Sie sind alle Opfer der Unfreiheit

Die Inszenierung der „Walküre“ von Tankred Dorst in Bayreuth beeindruckte kaum, die Musik aber war ein dramatisches Erlebnis

Während im „Rheingold“, zum Auftakt des Wagnerschen Rings, die Bühne Göttern, Riesen und Zwergen vorbehalten bleibt, menschelt es in der „Walküre“ von Beginn an. Von Irrungen und Wirrungen menschlichen Liebesleidens zeugt das Wälsungenpaar Siegmund und Sieglinde, zeugt letztlich auch die – nur in menschlichen Kategorien verständliche – Zerrissenheit, in die Wotan und Brünnhilde als Vater und Tochter gestürzt werden. Allesamt Opfer innerer und äußerer Unfreiheit, die heil- und ausweglos auf ihr Ende zuläuft. Richard Wagner bemerkte zu seinem Walkürenstoff, von der Genialität des 1852 fertiggestellten Prosaentwurf zutiefst überzeugt: „Meine ganze Weltanschauung hat in ihm ihren vollendetesten und künstlerischen Ausdruck gefunden.“ Noch war kein Takt seines Dramas komponiert.

Wo bereits Idee und Gehalt der Textgrundlage so bedeutungsschwer daherkommen, schien ein renommierter Dramatiker wie Tankred Dorst geradezu prädestiniert, in seiner Regiearbeit den „ersten Tag“ des Rings auszuloten. Doch der Georg-Büchner-Preisträger von 1990, dem in diesem Jahr gemeinsam mit seiner Frau der mit 25 000 Euro dotierte „Kunst- und Kulturpreis der deutschen Katholiken“ zugesprochen wurde, kommt als inszenatorischer Ideengeber in seiner Walkürenproduktion nicht über wenige beeindruckende Momente hinaus. Was sich im Rheingold ankündigte und bereits seit Beginn seiner Ringinszenierung im Jahr 2006 von der Kritik bemängelt wurde, liegt auch wie Mehltau auf der „Walküre“. Eine auf vielen Szenen lastende Statik erstickt insbesondere in fader Personenregie die dramatische Intention des Werks ein ums andere Mal. Da hilft es dem Festspielbesucher wenig, dass er die Interpretationslinien Dorsts in einem Begleitbuch aus dessen Feder nachlesen könnte (Die Fußspur der Götter: Auf der Suche nach Wagners Ring). Das Ereignis Bayreuth findet nicht zwischen zwei Buchdeckeln statt. Im Kontinuum des Rings setzt die Regie das menschlich-göttliche Personal der „Walküre“ als unsere Zeitgenossen in Szene. So lokalisiert Frank Philipp Schlößmanns Bühnenbild die einzelnen Aufzüge in einer maroden Abbruchvilla, einem verlassenen Park, einem öden Steinbruch.

Im fast durchgehenden Halbdunkel dieser bebilderten Seelenwundheit blieb auch die Liebesglut des Wälsungenpaares im ersten Aufzug unterbelichtet. Was nicht an der ausdrucksstark singenden Maria Westbroek lag, die für ihre eindringliche Gestaltung mit lautem Beifall bedacht wurde. Zu konventionell, zu unbeholfen geriet das in Szene gesetzte Zusammenspiel von Siegmund und Sieglinde, um den paradoxen Eros ihrer Beziehung und die darin gründende Liebesnot greifbar und nachempfindbar zu machen. Endrik Wottrich in der Rolle des Siegmund geriet ausgerechnet in den hochdramatischen Ausbrüchen des Orchesters ins Hintertreffen und hinterließ in den lyrischen Passagen seines Parts noch den besseren Eindruck.

Mit ausgezeichneter Diktion gab Kwangchul Youn als herrischer Hunding ein Paradebeispiel dafür, einer weniger bedeutenden Partie Präsenz und Gehalt zu verleihen und sorgte so für Momente kontrastreicher Spannung. Stimmlich ebenbürtiger erwiesen sich die Darsteller des zweiten Beziehungsdramas. Albert Dohmen als Wotan maß mit nuancierten Färbungen seines Bass-Baritons das ganze Spektrum des Zwiespalts aus, in dem der Göttervater zwischen Autoritätsverlust und Liebe zur Tochter schwankt. Ihm zur Seite eine bis in die hohe Lage souveräne Linda Watson als Brünnhilde. Ein Höhepunkt der „Walküre“ bildete das Ende der Wälsungenliebe in den letzten Szenen des zweiten Aufzugs. Nach zäh inszeniertem Dialog Wotans mit der ihn nötigenden Göttergattin (Michelle Breedt) zu Beginn des zweiten Akts verdichteten sich Inszenierung und Tonkunst zunehmend, bis sie in den letzten Szenen zu einer kaum mehr möglich gehaltenen Eindringlichkeit aufschwangen.

Nicht nur hier und im anschließenden Walkürenritt erwies sich das Dirigat Christian Thielemanns als der eigentliche Impulsgeber. Was er durch das Festspielorchester über die Inszenierung hinaus in der „Walküre“ an Passion, an Größe und Elend dramatischen Erlebens hörbar machte, ließ einen Eindruck von jenem „vollendeten künstlerischem Ausdruck“ wach werden, den Wagner schon in seinem Prosaentwurf als so geglückt ansah. Das Festspielpublikum dankte dem Dirigenten dafür mit intensivem Beifall.

Themen & Autoren

Kirche