Selbstmord ist Sünde

Der Selbstmord ist die ungeheuerlichste Form der menschlichen Freiheit, weil sie diese Freiheit in einem Akt der Freiheit zugleich vernichtet. Der Selbstmord ist etwas, was nur der Mensch kann, und was ihn von allen anderen Lebewesen und Lebensformen unterscheidet – ein Tier kann töten, es kann sich aber nicht selbst töten.

Diese Fähigkeit des Individuums, sich selbst auslöschen zu können, unterscheidet sich grundsätzlich von allen anderen Handlungsmöglichkeiten des Menschen. Die Handlung des Selbstmords schafft eine unumkehrbare Tatsache, an der nicht mehr zu rütteln ist – anders ausgedrückt: die Fähigkeit zum Selbstmord ist die äußerste Form menschlicher Macht. Sie führt den Menschen bis hin an die Grenze zur Allmacht, ein Attribut, das ansonsten nur Gott zukommt. Wohlgemerkt, es führt ihn an die Grenze – überschreitet er diese Grenze um einen Bruchteil, fällt seine Freiheit und Macht in nichts zusammen, ist Ohnmacht.

Diese Aussicht auf die letzte Möglichkeit menschlicher Macht und Freiheit, die Allmacht vorgaukelt, ist zu allen Zeiten eine Attraktion für Denker und Dichter gewesen, diese Grenze zwar nicht tatsächlich zu überschreiten, aber gedanklich zu inspizieren. Den Selbstmord als Grenzerfahrung mit dem Denken und der Kunst zu durchdringen verheißt, ihn imaginieren und damit kennenlernen zu können, ohne ihn tatsächlich vollziehen und erleiden zu müssen. Die Fähigkeit zum Selbstmord, die der Mensch besitzt, ist eines der Themen, die in den Künsten und in der Philosophie zeitlos klassisch sind. Es gibt kaum einen Philosophen, der sein Denken nicht am Thema Selbstmord geprüft hat, ob es trägt.

Die Stellungnahme zum Selbstmord bringt den denkenden Menschen soweit, den Selbstmord entweder zu verteufeln oder ihn zu vergöttlichen, ihn zu tabuisieren oder ihn zu emanzipieren. Mit Blick auf den Selbstmord gibt es kein Mittleres. Die Stellungnahme zum Selbstmord scheidet. Sie scheidet beispielsweise Theisten und Atheisten, Gläubige und Glaubenslose. Entweder der Selbstmord gilt als verboten, weil er den Menschen von Gott trennt, indem sich der Mensch selbst zur göttlichen Instanz macht, oder er gilt als erlaubt, weil er der letzte Schlussstein für einen gänzlich selbstbestimmt und selbstmächtig lebenden Menschen ist. Der Selbstmord ist ein Schlachtfeld, auf dem er in anderen ideologischen Kämpfen als Waffe verwendet wird.

Soweit die Theorie, die Praxis nennt die Namen, kennt die Zahlen: Zwar ist die Zahl der Selbstmorde in Deutschland seit 1990 kontinuierlich auf zuletzt 9 400 zurückgegangen, aber noch immer nehmen sich mehr Menschen selbst das Leben als durch Verkehrsunfälle, Drogen, Mord oder Totschlag und Aids sterben, wie der Bayreuther Suizid-Forscher Manfred Wolfersdorf ausgerechnet hat.

„Die theoretische Rede von der Selbstbestimmung verliert schnell ihren Reiz, wenn man die Menschen praktisch in den Blick nimmt, die unter dem Selbstmord leiden müssen – als Angehörige und Freunde“

Eine weitere Zahl der Praxis darf nicht unterschlagen werden. Nach Einschätzung der Organisation „Angehörige um Suizid“ (AGUS) leiden viele Verwandte von Selbstmördern oft ein Leben lang unter Schuldgefühlen. Ein Selbstmord bedeutet eine große seelische Belastung für Freunde, Kollegen, Nachbarn, Mitschüler, Vereinskameraden – oder den Lokomotivführer, vor dessen Zug sich ein Lebensmüder geworfen hat. Wenn man die Zahl dieser Menschen zusammenrechnet, dann werden laut AGUS jährlich bundesweit fast 300 000 Menschen neu mit dem Thema Selbstmord konfrontiert. Eigene Schuldgefühle, Schuldzuweisungen aus dem Umfeld und die Frage nach dem Warum können sich für Angehörige, Freunde und Bekannte eines Selbstmörders zu einem Problemberg auftürmen, der einen solchen Schatten wirft, dass sich bei den Weiterlebenden selbst wieder Depressionen und sogar eigene Selbstmordgedanken einstellen können, weiß AGUS-Geschäftsführerin Elisabeth Brockmann.

Eine letzte Zahl der Praxis: Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention ist die Selbstmordrate bei Männern etwa dreimal so hoch wie bei Frauen. Bei Männern im Alter über 70 Jahre steigt sie steil an. Und besonders gefährdet sind, was kaum verwundert, Menschen mit psychischen Erkrankungen.

Wer nun mit den Augen dieser Praxis die Theorie wieder in den Blick nimmt, nimmt sie anders wahr. Der erkennt, dass der Selbstmord männlich geprägt ist. Dass der Selbstmord also eine Folge und Antwort ist auf eine Gesellschaft, in der das Verhalten und Denken in den Kategorien von Leistung, Status und Rivalität, Wettbewerb und Körperbetonung nach wie vor dominiert. Wer diesem männlichen Gesellschaftsbild nicht mehr entspricht, oder glaubt, von anderen als nicht mehr entsprechend wahrgenommen zu werden, erlebt sich als überlebt und mangelhaft – und entsprechend wertlos. Der männliche, mit steigendem Alter ins Auge gefasste Selbstmord spricht gegen die Theorie vom Selbstmord als letzten Ausdruck von Selbstbestimmung, sondern ist ein gewichtiges Indiz dafür, dass der Selbstmord mit Folge von Fremdbestimmung ist.

Das Individuum weiß von anderen Menschen und bildet seine Meinungen, Vorsätze und Handlungsimpulse im Austausch mit und als Reaktion auf andere. Der Mensch entscheidet nie gänzlich nur sich selbst bewusst und aufgeklärt, sondern immer auch im Spiegel von Einstellungen, die beim Durchschnitt der Menschen für richtig und erstrebenswert gelten, also der Sitte – der Mensch ist von Natur aus von anderen und seiner Umwelt beeinflusst in dem, was er denkt und wie er handelt. Der Mensch ist kein kulturloses, unhistorisches, isoliertes Lebewesen, und selbst wenn er einsam und allein ist, macht er sich Gedanken darüber, was fiktive oder tatsächliche andere über ihn denken und sagen oder von ihm erwarten könnten – und er lässt sich von diesen Gedanken, die er in andere hineinliest, beeinflussen, gleichgültig ob sie wirklich geäußert wurden oder nicht. Fremdbestimmung lässt sich niemals ausblenden.

Die theoretische Rede von der Selbstbestimmung verliert schnell ihren Reiz, wenn man die Menschen praktisch in den Blick nimmt, die unter dem Selbstmord eines Menschen leiden müssen – als Angehörige, als Bekannte und Freunde. Wer das Wort „Selbst“ in „Selbstbestimmung“ betont, und es im theoretischen Sinne von für sich allein verantwortlich versteht, übersieht, dass der Mensch grundsätzlich für andere mitverantwortlich ist. Dieser Verantwortung wird der Selbstmörder nicht gerecht. Wer theoretisch den Selbstmord mit dem Begriff der Selbstbestimmung als emanzipatorischen Akt rechtfertigt, und diesen Akt zugleich mit der spezifischen Würde des Menschen koppelt, sollte sich immer fragen, ob er diese Rechtfertigung auch gegenüber den zurückbleibenden Menschen durchhalten könnte, wenn diese ihn konkret danach fragen würden. Gleichwohl: Wer die Selbstbestimmung als Begründung für die Legitimität des Selbstmords nicht anerkennen will, stellt nicht den Wert der Selbstbestimmung an sich in Frage, sondern eine falsch und absolut verstandene.

Die theoretische Rede von der Selbstbestimmung verliert schließlich ihre Bedeutung, wenn man in den Blick nimmt, dass nach der Erfahrung der Praxis vor allem psychisch Erkrankte suizidgefährdet sind. Wer hier von einer Selbstbestimmung der Suizidgefährdeten redet, unterschlägt, dass an der Seele erkrankte Menschen wesentlich mehr der Fremdbestimmung ausgeliefert sind, weil sie nicht mehr die übliche Distanz zur Umwelt und zu sich selbst haben und aufrecht erhalten können, die beim gesunden Menschen für psychischen Schutz sorgt. Psychisch erkrankte Menschen erleben sich in einem verwirrenden Strudel von Fremd- und Selbstbestimmung – ihnen ist die Mitte verloren gegangen. Wenn sie dieser Schutzlosigkeit und dem ungebremsten, ungeordneten und nicht einordnenbaren Anprall der Welt, der aus der Bahn wirft, dadurch entgehen wollen, dass sie Selbstmord begehen, dann hat das mit nichts weniger als Selbstbestimmung zu tun. Es ist Flucht und Verzweiflung. Psychisch kranke Menschen brauchen eine Gesellschaft, die den Selbstmord nicht zum würdevollen, selbstbestimmten Ausweg aus dem Leid erklärt, sondern die diese Verzweiflung der Menschen erkennt, ernstnimmt und sich von dieser Verzweiflung treffen lässt, um alles zu tun, dass die Menschen nicht so weit kommen müssen, dass sie nur den Selbstmord als Ausweg sehen – das genaue Gegenteil aber geschieht, wenn in manchen, vor allem den Beneluxländern Europas, der assistierte Suizid gesetzlich erlaubt ist, ja wenn diese Möglichkeit sogar für Jugendliche eröffnet werden soll, die an Depressionen leiden. Entsprechende Gesetzesinitiativen gibt es. Dieser Rechtszustand erhöht den Druck auf die Schwachen der Gesellschaft, statt ihn zu nehmen. Eine Gesellschaft, die diesem Rechtszustand das Wort redet, entzieht sich unter Berufung auf das Recht auf Selbstbestimmung Einzelner der gesellschaftlichen Verantwortung für die leibliche und seelische Wohlfahrt aller.

„Sünde ist ein anderes Wort für gewollte Beziehungslosigkeit. Der Selbstmord ist die radikalste Form, die Verbindungen zu Gott und den Mitmenschen zu kappen“

Manche nehmen Anstoß daran, dass die katholische Kirche den Selbstmord auch unter der Perspektive der Sünde sieht. Aber sie hat Recht. Denn Sünde bedeutet zuerst, dass der Mensch sich willentlich aus der Beziehung zu Gott und seinen Mitmenschen zurückzieht. Sünde ist ein anderes Wort für gewollte Beziehungslosigkeit. Der Sünder bricht mit Vorsatz den Kontakt zu Gott ab. Und wenn er gegenüber einem Mitmenschen sündigt, und sei es in der lässlichsten Form, kappt er in vollem Bewusstsein die Verbindung zu diesem Mitmenschen oder verunmöglicht sie auf Zeit. Der Selbstmord ist nun die radikalste Form, die Verbindungen des Menschen zu Gott und seinen Mitmenschen zu kappen – und insofern ist Selbstmord Sünde.

Das festzustellen hat durchaus therapeutischen Sinn. Denn wer einmal mit suizidgefährdeten Menschen zu tun hatte, erfährt schnell, dass zwar ein geäußertes Verständnis für die Situation, Impulse und Motive der Gefährdeten ihnen momentan Erleichterung verschaffen kann, wenn sie sich etwa erstmals offenbaren – sie dieses Verständnis aber auf Dauer nicht trägt. Erst die professionelle ärztliche und psychologische Betreuung, die den Gefährdeten vorsichtig den Blick dafür öffnet, dass sie von anderen Menschen wertgeschätzt werden, und dass sie damit auch Verantwortung für diese anderen Menschen und der Verbindung zu ihnen haben und wieder übernehmen können, motiviert dazu, sich mit dem beabsichtigten Selbstmord auseinanderzusetzen, um Schrittchen für Schrittchen der Impulse dazu Herr zu werden. Manchmal kommt in solchen Therapien das Gottesverhältnis des Betroffenen zur Sprache – hier geht es ebenfalls darum, die gekappte Verbindung wieder herzustellen. Wer mit Menschen spricht, die einen Selbstmordversuch hinter sich haben, oder die die drängenden Gedanken dazu beherrschen lernen konnten, sagen manchmal: „Ich habe es nicht getan, weil ich mir nicht selbst das Leben gegeben habe, und ich es mir deshalb nicht nehmen darf. Und ich habe es nicht getan, weil ich plötzlich daran dachte, dass ich damit das Leben meiner Mutter bis an ihr Lebensende ruinieren würde. Das darf ich nicht.“

Es gibt kein Patentrezept, Menschen vom Selbstmord abzuhalten und ihnen wieder eine lebenswerte Zukunft zu eröffnen, weil die Ursachen für eine solche Entwicklung so individuell sind wie die Menschen selbst – manchmal scheitert die Therapie, manchmal scheitert das beste Bemühen. Aber am Welt-Suizidpräventionstag darf daran erinnert werden, dass das erste sein muss, die Bedingungen in einer Gesellschaft und ihre durchschnittliche Bewusstseinslage so zu gestalten, dass dem Wunsch nach Selbstmord, den fast alle Menschen in ihrem Leben einmal verspüren oder verspürt haben, nicht Vorschub geleistet wird, indem er als höchstes Selbstbestimmungsrecht theoretisch verherrlicht wird. Nur wenn weiter ohne Einschränkung gilt: „Du sollst Dich nicht selbst töten“, wird den Lebensmüden nicht auch noch ihr letzter Halt weggezogen, der es ihnen ermöglicht, kurz vor Überschreiten der Grenze „Stopp“ sagen zu können: „Du darfst es einfach nicht.“ Oder wie es der Prophet und Gottesknecht Jesaja überliefert: „Den glimmenden Docht löscht er nicht, das geknickte Rohr bricht er nicht.“

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