Deutschland unmöglich. Klabund reiste zwar kurz nach München – aber heimlich. Ebenso wie er hätten die anderen Autoren ihre pazifistischen Ideen in Deutschland nicht offen vertreten können. Auch in der Schweiz hatte es anfangs eine gewisse Begeisterung für den Krieg gegeben.

Dann wurden die Lebensmittel knapp, was zu sozialen Spannungen führte. Reagierten die Schweizer daraufhin feindselig auf die Exilanten?

Eher nicht. Die Schweizer Zeitungen, für die sie schrieben, verzeichneten aufgrund ihrer Beiträge eine höhere Auflage. Vertreter des Staates fürchteten jedoch beständig, dass die Exilanten mit ihrem Engagement die Neutralität verletzen könnten. Sie drohten den Schweizer Zeitungen, die die Artikel der deutschen Pazifisten druckten, mit diversen Verboten. Diese hielten jedoch zu ihren deutschen Autoren. Es war ein ständiges Kräftemessen.

Wie stellte die deutsche Presse die Exilanten dar?

Wer in der Schweiz unermüdlich gegen den Krieg anschrieb, erhielt in den deutschen Zeitungen den Stempel Vaterlandsverräter. Dazu gehörte Leonhard Frank, der seine pazifistischen Schriften auf eigene Kosten nach Deutschland schmuggeln ließ. Viele Menschen, die dort solcher Texte habhaft wurden, applaudierten heimlich. Die Mehrheit war im Sommer 1914 begeistert in den Krieg gezogen – allerdings mit der Vorstellung, dass zu Weihnachten 1914 alles wieder vorbei sein würde. Das Klima hatte sich gewandelt. Das Volk hatte, salopp gesagt, die Schnauze voll vom Krieg.

Ahmet Arslan hat zum Thema veröffentlicht: Das Exil vor dem Exil. Leben und Wirken deutscher Schriftsteller in der Schweiz während des Ersten Weltkrieges. Tectum Verlag, 252 Seiten, ISBN-13: 978-382888-659-9, EUR 25,90

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