Schweinegrippe

Ausnahmsweise, und wirklich nur ausnahmsweise, sei hier einer der seltenen Geistesblitze von Heiner Geißler, dem ehemaligen Generalsekretär der CDU, dem zweithöchsten Unionspfälzer der jüngeren Zeitgeschichte und zweitoriginellsten und zweitmuffeligsten elder statesman nach Helmut Schmidt zitiert: „Die Medien jagen jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf.“

Womit er ausnahmsweise, und wirklich nur ausnahmsweise, wortwörtlich Recht hat. Denn zum Zeitpunkt der Produktion dieser Zeilen nämlich, also gestern, Mittwoch, 12.10 bis 12.30 Uhr, musste der Journalist vorsichtshalber jede Minute einen Blick in die Nachrichtenagenturen werfen, ob denn überhaupt noch die Schweinegrippe pandemisch durchs Weltdorf galoppiert, und damit die Grundlage für seine Überlegungen weiter Bestand hat – oder ob nicht schon wieder die Eilmeldungen sich damit überschlagen, dass irgendwo irgendein Fußballtrainer demissioniert worden ist, oder irgendwo irgendein Sternchen von „Deutschland sucht den Superstar“ sich übergeben hat, oder irgendwo irgendein Politiker seinen Parteifreunden dermaßen einen einschenkt, dass die Große Koalition nur so wackelt und die üblichen Verdächtigen Neuwahlen fordern, sofern es die aktuellsten Umfrageergebnisse geraten sein lassen, die natürlich auch wieder stündlich zu Schlagzeilen verwurstet werden. Entschuldigung, Herr Seehofer, als Rampensau haben Sie gerade ausgedient.

Der Ernst der Lage lässt sich sarkastisch ertragen. Denn die Schweinegrippe hat offensichtlich den Journalismus infiziert. Seine Krise besteht darin, dass unprofessionelle private Berichterstatter im Internet Geschwindigkeit und Erregungszustand der Meldungen diktieren, der der professionelle Journalismus hinterherhechelt, und anschließend kein Mediennutzer mehr weiß, was an Nachrichten stimmt und nicht stimmt. Es wird eine allgemeine Panikstimmung geschürt, die niemandem nützt – auch wenn jede Fernsehsondersendung versichert, dass sie absolut keine Panik schüren will, und dann doch wieder mit der Spanischen Grippe hantiert, die mehr Tote als der Erste Weltkrieg gefordert hat. Was muss daraus gelernt werden, wird es aber wohl nicht? Die Gründlichkeit der Recherche, die Zeit braucht, ist notwendiger denn je. Die journalistische Fähigkeit, geprüfte Tatsachen zu vermitteln, ist notwendiger denn je. Und die Tugend der Besonnenheit ist notwendiger denn je, will der Journalismus seine Aufgaben weiter erfüllen können.

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