Sehnsucht nach der absoluten Sprache

In Bad Driburg untersuchten Hölderlin-Forscher die Wirkung des Dichters auf Schriftsteller, Übersetzer und Musiker

Das ostwestfälische Kurbad Driburg bei Paderborn und Friedrich Hölderlin – das ist eine ganz besondere Beziehung. In Driburg verbrachte der Dichter zusammen mit seiner großen Liebe Susette Gontard, die als „Diotima“ Eingang in seine Lyrik gefunden hat, im Jahr 1796 die vielleicht glücklichsten Wochen seines Lebens. Bis heute zeugen die Diotima-Insel und der Hölderlin-Hain im gräflichen Park von dieser denkwürdigen Zeit, die in seinem Werk markante Spuren hinterlassen hat. Was liegt also näher, als den Genius loci des beschaulichen Kurortes am Rande des Teutoburger Waldes für Hölderlin-Tage zu nutzen? Das Festival „Wege durch das Land“ fügte seinen vielen Sommerveranstaltungen jetzt eine November-Tagung mit dem Titel „Über Hölderlin sprechen“ hinzu, die durch die Bandbreite der Aspekte, Sichtweisen und Herangehensformen an das Werk des wohl bedeutendsten deutschen Lyrikers imponierte.

Auf eine unbefangen-unvoreingenommene Weise näherte sich der Bosnier Dzevad Karahasan dem Werk Hölderlins. Sechs Jahre lang, von 1800 bis 1806, seien Hölderlin und Kleist Zeitgenossen im wahrsten Sinne des Wortes gewesen, die vieles gemeinsam gehabt hätten, aber auch sehr gegensätzlich gewesen seien, erklärte der Schriftsteller, Theaterregisseur und Essayist. „Diese Jahre waren eine Grenze in der Zeit, denn eine Epoche endete definitiv, während eine andere begann“, so Karahasan. „Der Mensch löste sich in dieser Zeit aus der großen Kette der Lebewesen und aus der Natur. Er setzte sich an die Stelle Gottes und damit gegen alle anderen Formen der Existenz.“ Das Funktionieren wird damals zum einzigen Daseinszweck, wie der Bosnier am Beispiel der Dampfmaschine verdeutlichte – zum ersten Mal überhaupt in der Weltgeschichte. Die Effektivität wird zum Kriterium des Guten, Wahren und Schönen.

Und wie reagierten Hölderlin und Kleist auf diese Entwicklung? Während Hölderlin noch einen antiken Traum der Einheit träumt, betont Kleist die dunkle Seite der alten Griechen. „Hölderlin ist der, der an ein Ende gelangt. Vieles endet und stirbt mit ihm“, unterstrich der bosnische Schriftsteller. „Er ist ein besonderer Typ, ein Paradigma in der europäischen Literatur – wie Dante, Aischylos oder Pindar.“ Magisches und Wissenschaftliches, religiöse, philosophische und künstlerische Erfahrung werden bei ihm zum letzten Mal miteinander vereint. „Er ist der letzte Vertreter der Einheitsphilosophie, der letzte europäische Schriftsteller, der alle Wesen miteinander verknüpft“, hob Karahasan hervor. Hölderlin habe so als letzter sagen können: „Allein zu sein und ohne Götter ist der Tod“. „Heute sind wir dagegen in dieser Welt allein – nicht nur ohne Götter, sondern überhaupt einfach ,ohne‘“, erklärte Karahasan mit Nachdruck.

Ein, wenn nicht sogar der Höhepunkt der Bad Driburger Tagung war eine Höderlin-Lesung in Englisch, Arabisch, Schwedisch und Italienisch. Welche starke Wirkung der große Dichter seit jeher auf Übersetzer hatte, machte besonders der Libanese Fuad Rifka deutlich, der Hölderlin als erster ins Arabische übertragen hat: „Er ist der Dichter der Übersetzer, denn er war selbst Übersetzer und hat die Dichtung als Übersetzung verstanden. Anders ausgedrückt: Für ihn ist der Dichter gleichbedeutend mit einem Missionar.“

In seiner Weltsicht sei der Ursprung des Dichtens weder der Dichter allein noch eine soziopolitische Struktur, sondern das Heilige. „Der werdende Dichter ist für ihn Vermittler zwischen Himmel und Erde. Sein Wort stiftet die Wahrheit“, strich Rifka heraus. Der Italiener Luigi Reitani widersprach der weitverbreiteten These, man könne Hölderlin nicht übersetzen, weil er „so typisch deutsch“ sei. Für den großen Dichter selbst sei die Übersetzung keine Übung gewesen, sondern habe zu seiner Poetik gehört. Auch sei seine Sprache so besonders, dass sie keinem deutschen Standard entspreche. „Jeder – auch jeder Deutsche – macht die Erfahrung, dass er Hölderlins Sprache erst lernen muss“, betonte der Experte für deutschsprachige Literatur aus Udine. „Das ist dieselbe Erfahrung, die auch ein Übersetzer mit jedem bedeutenden Werk macht.“ In seinen letzten Jahrzehnten habe Hölderlin alias „Scardanelli“ geistig umnachtet im Tübinger Turm verschiedene Sprachen wie Französisch, Altgriechisch und Italienisch gesprochen. Darüber hinaus offenbare seine Ode „Patmos“ die Sehnsucht nach einer absoluten Sprache. „Hölderlin lässt sich nicht auf einfache Formeln bringen“, lautete die Grunderkenntnis Reitanis.

Der Verleger K.D. Wolff informierte auf unterhaltsame Weise über das Zustandekommen der Frankfurter Hölderlin-Ausgabe, deren letzter Band erst vor wenigen Wochen in Wolffs Stroemfeld-Verlag erschienen ist. Wichtiger Bestandteil des Programms der Hölderlin-Tage waren die Lesungen, bei denen Jürgen Holtz und vor allem Nicole Heesters Hölderlins Verse ebenso engagiert wie virtuos zu Gehör brachten. Der frühere Intendant der Berliner Lindenoper, Peter Mussbach, und der österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr steuerten von Hölderlin inspirierte dichterische Texte bei.

Hölderlin-Vertonungen von Hanns Eisler und Benjamin Britten zeugten – neben dem Referat des deutschen Komponisten Walter Steffens – vom großen Einfluss, den Deutschlands größter Lyriker auch auf die Musik hatte und hat. Hölderlin lebt, und seine Wirkung ist bis heute ungebrochen: Das ist die Botschaft der Bad Driburger Hölderlin-Tage, die ihrem dankbaren Publikum den großen Dichter auf selten lebendige und unmittelbare Weise, fernab von fachwissenschaftlichen Verengungen oder trockenem Experten-Kauderwelsch, nahebrachten. Einzig die Diskussionsmöglichkeit über den einen oder anderen Beitrag wurde hier und da schmerzlich vermisst.

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