Selfies mit dem Pinsel gemalt

Auch in der klassischen Porträtmalerei ging es um das gesellschaftliche Selbstverständnis – München stellt „KünstlerBilder“ aus. Von Susanne Kessling
Foto: Museum | Der geehrte Joseph-Marie Vien ist mit dem gepudertem Haar als Vertreter des Klassizismus in einem noch traditionelleren Habitus gezeigt als die Malerinnen in ihren modisch zeitgenössischen Kleidern.
Foto: Museum | Der geehrte Joseph-Marie Vien ist mit dem gepudertem Haar als Vertreter des Klassizismus in einem noch traditionelleren Habitus gezeigt als die Malerinnen in ihren modisch zeitgenössischen Kleidern.

Sein heißt gesehen zu werden. Im Zeitalter der Selfies und auch dann, wenn wir in den sozialen Netzwerken auftauchen, sind wir vermeintlich präsent. Nie waren Abbildungen vom Menschen schneller erfasst und vermittelt als im 21. Jahrhundert. Bildnisse sind interessant anzusehen und geben immer auch ein Zeugnis der Selbstdarstellung ab. Sie lassen ein Stück weit hinter die Fassade blicken und geben eine Momentaufnahme der abgebildeten Persönlichkeit wider und der Zeitumstände, in der sie lebte. Eine Ausstellung in der Neuen Pinakothek in München geht genau dieser Frage nach und lotet dabei Inszenierung und Tradition insbesondere von Künstlerbildnissen im 19. Jahrhundert aus. Die aus eigenen Beständen zusammengesetzte Schau zeigt in Selbstporträts, Historienbildern, daneben auch den Künstler im Atelier oder in dem Atelierstillleben ganz unterschiedliche Darstellungsweisen und möchte einen Beitrag und ein erweitertes Verständnis zum „Mythos Künstler“ liefern. Es sind rund 50 Exponate zu sehen, darunter neben Werken der Malerei auch Skulpturen und Druckgraphiken.

Was wäre München ohne die von Ludwig I. von Bayern geförderten Projekte. So lässt sich auch der Entwurf für die Fassadenfresken des ursprünglichen Baus für die Neue Pinakothek von Wilhelm von Kaulbach (1804–1874) mit den Bildnissen der Künstler Peter von Cornelius, Joseph Daniel Ohlmüller und Peter von Hess, bewundern. Sie entstanden in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts. Von 1824, sehr viel früher also, stammt die gesellige Runde in einer spanischen Weinschänke in Rom von Franz Ludwig Catel. Ludwig I. ist noch Kronprinz und zeigt sich im Kreis seiner von ihm geförderten Künstler. Das Bild entstand aus Anlass des 40. Geburtstages von Leo von Klenze und liest sich wie ein Who-is-Who der damals angesagtesten Kunstschaffenden. Sei es Martin von Wagner, der Bildhauer Thorvaldsen oder der Nazarener Julius Schnorr von Carolsfeld. Ludwig I. schrieb daraufhin in sein Tagebuch: „Es hebt mich der Wein“. Der das Gemälde begleitende Beitrag im Katalog von Andreas Plackinger, der auch für die Ausstellung verantwortlich zeichnet, bemerkt dazu nur lapidar: „Die in Ludwigs Tagebuch beschriebene animierte Stimmung... scheint ihr visuelles Echo in der perspektivischen Konstruktion zu finden: Zwar ist die Rückwand der Schänke bildflächenparallel, aber Horizont- und Fluchtlinien fallen dermaßen schräg ab, dass ein Effekt schwankender Bewegung entsteht.“

Die weinselige Stimmung schlägt sich demnach auch in der Auffassung der Architektur nieder. Der Sammelleidenschaft des Königs ist auch ein „Bildnis eines jungen Mannes“ zu verdanken, das ursprünglich als Selbstporträt Raphaels galt. Der Meister der Renaissance war im 19. Jahrhundert sehr en vogue. Nicht zuletzt den Präraffaeliten war er ein großes Vorbild. Die in der Schänke wiedergegebene ausgelassene Szene findet ausschließlich in männlichem Umkreis statt. Der Kronprinz zeigt sich als den schönen Künsten zugeneigt und prägt somit sein Image als kunstsinniger Mäzen. Die Selbstbildnisse von Malern und ihre Tradition waren zu allen Zeiten eine von Männern dominierte Welt. Umso erfreulicher sind in der Münchner Ausstellung gleich zwei hochrangige Bildnisse von zwei Künstlerinnen zu sehen. Zum einen gibt sich Angelika Kauffmann (1741–1807) mit Stift und Schreibtafel die Ehre. Der Typus ihrer Darstellung ist dem einer Sibylle angelehnt. „Diese antiken Seherinnen, die angeblich die Ankunft Christi vorhergesagt hatten, gehörten zum Standardrepertoire der römischen Malerei des 17. Jahrhunderts“, so Andreas Plackinger. Besonders bemerkenswert sei auch, dass sich Kauffmann nicht mit Pinsel und Palette zeigt, sondern einen Zeichenstift in Händen hält. Die Aufgabe des Künstlers, dem die Idee des Entwurfs obliegt, der die geistige Grundlage eines Kunstwerkes darstellt, soll hier hervorgehoben und betont werden.

Das herausragende und feine Gemälde von Marie-Gabrielle Capet (1761–1818) ist ein besonderes Beispiel für ein in Szene gesetztes Selbstbildnis. Die Malerin sitzt mit übereinandergeschlagenen Beinen dem Betrachter zugewandt da und blickt ihn an. Während sie die vorbereitete Palette in der Linken hält, zeichnet ihre Lehrerin Adélaide Labille-Guiard mit Kreide an dem Vorentwurf für ein Bildnis des Malers Joseph-Marie Vien. Hinter diesem stehen sein Sohn und seine Schwiegertochter. Labille-Guiard wird von ihrem Ehemann Vincent assistiert. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Vien zwar derjenige ist, dem die Ehre, in diesem Bild gemalt zu werden, zuteil wird. Doch mit dem gepudertem Haar ist er als Vertreter des Klassizismus in einem noch traditionelleren Habitus gezeigt, anders als die Malerinnen in ihren modischeren zeitgenössischen Kleidern. Diese delikate und höchst qualitätsvolle Komposition wird von Schülern Vincents bevölkert und führt vor Augen, wie lebhaft es beim Porträtieren unter Umständen zugegangen sein mag. Gleichzeitig fungiert es als Freundschaftsbild und zeigt die Wertschätzung, die man dem Lehrer entgegenbrachte.

Dem Künstlertum haftete zu allen Zeiten etwas Verruchtes an. Nicht alle waren etablierte Malerfürsten und konnten von ihren Werken leben. In dem die Ausstellung begleitenden, sehr lesenswerten Katalog, geht der Kurator näher auf den im 19. Jahrhundert geprägten Begriff der „Boheme“ ein und grenzt ihn gegen das Bürgertum ab: „Mit den Scenes de la vie de boheme (1851) von Henri Murger, der Inspiration für Puccinis Oper La Boheme (1896), ist denn auch das zentrale Schlagwort für das romantisch-unordentliche und doch so faszinierende Dasein im antibürgerlichen Künstler- oder Intellektuellenmilieu gefunden. Der geografische Begriff ,Boheme‘ bezeichnet im Französischen zunächst Böhmen, woraus sich die Bezeichnung ,Boheme‘ ableitete, mit der ,Zigeuner‘ und ,fahrendes Volk‘ umschrieben wurden – also diejenigen Gruppen, die aus bürgerlicher Perspektive als nicht respektabel galten.“

Ebenso interessant ist in diesem Zusammenhang der Hinweis auf den Begriff und Ursprung der Avantgarde. Er stammt ursprünglich aus dem militärischen Bereich und bezeichnete nichts weiter als die Vorhut. So sollte es auch die Aufgabe der Kunst sein, fortschrittlich und wegweisend zu sein.

Mit moderner Kunst kamen die verkannten Genies auf

Klischees wie die vom verkannten Genie bildeten sich heraus. Es bedurfte nicht mehr offizieller Auftraggeber, wie Adel oder Klerus, um Werke in Auftrag zu geben. Dies wirkte sich auch auf die Stellung des Künstlers aus. Die Kunst sollte sich also selbst genügen. Das „Doppelbildnis Mareés und Lenbach“ von Hans von Marées (1837–1887) lebt von seiner Dualität und ist ein beredtes Zeugnis einer Künstlerfreundschaft, die aus „dem Spannungsfeld von Harmonisierung und Kontrastierung“ (Plackinger) seine Anschaulichkeit bezieht.

Im Impressionismus schließlich drängen die Maler ins Freie, um das Wechselspiel aus Licht und Schatten einzufangen. Nicht nur ihre Landschaftsdarstellungen geben beredtes Zeugnis davon, sondern sie selbst zeigen sich beim Malen unter freiem Himmel. Édouard Manet hält Claude Monet in so einem Augenblick in der „Barke“ von 1874 in Argenteuil fest. 1874 war ohnehin ein wichtiges Jahr für die Freilichtmalerei, konnten doch die Impressionisten ihre erste eigene Ausstellung – ganz unabhängig vom offiziellen Salon – ausrichten. In nur knapp einer Viertel Stunde war Argenteuil mit dem Zug von Paris aus zu erreichen. Hier ließen sich neben Monet auch Caillebotte, Sisley und Renoir nieder. Das dargestellte Boot ist mit seiner Kabine zu einem offenen und insbesondere mobilem Atelier umfunktioniert. Der Augenblick, in dem Monet seine Frau Camille auf der Leinwand festhält, ist bewusst in Szene gesetzt. Das Gemälde hieß ursprünglich nicht nur einfach „Die Barke“, sondern lautete „Monet dans son atelier“. Die Idee, im Freien zu malen, wird zum Programm. Die Impressionisten ziehen mit ihrer Palette ins Freie und fangen so die unmittelbaren Eindrücke auf. Bei den Pointillisten wurden die Entwürfe dann noch im Atelier fertiggestellt, jetzt ist die Natur das Atelier. Doch nicht mehr wie in der Pleinairmalerei der Schule von Barbizon, wie sie ihr Gründer Théodore Rousseau und beispielsweise Corot, Daubigny oder Millet vertraten, wird die Landschaft unberührt und ideal gezeigt. Im Gegenteil, die Schlote im Hintergund rauchen und auch die legere Malerkluft Monets zeigt, dass das Malen im eigentlichen Fokus des Bildes steht und es weniger zu Repräsentationszwecken entstanden ist.

Am Ende lässt sich feststellen, dass in der Bilderflut, der wir Tag für Tag ausgesetzt sind, diese Ausstellung mit ihren wertvollen und hervorragenden Exponaten wie ein Ruhepol wirkt. Anders als bei den flüchtigen Schnappschüssen, die mehr oder minder aus der Hüfte geschossen und eher als Dutzendware einzustufen sind, sind sie in ihrer Beliebigkeit ebenso schnell vergessen. Den Ausruf des Malers Delaroche: „Die Malerei ist tot, es lebe die Fotografie“, den er bei der Vorstellung der ersten Daguerreotypie von sich gegeben haben soll, ist lange her. Längst ist die Fotografie zum Massenmedium geworden. Hätte sich das der französische Fotograf Felix Toucheron, besser als Nadar bekannt, erträumen lassen? Wie wird die Zukunft der digitalen Bilderwelt aussehen? Gibt es überhaupt noch eine Steigerung in der Qualität? Fest steht, dass es sich lohnt, einmal innezuhalten und den Blick auf die Selbstdarstellung und das damit verbundene Selbstverständnis zu werfen, mit dem sich Künstler im 19. Jahrhundert zeigten. Bei dieser Zeitreise in die Vergangenheit lassen sich viele Rückschlüsse zum Hier und Jetzt ziehen.

KünstlerBilder. Inszenierung und Tradition. Ausstellung in der Neuen Pinakothek München, bis 8. Juni. Zur Ausstellung ist ein Katalog (Prestel) erschienen, herausgegeben von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, ISBN: 978-37913-5459-0, EUR 39,95

Themen & Autoren

Kirche

Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
Papst in der Slowakei
Bratislava
In das reale Leben eintauchen Premium Inhalt
Die Pastoral muss kreativ begleiten und motivieren. In der Slowakei will die Kirche dafür den richtigen Weg finden. Papst Franziskus ermutigte bei seinem Besuch dazu. Ein Gastkommentar.
18.09.2021, 19 Uhr
Thomas Schumann